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Auf der Suche nach Olympioniken im Amazonas

Von Alexander U. Mathé

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Talentscout Marcia Lot rekrutiert im brasilianischen Regenwald Indigene, die als Bogenschützen an der Olympiade 2016 teilnehmen sollen.


Dass der Regenwald so manches wertvolle Rohmaterial birgt, ist ja hinlänglich bekannt. Dass man dort aber auch künftige Olympioniken finden kann, ist hingegen neu. Genau das hat Marcia Lot getan, die als Talentscout zwei Monate lang den Amazonas durchforstet hat. Im Blickpunkt waren dabei Jugendliche zwischen 14 und 19 Jahren, die Brasilien als Bogenschützen bei der Olympiade 2016 im eigenen Land vertreten sollen. "Ich finde Bogenschützen mit angeborenen Fähigkeiten", erklärt die Frau von der Amazonas Sustainable Foundation ihre Aufgabe. Brasilien hat den größten Regenwald der Welt, in dem ungefähr 400 indigene Stämme leben. Die Kinder wachsen dort sozusagen mit Pfeil und Bogen auf. Viele von ihnen können Vögel aus einer Höhe von 100 Metern mit einem Pfeil vom Himmel holen oder Fische im Fluss mit einem gezielten Schuss aufspießen. "Diese starke Tradition wurde von Generation zu Genaration, von den Eltern an ihre Kinder weitergeben", erklärt Lot in einem Interview. Diese Fähigkeiten müssten sich irgendwie auch für den sportlichen Wettkampf einsetzen lassen, ist Lot überzeugt. "Die Herausforderung ist jetzt für uns, das traditionelle Wissen, das sie in ihrem Blut haben, mit der Spitzentechnologie des olympischen Sports zu verbinden." In der Tat sind die Indigenen einfache Bögen gewohnt, die sie meistens aus einem Palmenstamm fertigen und die nichts mit den High-Tech-Geräten aus Aluminium oder Karbonfaser zu tun haben, die im olympischen Wettkampf verwendet werden. Um den Mädchen und Buben begreifbar zu machen, was von ihnen erwartet wird, was eine Olympiade ist und um was es überhaupt geht, hatte Lot ihren Laptop mit. Auf diesen spielte sie dann entsprechende Videos und Bilder ab. 80 Jugendliche hat sie schließlich gescoutet, wobei auch die Charakterfestigkeit eine entscheidende Rolle spielte. Von denen schafften es dann zehn in die engere Auswahl. Die übersiedelten dann für weiteres intensives Training von ihren Dörfern im Dschungel in das olympische Dorf in Manaus, der Hauptstadt des Bundesstaates Amazonas. Am Ende - so der Plan - sollen drei von ihnen an der Olympiade teilnehmen. Das Projekt ist allerdings nicht gänzlich unumstritten. Während die einen sagen, dass den Indigenen so die Chance auf ein besseres Leben gegeben wird, meinen Kritiker, dass hier erneut eine Ausbeutung stattfindet. Schon lange vor Lot haben Modellscouts den Regenwald nach Schönheiten abgegrast. Ebenso beschränkt sich die Suche nach sportlichen Talenten nicht auf Bogenschützen: Auch gute Kanuten hofft man im Amazonas zu finden. Der Trend, im Amazonas nach Humankapital zu suchen, greift um sich.