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Auf der Flucht

Von WZ-Korrespondentin Birgit Svensson

Politik

Aus Angst haben Jesiden und Christen ihre Dörfer verlassen.


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Dohuk. Abu Wael steht mit seinem voll bepackten Kleinbus an einer Tankstelle etwa 60 Kilometer vor Dohuk, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz in Irak-Kurdistan, und trägt ein Fußballhemd, auf dem "Deutschland" steht. Die WM hat er in seinem Haus im christlichen Dorf Bartilla verfolgt, das auf halber Strecke zwischen Mosul und Erbil liegt. Als Deutschland gewann, besorgte sich der Fan das Hemd in der nahegelegenen Christenstadt Qaraqosh, wo Rückkehrer aus Deutschland solche Dinge verkauften. Als die Warnung kam, Daash rücke an, raffte er schnell das Notwendigste zusammen, verfrachtete seine Familie in den Kleinbus und fuhr davon. Daash ist der arabische Name für die Terrororganisation IS, früher Isis, die seit zwei Monaten im Irak auf blutigen Eroberungszügen ist und nun auch die kurdische Region in Angst und Schrecken versetzt.

Nur zwei Stunden später seien die Terroristen nach Bartilla eingerückt, nachdem sie bereits die christlichen Orte Qaraqosh, Hamdanija und Bashiqa erobert hatten. Das Dorf liegt unmittelbar an der Grenze zu den kurdischen Autonomiegebieten. Abu Wael weiß, dass nun Dschihadisten in seinem Haus wohnen, dass die Dorfkirche brannte, Gräber geschändet wurden und jeder, der sich dieser mordenden Truppe in den Weg stellte, tot ist. Doch in Bartilla konnten alle Bewohner rechtzeitig fliehen. "Das Dorf war leer, als die kamen", berichtet der Chaldäer, der Mitglied der größten Gruppe der irakischen Christen ist. Kurdenpräsident Masoud Barzani habe versprochen, die Christen zu schützen, sagt Abu Wael noch, "aber er hat es nicht geschafft". Die zweite Angriffswelle der IS erfolgte von Mosul aus nach Osten Richtung Erbil, der Hauptstadt der autonomen Kurdenregion und nach Norden in Richtung Dohuk. Im gesamten Raum zwischen der syrischen Grenze und den kurdischen Autonomiegebieten soll künftig die Flagge des Kalifats wehen, so das erklärte Ziel.

Seit Tagen sind tausende und abertausende Menschen auf der Flucht im Nordirak. Die Straßen Kurdistans gleichen einer Völkerwanderung: Kurden, Araber, Turkmenen, Christen, Jesiden und Schabak. Alle Volksgruppen Iraks fliehen vor den schwarz gekleideten Monstern mit ihrem unersättlichen Hunger nach einem Islamischen Staat, den sie Kalifat nennen. Jeder, der sich ihnen in den Weg stellt, riskiert getötet zu werden. Wie viele Menschen bereits umgebracht wurden, lässt sich kaum erfassen. Die von IS eroberten Gebiete sind nur unter Lebensgefahr zugänglich. Informationen von dort verbliebenen Zivilisten sind spärlich.

Erbil ist bereits überfüllt

Abu Wael und seine Familie wollen in der Stadt Dohuk Zuflucht finden, weil die Kurdenmetropole Erbil bereits heillos mit Christen aus der nahen Umgebung überfüllt ist. Die beiden Städte trennen 150 Kilometer. Eine Tagesreise für viele, da sich ein Flüchtlingstreck an den anderen reiht. Am Fuße der Berge von Dohuk wohnen die Jesiden. Die Stadt selbst liegt in einer Talsohle eingebettet. In Panik fahren, tuckern, strampeln oder laufen die Menschen die steile Straße hinauf in der Hoffnung, dass sie dort oben sicher sind. Selbst die Schafherden werden eilig aus den Ebenen der Provinz Nineve in die Berge um Dohuk getrieben. Viele stranden vor dem Kontrollpunkt der Stadt, weil sie in der Hektik des Aufbruchs ihre Ausweise vergessen haben. Der Parkplatz vor der Stadteinfahrt gleicht einem Open Air Massenlager.

"Hierher kommen die nicht", meint ein junger Mann überzeugt, der sich Khalil nennt und als Jeside ausgibt. Auf dem Arm trägt er ein kleines Mädchen, das bitterlich weint. "Die wollen uns alle umbringen." Aus seinem Dorf da unten seien alle geflohen. Khalil zeigt auf Baadre, das nur fünf Kilometer von Dohuk entfernt in der Ebene liegt. Mit "die" meint er Daash, die vor zehn Tagen aus Syrien kommend die Jesidenstadt Sinjar angegriffen hat - 200 Kilometer von Dohuk entfernt, an der syrischen Grenze. Von dort startete IS die erste Angriffswelle auf das Kurdengebiet.

