Zum Hauptinhalt springen

Auf den Spuren der Walser

Von Manuela Ziegler

Reflexionen

Vor 700 Jahren kamen die Walser nach Vorarlberg. Um dieses archaische Volk ranken sich nach wie vor viele Rätsel. Bei einer Wanderung im Biosphärenpark Großes Walsertal kommt man ihm ein wenig näher.


Eine Impression vom Walserweg: vorne der Formarinsee, im Hintergrund die Rote Wand.
© Foto: Ziegler

Schwer beladen ziehen die Siedler den Berg hinauf. Einer trägt eine Kuh auf dem Rücken, auf den Viehwagen türmen sich Menschen mit ihrem Hab und Gut, manche gehen schweren Schrittes nebenher. Der "Walserzug", als Wandfresko eines Gasthofes in Buchboden, symbolisiert den Gründungsmythos Vorarlbergs. Dies ist nur eine von zahlreichen bildlichen Darstellungen, die unlängst im Huberhus Lech zu sehen waren. "Wer oder Was ist ein Walser?" hieß die Ausstellung anlässlich der alemannischen Zuwanderung vor 700 Jahren. Die ersten Kolonisten einer Völkerwanderung über die Alpen waren sie nach neuesten Erkenntnissen definitiv nicht. Seither ist die Diskussion um das eigenwillige Volk neu entfacht.

Die Gäste im noblen Skiort Lech kümmern sich jedoch kaum um das historische Erbe. Sie tummeln sich auf den blumengeschmückten Hotelterrassen oder gehen strammen Schrittes mit Rucksack und Wanderstock ihres Weges. Das abseits der Hauptstraße gelegene "Huberhus", ein ehemaliges Walserwohngebäude aus dem 16. Jahrhundert, ist nicht das Ziel der großen Masse. Das Blockhaus, charakteristisch für die Walserarchitektur, wurde 2004 in seinen ursprünglichen Zustand zurückgebaut. Eine Küche, eine getäferte Stube, eine Schlafkammer und eine Küferwerkstatt spiegeln die einst bäuerliche Lebensweise. Sie prägte die Walsersiedlungen.

Diese liegen meist hoch oben am Berg. Über den Grund dafür rätselt die Forschung ebenfalls. Was sie in der Hand hat, sind zwei Urkunden aus dem Jahr 1313 aus den Orten Laterns und Damüls. Sie erwähnen die ersten Niederlassungen der Zugewanderten und deren eigene Gerichtsbarkeit. Dieses sogenannte Kolonistenrecht galt lange Zeit als Gemeingut, wird aber inzwischen kontrovers diskutiert. So nahm man an, dass die besonderen Freiheiten an die Auflage gebunden waren, Land zu kolonisieren. Demgegenüber steht inzwischen die Meinung, dass Walser ihre Rechte aus dem Oberwallis mitgebracht hätten.

Doch warum zogen Sie überhaupt aus? Meine Spurensuche führt zu Fuß in diesen westlichen Winkel Österreichs - dorthin, wo sie seit Jahrhunderten ihren Käse herstellen.

Einsame Säumerpfade

In vierzig Minuten fährt ein Wanderbus durch einen lichten Nadelwald, durchsetzt mit Sonnenflecken, Endhalt am "Formarinsee". Leicht aufsteigend führt der Weg um den smaragdgrün schimmernden Gebirgssee bis hinauf zur Freibürger Hütte. Hier oben auf knapp 1900 Metern Höhe herrscht Hochsaison.

Familien kehren vom nahe liegenden Klettergarten zurück, die Routen vom Lechweg kreuzen sich mit jenen des Transalp, eines alljährlichen Großereignisses für Mountainbiker. "Walser? - nein, nie gehört", sagt ein junges, deutsches Paar, das heute von der Göppinger Hütte herüberwanderte.

