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Auf der Suche nach Todesfallen

Von Thomas Veser

Politik

Zielstrebig durchschreitet Johan Maree frühmorgens das feuchte Gras. Gerade ist die Sonne über der Savanne im Süden Mozambiks aufgegangen. Vorsorglich trägt Maree Wanderschuhe, Shorts, ein kurzärmeliges Hemd und den obligaten Filzhut. Ab und zu hält der bärtige Mann auf den mit bunten Holzstöcken und Isolierband gekennzeichneten Wegen inne und späht in den Busch. "Genau hier war's", ruft er plötzlich und deutet in das Dickicht.

Man muss schon genau hinschauen, um zu erkennen, was die Aufmerksamkeit des 37-jährigen Buren erweckt hat. Halb von Blättern und Gras bedeckt, schimmert in der Morgensonne eine angerostete, mit Ausbuchtungen versehene Metallhülse. "OMZ. Russische Produktion. Solide Arbeit, darauf kann man sich noch nach 20 Jahren verlassen, lautet Marees Kommentar, den er allerdings mit sarkastischem Unterton formuliert.

Das unscheinbare Ding am Boden gehört zu den vier geläufigsten Anti-Personen-Minentypen, die während des 16-jährigen Bürgerkrieges in der Gegend um die Distriktstadt Chokwé eingesetzt wurden. "Jumping Jack" tauften Sprengstoffexperten die lebensgefährliche Hinterlassenschaft des Krieges.

Heimtückische Killer

Was an ein harmloses Kinderspielzeug denken lässt, ist in Wirklichkeit eine der tückischsten Todesfallen, die je ersonnen wurde. Damit die Sprengsplittermine ihre Wirkung entfalten kann, wird sie an einem Holzstock befestigt, mit Draht verbindet man einen Zünder über mehrere Meter mit einem Baumstamm. Wird der Draht berührt, saust der mit TNT gefüllte Minenkörper aus Gusseisen nach oben und löst den Detonationsmechanismus aus. In weitem Umkreis hagelt es dann messerscharfe Metallsplitter.

Fallen Tretminen in der Regel nur Einzelpersonen zum Opfer, "kann Jumping Jack ganze Gruppen ausschalten", informiert Johan Maree, der mit seinen Mitarbeitern im Juli 2001 die Räumung eines verminten Gebietes entlang der Eisenbahntrasse nach Simbabwe aufgenommen hat. Im Auftrag der gemeinnützigen Hilfsorganisation "Menschen gegen Minen" (MGM) wacht der ausgebildete Sprengstoffexperte und frühere Polizist mit dem ehemaligen südafrikanischen Offizier Burch Gill auf einem Gebiet von rund 4,2 Millionen Quadratmetern über die Entsorgung der aktiven Altlast des Bürgerkrieges.

Nachlässigkeit ist tödlich

Bevor sich die Sprengstoffexperten dem einheimischen Minenräumtrupp anschließen, führt ihr Weg in einen Wohnwagen am Rand des Zeltcamps Monte Alto, in dem die Männer leben.

Auf einer Landkarte dokumentiert man die Fortschritte, im Schnitt reinigt das Team pro Tag eine Fläche von 60 bis 70 Quadratmetern. Je nach Geländebeschaffenheit kann ein Minenräumer während der siebenstündigen Arbeitsschicht im Schnitt maximal sechs Quadratkilometer Gelände überprüfen.

Kurz vor sieben Uhr bereiten sich die Männer auf die Schicht vor. Obwohl die meisten von ihnen schon jahrelang mit Minenräumen beschäftigt sind, ruft ihnen der Schichtleiter jeden Morgen in Erinnerung, nach welchen Gesichtspunkten sie ihre Arbeit bewältigen müssen.

Wer einige Tage frei hatte, muss unter dem Blick des Leiters auf dem benachbarten Übungsgelände jeden einzelnen Schritt vorführen. "Unfälle, die auch erfahrene Minensucher erleiden, gehen überwiegend auf das Konto von Nachlässigkeit", bekräftigt Johan Maree.

Kurz darauf springt der Dieselmotor eines baggerähnlichen Fahrzeuges mit Stahlplatten und Sicherheitsglas an. Sein Fahrer steuert das panzerähnliche Gefährt in einen Gebietsabschnitt, der an diesem Tag entmint werden soll. Damit wird die Vegetation gelichtet und Erdmaterial, das womöglich Minen enthält, auf einem Haufen zusammengetragen.

Johan Maree betrachtet die Ausbeute und wird sogleich fündig: "Eine russische PMD. Plastikkörper mit TNT gefüllt", bemerkt er. Um das Auffinden dieses Typs per Detektor zu erschweren, war die Mine in einen mittlerweile verrotteten Holzkasten eingebaut worden.

