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Auf den Spuren der Maya

Von Bernhard Widder

Wissen
"Teobert Maler, mexikanischer Hauptmann, der in der Freilegung von Maya-Altertümern seine Lebensarbeit erblickte." (Eigenhändiger Bildetxt Malers).
© Aus dem zitierten Buch von A. Herrmann

Vor 100 Jahren starb der Archäologe und Fotograf Teobert Maler. Dieser deutsch-österreichische und mexikanische Gelehrte gilt als Pionier der Altertumsforschung in Mexiko.


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Am 4. Dezember 1912 schrieb der damals siebzigjährige Gelehrte Teobert Maler aus Paris einen Brief an den Wiener Regierungsrat Franz Heger. Darin kündigte er eine Sendung mit Fotografien an, die in einem "Kistchen" nach "Wien I, Burgring 7 - "grande vitesse" geschickt worden sei. Die drei Pakete enthielten insgesamt 345 Fotografien, die von Maler mit zwei Papierformaten und entsprechenden Preisen bezeichnet wurden. Weiters ersuchte der Autor des Briefs den Adressaten Heger, relativ schnell zu entscheiden, ob er diese Sammlung für sich oder ein Museum erwerben wolle. Sie müsste sonst bald wieder nach Paris geschickt werden, da Teobert Maler zu Ende des Jahres 1912 wieder nach Yucatán zurückzukehren plante.

Eine abschließende Anmerkung lässt den Leser aufhorchen: "Ich weiß nicht, ob in Wien ein Gelehrtenkreis existiert, welcher Interesse nimmt an meinen mexikanischen Entdeckungen?"

Was der Regierungsrat Heger mit der umfangreichen Sammlung in der Folge unternahm, ist bis heute unbekannt. Wenn im Jahr 1912 ein Wiener Museum sich dafür interessiert hätte, so wäre eine derartige Sammlung heute, 100 Jahre nach dem Tod des Mexiko-Forschers, eine unschätzbare Hinterlassenschaft aus der Frühzeit der Fotografie. Der "Gelehrtenkreis", den Maler in dem Brief vorsichtig anspricht, war in Wien damals aber nicht vorhanden. Das frühere "Museum für Völkerkunde" (jetzt "Weltmuseum") besitzt nach eigener Auskunft nur wenige Fotografien Malers, die dem Genre "Gesellschaft-Aufnahmen" entstammen.

Kunst und Forschung

Was Teobert Malers fotografisches Werk prägt, sind neben der auffallenden künstlerischen Gestaltung der Motive die Vielfältigkeit der Themen sowie der lange Zeitraum von mindestens 35 Jahren, in denen seine umfangreichen Dokumentationen von mexikanischen Landschaften, Städten, ethnischen Gruppen und archäologischen Monumenten entstanden sind. Sein besonderes Interesse galt ab 1885 der Erforschung der Monumente und Zentren der antiken Maya-Kultur auf der östlichen Halbinsel Yukatán und ihrer benachbarten Regionen im Regenwald der heutigen Staaten Mexiko, Guatemala und Belize.

Die Besonderheit dieses Werks erklärt sich aus mehreren Faktoren: Teobert Maler arbeitete unter sehr schwierigen Bedingungen im tropischen Klima mit damals üblichen großformatigen Plattenkameras. Der Vorteil des Großformats ist die besondere Schärfe der Abbildungen (da Negativ und Abzug im Verhältnis von 1:1 stehen).

Einzigartig ist der Zeitpunkt, an dem Maler viele Fundstätten der Maya dokumentierte. Viele der kleineren Orte hat nur er mit seinen Mitarbeitern entdeckt, vermessen, fotografiert und beschrieben. Manche dieser Orte wurden nach provisorischer Freilegung wieder von Vegetation überwuchert oder von Vandalen zerstört. Teobert Malers Bilder zeigen in vielen Fällen den Zustand der Erstentdeckung.

Wie geschah es, dass im Jahr 1864 ein junger Ingenieur und Architekt aus Baden-Baden nach Mexiko kam und dort bis zu seinem Tod im Jahr 1917 insgesamt 46 Jahre verbrachte?