Auch Hüttenwirt Markus weiß nichts von Walserwanderern. "Deren Wege liegen abseits", sagt der im Kleinen Walsertal gebürtige Stefan Heim. Er stammt aus einer Walserfamilie und ist auf deren bäuerlichem Hof in Mittelberg groß geworden. In diesem Frühjahr erschien sein Wanderführer "Walserweg Vorarlberg". Einer davon ist der alte Säumerweg, auf dem Salz von Hall in Tirol über Alpsiedlungen wie Formarin, Laguz, Garmiel, Sonntag und Fontanella transportiert wurde.

Ich treffe Heim am nächsten Morgen am Wegweiser zur Laguz-alpe für eine Tagesetappe. Ein flacher Aufstieg führt uns durch die Lange Furka, einem eiszeitlichen Kartal, und zum höchsten Punkt der Wanderung auf 2010 Meter. Auf den Bergwiesen ringsum versprühen tiefblauer Enzian, rosarote Alpenrose, Orchideen, und gelber Hahnenfuß, Frauenmantel und vieles mehr ihr Farbenfeuerwerk.

"Wir erfreuen uns an der Natur, aber für die mittelalterlichen Walser war sie ein beschwerliches Muß", so der Buchautor. Nicht wenige Säumer verloren ihr Leben beim Broterwerb - durch eine Lawine oder den Kältetod. Uns hingegen eröffnet sich beim Abstieg der Blick auf Breithorn und Kellaspitze, den Gebirgszug des Großen Walsertals. Bald stoßen wir auf den rauschenden Laguzbach, auf einer Hochweide vis-à-vis sömmern die Kühe. Ihr Geläut tönt herüber. Sie gehören zur Oberen Laguzalpe, einer Genossenschaftsalp, heute wie dazumal. "Im Unterschied zu anderen Einrichtungen sennt hier jeder Walser selbst", sagt Heim.

Zeugnis von diesem Individualismus liefert auch die Streusiedlung Laguzalpe, einige hundert Meter talabwärts. Jedes Gebäude steht für sich, ein Zentrum gibt es nicht. Zu einem Haupthof zählen außerdem noch verstreut liegende Futterstellen. Dieses Siedlungsprinzip findet sich auch in Thüringerberg, St. Gerold, Blöns, Sonntag, Fontanella und Raggal - so heißen die Walsergemeinden im Großen Walsertal. Und es setzt sich über die Ländergrenzen hinweg fort. "Auch im Aostatal ist es sichtbar", so Heim.

Trotz der Verstreutheit ist ein Gefühl der Zusammengehörigkeit geblieben. "Es stellt sich sofort ein, wenn ich walserisch höre", sagt der als Chronist in seiner Heimatgemeinde tätige Stefan Heim. "Mir hätte nichts Besseres passieren können, als der Chronistenberuf", meint der 43-Jährige rückblickend. Schon als Vierzehnjähriger hatte er im elterlichen Anwesen zwei Handschriften entdeckt und übersetzt. Und diese Leidenschaft für seine Herkunft hält an. Einmal jährlich macht er Urlaub von der Familie und wandert mit Freunden auf Walserwegen im Süden. Walserisch sei das Bindeglied in der Fremde wie daheim. Damit stellt sich Vertrautheit ein. Sie ist spürbar, als wir auf der Laguzalpe einkehren und Grüße getauscht werden, wenn auch die Dialekte leicht verschieden sind.

Milch und Vieh

Die offerierte Rohmilch schmeckt herrlich sahnig. Der Walser-Bergkäse wird in der Omelette serviert. Die Kulturlandschaft ist geprägt von der Milch- und Viehwirtschaft der Walser und bildet einen entscheidenden Pfeiler für den "Unesco-Biosphärenpark Großes Walsertal".

Doch das Walserbewusstsein speist sich aus vielen historischen Zuschreibungen. Eine davon ist die der Herrenrasse, wie das nationalsozialistische Propagandaplakat im Huberhus zeigte. "Das erklärt sich in erster Linie aus der alamannischen Herkunft, außerdem diente das Überleben in Höhenlagen als Ausdruck von besonderer Stärke", so Heim. Stärke zählt noch immer zum Identitätsbegriff. Der Walser verabschiedet sich und joggt steil bergan in der Mittagssonne zurück - auch dies ein Ausdruck von Stärke.