Verschleppt und hingerichtet

Nachdem Sinjar und Zmmar erobert waren, brachten sich IS-Kämpfer am Mossul-Damm in Stellung und bedrohten zunächst vom Westen her die Region um Dohuk. Vier Tage später kamen die marodierenden Killer aus dem Süden und brachten Tilkef in ihre Gewalt. Die Bewohner der Jesidendörfer Sheikhan, Baadre und Alqosh fürchteten, dass sie als Nächstes dran seien. Das Schicksal ihrer Glaubensbrüder und Schwestern in Sinjar liegt wie ein Fluch auf der gesamten Minderheit. Tausende Jesiden waren dort in die Berge geflüchtet, eingeschlossen, ohne Wasser und Nahrung. Hunderte sollten getötet und verschleppt worden sein. Es ist die Rede von Vergewaltigungen und Massenhinrichtungen, von einem Genozid an den Jesiden. Nachprüfen lässt sich das noch nicht, doch die Erzählungen der Flüchtlinge sind identisch.

Die US-Armee fliegt inzwischen Luftangriffe gegen die Dschihadisten in der Stadt Sinjar und versucht, die Menschen im Sinjar-Gebirge notdürftig mit Wasser und Lebensmitteln zu versorgen. Frankreich und Großbritannien wollen ebenfalls Hilfsgüter schicken. Großbritanniens Premierminister David Cameron hat eine "internationale Mission" zur Rettung von Jesiden im Irak angekündigt. Ein Korridor zur Flucht über Syrien bis nach Dohuk ist eingerichtet worden. Allerdings harren die Menschen nun schon so lange im Sinjar-Gebirge aus, dass viele bereits zu schwach sind, den langen Fußmarsch auf sich zu nehmen. Es ist Sommer im Irak, und Temperaturen von über 40 Grad sind auch in den Bergen an der Tagesordnung. Wer in Dohuk ankommt, ist dehydriert und braucht dringend medizinische Versorgung.

Jesiden als Teufelsanbeter

Die Jesiden sind eine kurdisch-stämmige Minderheit mit einer vorislamischen Geschichte. Ihre Zahl wird weltweit auf 800.000 geschätzt. Die meisten von ihnen leben im Nordirak. Außerhalb ihres Siedlungsraums, der neben dem Irak auch Nordsyrien und die südöstliche Türkei umfasst, befindet sich die größte Diaspora mit etwa 60.000 Mitgliedern in Deutschland. Im restlichen Europa kommen noch einmal etwa 65.000 hinzu. Das Hauptheiligtum ihrer Religion, die sowohl christliche als auch muslimische Elemente enthält, ist der Tempel in Lalisch, am Fuße der Berge um Dohuk. Jesiden haben Mythen und heilige Figuren, aber keine Schrift, die Regeln aufstellt. Im Irak unter Saddam Hussein galten sie als Teufelsanbeter und waren schon damals unter Druck geraten. Den islamistischen Gotteskriegern von IS dient dies nun als willkommene Erklärung für ihre Mordlust. Dabei ist die Philosophie der Jesiden nicht die Anbetung des Satans, sondern die friedliche Koexistenz mit ihm. Wenn sie sich nicht mit dem Teufel anlegen, so der Glaube, wird er ihnen auch nichts Übles anhaben. Im Falle von IS trifft das allerdings nicht zu. Je wehrloser sich die Jesiden aufstellen, desto leichter geraten sie in die Fänge der Teufel des Terrors.

Geisterstädte

Der schmale Weg von der Hauptstraße zum Dorf Alqosh ist menschenleer, obwohl sonst eine Stunde vor Sonnenuntergang die Bewohner üblicherweise ihre Häuser verlassen. Im ganzen Ort herrscht eine gespenstische Ruhe. Keine Menschenseele zu sehen. Die Tür zum Wärterhäuschen bei der Einfahrt steht offen, ein Teekessel steht halbvoll an der Brüstung, in den Tassen ist noch braune Flüssigkeit zu sehen, die Zuckerdose ist ohne Deckel. Am Feuerwehrhaus gleich dahinter stehen die Tore offen, die Lichter brennen noch, der Ventilator läuft. Auf dem Spielplatz in der Dorfmitte tummeln sich lediglich ein paar Vögel, der Kiosk ist notdürftig verriegelt. Fluchtartig haben jesidische und auch christliche Einwohner von Alqosh das Weite gesucht. Im Nachbardorf Bebane, wo nur Jesiden wohnen, treffen wir Daham, der nur schnell ein paar Sachen holen will. Sonst ist auch dieser Ort eine Geisterstadt - wie die meisten im Bezirk Sheikhan.

"Wir haben Angst", spricht Daham für alle, die ihr Zuhause verlassen haben. Auch wenn es jetzt heiße, der Vormarsch von Daash sei gestoppt, "wir trauen dem nicht". Außer Makhmur im äußersten Südwesten der Kurdengebiete sei noch keine von IS eingenommene Stadt zurückerobert worden. "Und Daash ist noch immer in unserer Nachbarschaft", seufzt Daham. Bis Tilkef seien es nur 20 Kilometer. Wenn die Sonne untergeht, will Daham wieder oben in den Bergen sein.