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Auf den Spuren der EU-Gelder

Von Alexandra Laubner

Politik
© Foto:Laubner; WZ-Grafik, Quelle: MA 27

156 Millionen Euro fließen bis 2020 von Brüssel nach Wien - unter anderem in ein Jobprojekt für junge Mindestsicherungsbezieher, aber auch in eine Minigurken-Plantage in Breitenlee.


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Wien. Um 7.30 Uhr beginnt Alexanders Arbeitstag in der Modecenterstraße in Erdberg. Er baut Schlagobersflaschen zusammen und verpackt sie. Knappe sieben Paletten pro Tag. "Das sind um die 2000 Stück", erzählt er. Der 24-jährige Wiener ist einer von hundert jungen Mindestsicherungsbezieher, dem im Rahmen des sozial-ökonomischen Projekts "Craft Jobs" ermöglicht wird, in der Arbeitswelt Fuß zufassen. "Ich habe vier Jahre lang nichts gemacht und das ist eine sehr gute Chance für mich. Ich finde es super, dass ich wieder arbeiten kann", sagt Alexander.

Craft Jobs ist eines von 300 Projekten in Wien, das von Brüssel aus kofinanziert wird. Die Europäische Union fördert die Initiative zu 50 Prozent aus dem Europäischen Sozialfonds, die andere Hälfte wird je zu 50 Prozent von der Stadt Wien und dem Arbeitsmarktservice (AMS) unterstützt.

Die Zielgruppe sind Mindestsicherungsbezieher im Alter von 18 bis 24 Jahren. "Eine Gruppe, die im Vorjahr sehr stark gewachsen ist und im Moment ein wenig zurückgeht. In Wien gibt es derzeit 13.000 junge Menschen, die gerade mal den Pflichtschulabschluss haben, wenn überhaupt", erklärt Stefan Brinskele, Geschäftsführer von "Reintegra".

Die 1992 in Wien gegründete gemeinnützige Gesellschaft ist Träger von "Craft Jobs". Im Fokus steht die berufliche Integration psychisch kranker Menschen. Der Großteil der Projektteilnehmer arbeitet bei der Firma Manner, 20 Personen bei einem IT-Recycling-Unternehmen in Liesing und um die 25 junge Menschen in der Modecenterstraße. Dort werden derzeit neben den Schlagobersflaschen auch Fahrschultaschen für eine Marketing-Firma angefertigt sowie 400 gebrauchte E-Bikes für ein Händlernetzwerk technisch aufbereitet.

Vermittlungsquote 32 Prozent

Die Jugendlichen sind für 25 Stunden nach dem Kollektivvertrag angestellt und erhalten im Durchschnitt 150 Euro mehr als die Wiener Mindestsicherung beträgt. Nach zehn Monaten endet das Projekt. "Wir versuchen, die Menschen auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten. Die Vermittlungsquote beträgt 32 Prozent. Das heißt, jeder Dritte, der ohne Job zu uns reinkommt, geht mit einem Job hinaus", so Brinskele.

Das spannende an dem Projekt für Brinskele sei, dass für die Fördergeber der Return on Investment bei 1,5 Jahren liege. "Das, was die Stadt und der Bund finanzieren, kommt bei unserer Vermittlungsquote nach 1,5 Jahren wieder zurück. Die einzigen, die nichts davon haben, ist der Europäische Sozialfonds", so Stefan Brinskele.

In der aktuellen Förderperiode von 2014 bis 2020 fließen von Brüssel nach Wien insgesamt 156 Millionen Euro - inklusive der nationalen Kofinanzierungsgelder bewegt sich das Gesamtvolumen bei 249 Millionen Euro. Ein Großteil der Wiener EU-Mittel - nämlich 63,3 Millionen Euro - kommt aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung, der etwa nachhaltige Stadtentwicklungsprojekte, aber auch die Aufwertung von Parks und Plätzen, diverse Forschungsprojekte, sowie Projekte fördert, die eine CO2-Reduktion in der Wirtschaft zum Ziel hat.