Walseridentität?

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung um die Walseridentität reicht zurück bis ins 19. Jahrhundert: Damals begründete der Völkerkundler Karl Ilg den heroischen Mythos der starken Kolonisten. Stärke brauchte es auch, um bei den noch höheren Temperaturen im Mittelalter diesen Saumpfad nach Marul zu gehen, denke ich. Der schattenlose Höhenweg führt zwischen Latschenkiefern hindurch, die zusätzlich enorme Hitze abstrahlen. Vielleicht trug auch die unwirtliche Natur insgesamt dazu bei, dass sich Walser und Hiesige zusammentaten und heutzutage vielfach als eins verstehen? In den 19 Walsergemeinden leben kaum Zugezogene, ohne familiär verbunden zu sein. Insgesamt stellen sie gerade mal knapp fünf Prozent der Vorarlberger Bevölkerung.

Angesichts dieser Überschaubarkeit ist eine Furcht vor dem Vergehen der eigenen Kultur verständlich. Bereits seit den Sechziger Jahren erstarkt das Walsertum durch die damals gegründeten Walservereinigungen. Diese fördern das kulturelle Erbe im Land stark, etwa durch die Walserskimeisterschaften, aber auch durch wissenschaftliche Treffen wie das heurige Symposium in Bregenz. Den Anstoß dafür lieferte die Doktorarbeit von Silke Gräfin La Rosee, in welcher sie das sogenannte Kolonistenrecht in Frage stellt.

Entmystifizierung

Seither ist eine Entmystifizierung im Gange. Dabei geht es nicht um die Gründe der Auswanderung aus dem Oberwallis und die Gerichtsbarkeit. Es wird auch Kritik laut an der Vermarktung des historischen Erbes für den Ski- und Sommertourismus, die Haupterwerbsquellen. Man möchte fast von einer Art Kult sprechen, dem aber auch viele Walser selbst nichts abgewinnen können, wie meine Pensionswirtin mir später in Raggal berichten wird. Als "waschechte Walserin" fühle sie sich ohnehin nur dann, wenn sie walserisch spreche.

Ihre Söhne kennen leider schon viele besondere Ausdrücke nicht mehr. Doch es wird weiterhin erinnert, gefeiert und gesprochen: Chonnscht du aa zum Walserträffa? stand auf einem großen lila-farbenen Ballon an der Dorfkirche von Marul, der zum 18. Internationalen Walsertreffen im September einlud.

Ich erreiche erschöpft den Dorfplatz nach einem dreieinhalbstündigen Nachmittagsmarsch mit rund 1000 Höhenmetern Abstieg. Wie sich ein Walser fühlt, weiß ich noch immer nicht, aber ich bin um ein Stück Walsertum bereichert.

Manuela Ziegler, geboren 1970, lebt als Journalistin in Konstanz. Sie arbeitet bei der Schweizer Journalistenarbeitsgemeinschaft Pressebüro Seegrund in St. Gallen.

Buchtipp
Der Walser Stefan Heim, gebürtig aus dem Kleinen Walsertal, hat den "Walserweg Vorarlberg" erarbeitet und ein Buch dazu vorgelegt. Der Kulturwanderweg reicht in 25 Etappen entlang der verstreut liegenden Walsersiedlungen vom Brandnertal aus, über Liechtenstein, ins Große und Kleine Walsertal, und weiter ins Silbertal bis nach Südtirol. Zu jeder Wegbeschreibung gibt es einen Kartenausschnitt und kulturgeschichtliche Ausführungen. So wird die 700-jährige Geschichte des alamannischen Stammes in Vorarlberg erlebbar. Ausgangs- und Endpunkte fast aller Tagestouren sind gut mit ÖV erreichbar.
Stefan Heim, Walserweg Vorarlberg, Tyrolia Verlag, Innsbruck–Wien 2013.
Weitere touristische Informationen unter www.walsertal.at, www.walstertreffen.at