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Auf der Suche nach neuen Nischen

Von Von WZ-Korrespondentin Marijana Miljkovic

Politik

Festivals beleben die Küste, nachhaltige Tourismuskonzepte fehlen aber noch.


Zagreb. Als Nick Colgan, der ehemalige Produzent der Pop-Reggae-Band UB40, vor zehn Jahren in der Nähe von Zadar Urlaub machte, verliebte er sich in den Ort, die Küste und Kroatien. Der Brite, der hinter Hits wie "Red Red Wine" und "Can’t Help Falling in Love" steht, beschloss kurzerhand, etwas aus der Idylle, die er im kleinen Örtchen Petrcane fand, zu machen und zog ein Musikfestival auf. Colgan und ein befreundeter Produzent, Eddie O’Callaghan, starteten das Garden Festival 2006 und brachten Clubkultur und 300 Leute an die Küste. Zwei Jahre später waren es bereits 3000.

Das erzählt man sich über die Anfänge der Musikfestivals entlang der kroatischen Küste, die immer mehr Besucher anziehen. Die Veranstalter, die Colgans Idee aufschnappten, kommen wie der Großteil der Gäste aus Großbritannien. Das Festivalangebot in Kroatien ist zwar noch ein Geheimtipp - davon zeugen auch die Festivalnamen wie Hideout und Hidden Festival -, aber wohl nicht mehr lange. Mittlerweile belegen kroatische Musikfestivals, etwa das InMusic Festival in Zagreb, Topbewertungen in den Rankings von Medien wie "Forbes". Auch die Betreiber der Wiener Pratersauna zog es heuer nach Kroatien, mit einem neuen Festival, Lighthouse.

Golf und Wein statt Strand

Dieser andere Tourismus kommt auch in den Ortschaften gut an, von den Taxifahrern bis zu den Quartiergebern und Gastronomen profitieren alle. Auch das Kulturministerium hat das Potenzial bereits erkannt. "Da viele der Festivals außerhalb der Hauptsaison stattfinden, tragen sie viel zur Verlängerung der Saison bei", sagt eine Sprecherin des Tourismusministeriums.

Die Mehrheit der Touristen sucht aber weiterhin Strand, Meer und Sonne. Darauf vertraut Kroatien schon seit Jahrzehnten, allerdings werden auch die Probleme dieses Konzepts immer offensichtlicher. Denn ohne zusätzliche Angebote kommen die Gäste nicht länger als in den drei Sommermonaten.

Die Zahl der Touristen sind nicht das Problem des kroatischen Tourismus, denn sie werden mit jedem Jahr mehr. Nach dem Beitritt, der ein einfacheres Einreisen für EU-Bürger ermöglicht und somit Staus an den Grenzen verringert, werden noch mehr Touristen erwartet. Die Herausforderung sind die Einnahmen, die mit dem Besucherstrom proportional wachsen sollten, es aber nicht tun. Ein Tourist in Österreich gab im Schnitt etwa 115 Euro pro Tag aus. Jener in Kroatien nur 88 Euro.

"Man kann sagen, die gesamte Industrie ist nicht profitabel", sagt der Wiener Strategieberater Vladimir Preveden vom Consulter Roland Berger. Kroatiens Chancen auf wirtschaftliche Erholung liegen seiner Analyse nach neben Bio-Landwirtschaft und erneuerbaren Energien dennoch im Tourismus, jedoch im nachhaltigen. Das heißt: "Die Einwohner im Land sollen Gäste einladen dabei mitzumachen, was sie selbst machen. Ein typisches Beispiel ist der Fahrradtourismus. Es bringe nichts zu sagen, wir machen Fahrradtourismus für die Gäste, aber wir machen selbst nicht mit. In Österreich ist das erfolgreich, weil es hier eine Fahrradkultur gibt und man gesagt hat: Lass uns das auch für uns ausbauen." Tourismusminister Darko Lorencin sind diese Forderungen nicht neu. Er setzt es sich zum Ziel, Kroatien bis 2020 zu einem der 20 konkurrenzfähigsten Länder der Welt zu machen. "Wir wollen die Wahrnehmung über Kroatien ändern und neue Motive anbieten, Sport, Golf, Freizeit, Wein- und Gastrotourismus." Dafür will Lorencin bis 2020 sieben Milliarden Euro in die Hand nehmen.

Kein Beitrittsschub

Kroatiens Wirtschaft, die heuer bestenfalls stagnieren wird, konnte nicht so sehr vom Beitrittsprozess profitieren, wie die anderen osteuropäischen Länder in den Erweiterungsjahren 2004 und 2007. So wuchsen beispielsweise die tschechische und die ungarische Wirtschaft drei Jahre vor Beitritt um 5,5 und 5,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Bulgarien und Rumänien wuchsen sogar um 6,4 und 6,1 Prozent. Kroatien bekam diese Beitrittseuphorie nicht zu spüren, sondern nur die Krise. Zwischen 2008 und 2012 schrumpfte Kroatiens BIP um mehr als zehn Prozent. "Den strukturellen Nachteil muss Kroatien irgendwie gutmachen. Die Wirtschaftspolitik muss Wachstumsfelder definieren, wo Investitionen getätigt werden sollen", sagt Preveden.

Das gilt umso mehr, als die Direktinvestitionen (FDI) nach Kroatien massiv abfielen. 2010 stürzten sie im Vergleich zum Boom-Jahr 2008 (4,2 Milliarden Euro FDI) um 92 Prozent auf nur 326 Millionen Euro ab. Seitdem floss Geld aus dem Ausland nur mager nach Kroatien. Bis 2020 stehen für Kroatien allerdings 13 Milliarden Euro EU-Förderungen bereit. "Das ist unglaublich viel Geld, das Kroatien bisher nicht zu Verfügung hatte", sagt Preveden. "Es geht nun darum, dass Kroatien sinnvolle Projekte definiert, die in Brüssel durchgehen, und dann möglichst schnell von diesem Kapital abschöpft."