Teobert Maler wurde 1842 in Rom geboren, wo sein Vater als Diplomat des Großherzogtums Baden tätig war. Malers Mutter starb früh, die Beziehung zum Vater war problematisch. Maler verbrachte seine Kindheit und Jugend "unglücklich" in Baden-Baden, studierte dann Ingenieurwesen und Architektur in Karlsruhe.

1863 zog der 21-jährige Maler nach Wien, um im Atelier des Architekten Heinrich von Ferstel an der Planung der Wiener Votivkirche zu arbeiten. Bauherr und Finanzier dieser umfangreichen neugotischen Planung war der Erzherzog Ferdinand Maximilian (1832-1867), der das Planungsbüro des Öfteren besuchte. Dort erfuhr Teobert Maler von dem bizarren Plan Maximilians, ab 1864 als "Kaiser von Mexiko" zu herrschen, ein sehr unsicheres Angebot des französischen Kaisers Napoléon III., der für Mexiko imperiale und koloniale Träume hegte und eine Invasion vorbereitete.

Maler, vom Abenteuer angezogen, bewarb sich beim Freiwilligen-Corps, einer kleinen österreichischen Armee, die unter dem Kommando des Grafen Thun-Hohenstein aufgebaut wurde. Diese Truppe umfasste etwa 1000 Mann und sollte den österreichischen Erzherzog Maximilian begleiten, als er seine Regentschaft in Mexiko antrat. Maler wurde aufgenommen, reiste als "Cadet" der "1. Pionier-Compagnie" mit dem Corps von Triest aus nach Veracruz in Mexiko, das am 1. Jänner 1865 erreicht wurde.

Militärische Laufbahn

Maler nahm an mehreren Kämpfen teil, wurde Leutnant, kam später in die mexikanische Hauptstadt, wo er am Schloss Chapul- tépec beschäftigt war. 1867 brach das kurze Kaiserreich zusammen, endete mit einer Tragödie des Kaisers: Maximilian wurde von mexikanisch-republikanischen Truppen im Juni 1867 in der Stadt Querétaro erschossen.

Die Republik wurde unter dem Präsidenten Benito Juárez wieder installiert. Im Herbst desselben Jahres erließ Juárez eine Amnestie, die allen im Land verbliebenen Angehörigen des Kaiserreichs Straffreiheit zusicherte. Ihnen wurde angeboten, mit ihrem früheren militärischen Rang in der republikanischen Armee Aufnahme zu finden. Diese großzügige Geste hatte den Hintergrund, dass Benito Juárez daran interessiert war, fähige und gebildete Europäer für die von ihm geplante Modernisierung des Landes einzusetzen. Teobert Maler hatte beschlossen, in Mexiko zu bleiben, das riesige Land zu erforschen, und verwendete später den Namen "Teoberto Maler, mexikanischer Hauptmann".

In den ersten zehn Jahren seines Aufenthalts in Mexiko unternahm Maler viele abenteuerliche Reisen in die abgelegenen westlichen und südlichen Bundesstaaten, ab 1874 verwendete er die "Photographie" mit den damals üblichen Großformaten und einem Stativ. 1877 gelangte er zum ersten Mal nach Palenque im östlichen Staat Chiapas, zeichnete und fotografierte die dortigen Monumente der klassischen Maya, die wegen ihrer besonderen Lage am Rand des Regenwalds leichter erreichbar waren als die vielen Stätten, die Maler ab 1884 in ganz Yucatán erforschen wollte.

Von 1878-1884 hielt Maler sich in Europa auf, um sein Erbe zu klären, weiters unternahm er Reisen in Europa, im Kaukasus und im Orient. 1884 kehrte er nach Mexiko zurück, übersiedelte nach Mérida, der Hauptstadt Yucatáns, wo er im Wesentlichen bis zu seinem Tod im Jahr 1917 leben sollte. Er verbrachte viel Zeit mit Expeditionen in das unwegsame Innere von Yucatán, einer bewaldeten Karstlandschaft, die im Süden in tropischen Regenwald und später in Bergland übergeht.