Von den 156 Millionen für Wien stammen 71 Millionen Euro aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) - mit den Schwerpunkten Bildung und Ausbildung, lebenslanges Lernen und soziale Integration. Vom Europäischen Fonds für ländliche Entwicklung (ELER) fließt 21,5 Millionen Euro nach Wien - im Fokus stehen die Umwelt und Ressourceneffizienz, die Bekämpfung des Klimawandels sowie die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit landwirtschaftlicher Betriebe.

Der kleinste Kuchen der Wiener EU-Mittel wird aus dem europäischen Meeres- und Fischereifonds (EMFF) getragen. Mit den 122.000 Euro Fördergeldern werden in Wien Projekte unterstützt, die unter anderem die Aquakulturproduktion im Fischereisektor steigern soll.

Auch Martin Flicker, Geschäftsführer der gleichnamigen Gärtnerei, profitiert von der EU. Investitionsförderungen im Gartenbau werden bei einer Obergrenze von 800.000 Euro Fördervolumen mit 15 Prozent von der EU unterstützt, 15 Prozent schießt der Bund und zehn Prozent die Stadt Wien hinzu.

Flicker hat gemeinsam mit seinem Geschäftspartner eine Gurken-Plantage im 22. Bezirk in Breitenlee realisiert. Investitionsvolumen: sieben Millionen Euro. Zwei Gewächshäuser mit je 21.000 Quadratmetern sind seit März in Betrieb. Flicker und seine 45 Mitarbeiter ernten täglich bis zu 15 Tonnen Gurken - und das das ganze Jahr hindurch.

"In den Sommermonaten können wir nach zwei Wochen ernten, im Winter nach ungefähr drei Wochen", erklärt Martin Flicker. Die Vermarktung erfolgt zu 99 Prozent über die LGV Frischgemüse, eine Genossenschaft, die sich aus rund 110 Gärtnerfamilien zusammensetzt.

Der ursprüngliche Betrieb in Hirschstetten, den Flicker von seinen Eltern übernommen hat, ist vor 15 Jahren der Stadtentwicklung zum Opfer gefallen. "Ich war damals gerade im Aufbau eines Erdbeerbetriebes. Das hat aber nicht so gut funktioniert", erinnert sich Flicker.

Gürtel erstes großes Projekt

Das Jobprojekt für junge Mindestsicherungsbezieher und die Minigurken-Plantage in Breitenlee sind zwei von vielen Beispielen, wie sich das EU-Budget auf Wien auswirkt. Einer der ersten großen Wiener Projekte Ende der 1990er-Jahre ist die Gürtelmittelzone. Aus Stadtbahnbögen wurden Lokale, die Freiflächen aber auch der Urban-Loritz-Platz wurden neu gestaltet.

Von der Regionalförderung profitierten auch die Leopoldstadt und Brigittenau. Beispielsweise wurde der Hannovermarkt im Zuge der EU Ziel2 Förderung 2003 umgebaut und revitalisiert. EU-Fördergelder sind ebenfalls in die Ottakringer Straße, die nach einjähriger Bauzeit im September 2013 eröffnet wurde, geflossen. Aber auch der Gleisumbau am Nepomuk Berger Platz zwischen Ottakringer Straße und Ottakringer Brauerei wird aus den Mitteln des EU-Fonds für regionale Entwicklung kofinanziert, wie auch das Technologiezentrum der Wirtschaftsagentur in der Seestadt.

Achillesferse Bewilligung

"Was wir in Wien speziell machen ist, dass wir öffentliche Stellen in der Umsetzung ihrer Agenden unterstützen", erklärt Heinrich Weber, Dezernatsleiter für Urbanistik in der MA27 (Europäische Angelegenheiten).

Wie lange dauert es, bis ein Projekt genehmigt wird? "Das ist ein wenig unsere Achillesferse. Wir haben eine Bewilligungsdauer von sechs Monaten bis zu einem Jahr oder auch länger", sagt Weber. In der Regel würden fast alle Projekte genehmigt werden. "Weil wir den Leuten bereits sehr früh sagen, ob eine Einreichung Sinn macht oder nicht", so Heinrich Weber.

Wer hinter die Kulissen von EU-kofinanzierten Projekte in Wien blicken
möchte, hat von 15. bis 19. Mai an 41 Standorten Gelegenheit dazu.
Weitere Infos unter www.facebook.com/EUropaInWien