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Auf der Suche nach Saddams Milliarden

Von Christiane Oelrich

Politik

Washington - Seit das Regime in Bagdad gefallen ist, läuft die weltweite Suche nach Saddams Milliarden auf Hochtouren. Die US- Zeitschrift "Forbes" listete den irakischen Staatschef unter den reichsten Männern der Welt auf. US-Regierung und private Ermittler sind fest davon überzeugt, dass die Familie Saddams sich jahrzehntelang mit illegalen Geschäften um Milliarden bereichert und das Geld ins Ausland geschafft hat. Das US-Finanzministerium hat eigens eine Taskforce für die Jagd nach dem Vermögen eingesetzt.


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Dabei geht es um komplizierte Detektivarbeit. Die New Yorker Firma Kroll Associates brauchte Anfang der 90er Jahre zwei Jahre, um das weit reichende Geflecht irakischer Tarnfirmen im Ausland aufzuspüren. Die kuwaitische Regierung hatte Kroll beauftragt, um zu sehen, was im Zuge von Reparationsforderungen an Vermögen im Ausland zu holen sei.

Damals veranschlagte Kroll den persönlichen Reichtum Saddams auf zehn bis elf Milliarden Dollar. "Wir schätzen, dass sie seitdem jedes Jahr weitere 1,5 bis zwei Milliarden Dollar abgeschöpft haben", sagt Jules Kroll heute. "Der Reichtum dürfte gewachsen sein." Das System hat nach Überzeugung Krolls bis in die jüngste Zeit funktioniert. "Das war organisierte Kriminalität, und es lief seit Jahren." Das meiste Geld schafften Saddam und seine engste Familie nach Angaben von Kroll durch Sonderabgaben auf Öl- und Waffengeschäfte auf private Konten.

Kroll entdeckte Unternehmen mit irakischer Beteiligung in Italien, Frankreich, Deutschland, Großbritannien den USA und in der Schweiz. Auch auf jordanischen Konten fanden die Ermittler Hinweise auf gut gefüllte Konten der Saddam-Familie. Als Drahtzieher der verwobenen Firmennetze gelten Saddams Söhne Udai und Kusai, dubiose Geschäftspartner dürften bis heute in zahlreichen Ländern die Fäden in der Hand halten, ist Kroll überzeugt. Die Hauptspur führte ihn damals zu Saddams Halbbruder Barsan al Tikriti, der bis 1998 in Genf als irakischer UN-Botschafter fungierte und der möglicherweise vor kurzem bei einem US-Luftangriff auf seine Residenz ums Leben kam.

Unter unscheinbaren Adressen waren dort dubiose Holdingfirmen teils mit Sitz in Panama gemeldet. Eine, die Montana Management, hielt unter anderem eine Beteiligung an der französischen Gruppe Hachette, die unter anderem die US-Zeitschrift "Elle" herausgibt.

Barsan al Tikriti stellte damals jede Beteiligung der Saddam-Familie an diesen Firmen in Abrede. Kroll-Erkenntnisse, dass bei der irakischen Invasion in Kuwait teure Autos gestohlen wurden, die später in den Diensten der irakischen UNO-Vertretung in Genf auftauchten, bestritt er: "Ich wäre angewidert, irgendetwas zu nutzen oder zu nehmen, das anderen gehört. So bin ich erzogen worden", sagte er damals im US- Fernsehen.

Die britische Gruppe "Indict", die Kriegsverbrecheranklagen gegen das irakische Regime anstrebt, beschuldigte den Saddam-Halbbruder vor knapp zwei Jahren in Genf. Auf der Grundlage von Kroll-Unterlagen, in denen andauernde Aktivitäten des Saddam-Clans in der Schweiz dokumentiert worden sind, verlangte sie die Festnahme des Mannes. "Barsan war im Mai und September 2002 noch in der Schweiz. Doch die Behörden reagierten nicht und ließen ihn ausreisen", sagt Charles Forrest von "Indict". Er schätzt die Zahl der Tarnfirmen des irakischen Regimes auf 200.

Rund drei Milliarden Dollar sind nach US-Angaben weltweit inzwischen eingefroren. Kroll rechnet mit erheblichen weiteren Funden. "Solche Geschäfte kann man nicht allein machen. Und die Geschäftspartner werden irgendwann reden", sagt Kroll. "Wir werden wohl in nächster Zeit einige erhebliche Entdeckungen erleben."