Über seine systematische Art des Reisens schrieb er im Herbst 1893 an den deutschen Konsul Otto Rosenkranz, mit dem er befreundet war und auch Jagausflüge unternahm: " (. . .) da ich nicht das System anderer Reisender befolge, welche gewöhnlich ein Land in dieser oder jener Richtung durchziehen und darum sehr wenig sehen, sondern mein Hauptquartier in irgendeinem günstigen Punkte aufschlage, und dann nach allen erdenklichen Richtungen, wo ich von den Indianern Nachricht von Ruinen erhalten habe, meine Schritte wende. Kein Standort wird von mir verlassen bis nicht alles Erreichbare erforscht ist, und dann erst begebe ich mich nach einem anderen. Ich habe mindestens 100 alte Städte erforscht, und die denkbar merkwürdigsten Tempel, Paläste, Schlösser, kleine Häuser, Denksäulen, Türme, Figuren, Inschriften usw. in meiner Sammlung vereinigt."

1895-1905 war Teobert Maler im Auftrag des Peabody Museum der Universität Harvard unterwegs. Die Zusammenarbeit endete wegen Meinungsverschiedenheiten über die Art der Publika-tionen, die das Museum nach seinen Fotografien und Aufzeichnungen herausgab. Ab dann wurde Malers Leben zunehmend schwierig, da seine finanziellen Mittel versiegten und keine weiteren Aufträge für Forschungen mehr in Aussicht standen.

Verschiedene Werke Malers wurden in den vergangenen Jahrzehnten publiziert, etwa sein mehrteiliges Werk "Peninsula Yucatán", das Ende der 1990er Jahre in Berlin in einer aufwendigen Edition erschien. Malers Freund aus Mérida, Konsul Otto Rosenkranz, stiftete 1926 dem "Lippischen Landesmuseum" in Detmold (Nordrhein-Westfalen) eine größere Sammlung, die auch 300 Fotografien Malers umfasste. Daraus erschien 1992 eine größere Auswahl in einem gut edierten Buch, das von dem Entdecker der Fotos, Andreas Herrmann, betreut wurde. Die Wiener Autorin Doris Bonaccorsi-Hild veröffentlichte 2001 einen historischen Roman mit dem Protagonisten Maler.

Ab 2006 beschäftigte sich die "Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Mayaforschung" (mit Sitz in Graz) mit dem Projekt der "Casa Maler", das ein neuartiges Studienzen-trum am Ort des vormaligen Wohnhauses Malers in der Stadt Mérida umfasste. Die weit geplante Unternehmung wurde leider im Jahr 2014 eingestellt.

Aktuelle Wirkung

Positive Neuigkeiten zum Werk Teobert Malers sind aber trotzdem aus den Jahren 2016/17 zu vermelden: den größten fotografischen und wissenschaftlichen Nachlass scheint das Berliner "Ibero-Amerikanische Institut" zu besitzen (rund 2700 fotografische Aufnahmen). Im Mai 2016 fand dort eine Ausstellung mit ausgewählten 55 Fotografien Malers statt: "Teobert Maler. Historische Fotografien Mexikos".

Im Jubiläumsjahr 2017 wurde diese Ausstellung in zwei Städten Mexikos gezeigt: Mexiko-Stadt und Mérida. In Wien, wo das mexikanische Abenteuer für den jungen Maler ursprünglich begonnen hatte, fand weder von österreichischer noch mexikanischer Seite etwas statt, was einer Würdigung dieser Persönlichkeit entsprochen hätte.

Andreas Herrmann schrieb in der Einleitung seines Buchs "Auf den Spuren der Maya / Eine Fotodokumentation von Teobert Maler" (Akademische Verlagsbuchhandlung, Graz 1992):

"Die Arbeit Malers bildet in vielfacher Hinsicht ein Gegenstück zum Werk des englischen Forschers Alfred P. Maudslay, von dem wir den kostbaren vierbändigen Bilderatlas ‚Archeology’ in der ‚Biologia Centrali-Americana’ (London 1889-1902) besitzen. Beiden als Pionieren der Maya-Forschung verdankt die Wissenschaft mehr an Ansichten und
Hieroglypheninschriften als allen Gelehrten vor und nach ihnen. Für die Qualität der vielen Architekturzeichnungen, die Maler von zahlreichen Bauten anfertigte, findet sich unter den Bauaufnahmen seiner oft ungenügend vorgebildeten Zeitgenossen kein auch nur annähernd vergleichbares Seitenstück. Grundrisse und Schnitte mit den zentimetergenau eingetragenen Maßen erweisen den ausgebildeten Architekten."

Bernhard Widder, geboren 1955, lebt als Schriftsteller, Übersetzer und Architekt in Wien.