Es ist schwer zu sagen, wie oft der gefährliche Gegenstand bereits bewegt wurde. Vor allem nach der Überschwemmungskatastrophe, die Mozambik im Jahr 2000 heimgesucht hatte, tauchten Minen über Nacht aus dem Erdreich auf. Ein falscher Handgriff kann genügen, um den Zündmechanismus auszulösen. Johan Maree, auf den in Südafrika Frau und zwei Kinder warten, muss sich entscheiden. Er will kein Risiko eingehen und lässt die fünf Kilo schwere Mine mit dem makabren Beinamen "Black Widow" zum Zeltlager transportieren. In sicherer Entfernung wird sie auf dem Sprengplatz durch Detonation unschädlich gemacht.

Wenn Minen an Ort und Stelle entschärft werden können, trägt er Sicherheitskleidung mit Gesichtsschutz. Ihre Füllung, meist TNT, wird später verbrannt.

Inzwischen haben die einheimischen Minenräumer ihre Sicherheitsmontur angelegt und stapfen wie Astronauten zu den abgesteckten Feldern. Jeweils eine halbe Stunde lang suchen sie mit Metalldetektoren jeden Quadratzentimeter ab, dann ertönt das Pausenzeichen. Kollegen lösen sie ab, sie überprüfen die Arbeit des Vorgängers, Punkt zwei Uhr nachmittags ist Feierabend.

Die Nerven liegen blank

Während ihrer siebenstündigen Schicht sind die Männer einer extremen nervlichen Belastung ausgesetzt. Hinter den Schutzmasken aus Plexiglas fließt ihnen der Schweiß in Strömen über das Gesicht.

Sobald der Detektor piepst, steigt die Spannung ins Unerträgliche. Bisweilen mit zitternden Händen kratzen sie behutsam das Erdreich zur Seite und arbeiten sich allmählich in die Tiefe. Oft hat nur ein harmloses Metallstück das Signal ausgelöst, dann atmen die Männer erleichtert durch und setzen die Suche fort - Nach dem Alarm ist vor dem Alarm.

Gemäß Vorschrift steht in unmittelbarer Nähe stets ein Fahrzeug mit geöffneten Türen und steckendem Zündschlüssel. Falls sich doch ein Unfall ereignet, kann der Verletzte in maximal fünf Minuten zur Behandlung zum Paramedico, einem ärztlich ausgebildeten Krankenpfleger im Camp, gefahren werden. Maree sagt er kennt das Gebiet schon wie seine Westentasche.

Kriegsgeheimnisse

Davon war freilich auch Samani Boloi überzeugt. Und dennoch riss eine Mine dem 71-jährigen Mann, der im MGM-Team Markierungsposten bemalt, Ende der 1980er Jahre das rechte Bein ab. Damals hatte ihn die Regierungspartei Frelimo als Kämpfer rekrutiert, auch er legte Anti-Personen-Minen gegen die gegnerische Renamo, die von Südafrika unterstützt wurde.

Wer damals welche Art von Minen vergraben hat, lässt sich heute leicht beantworten. Im Kampf gegen die mit Fahrzeugen aller Art gut ausgerüstete Frelimo legte die Renamo überwiegend Anti-Fahrzeug-Minen. Die meist zu Fuß operierenden Renamo-Truppen wurden von ihren Gegnern mit Anti-Personen-Minen bekämpft.

Wo die Minen allerdings genau vergraben wurden, lässt sich bestenfalls vermuten. Keine der kriegsführenden Parteien hat die Standorte verzeichnet und um den jeweiligen Gegner und die zu ihm haltende Bevölkerung zu verunsichern, setzten die Minenleger gezielt Gerüchte über angeblich verminte Landstriche in die Öffentlichkeit. Am besten sind die Bewohner der betroffenen Gebiete im Bild: Entweder waren sie damals selbst an der Verminung beteiligt oder haben dort Angehörige verloren.

Zügig, aber sorgfältig

Auf das Erinnerungsvermögen der Einheimischen möchten sich die Sprengstoffexperten nicht verlassen. Denn schon ein paar Monaten nach der Minenlegung haben Wind und Wetter die tropische Landschaft vollständig verändert.

So bleibt Maree und Gill keine andere Möglichkeit, als das gesamte Gelände akribisch abzusuchen. "Wir überlassen der Bevölkerung einen Abschnitt definitiv erst dann als "sicher", wenn alle vorgeschriebenen Arbeiten und Überprüfungen beendet sind", stellt Burch Gill fest. Er war als Offizier der südafrikanischen Armee in Angola war und kennt die Verminung aus eigener Erfahrung. Das bedeutet, dass nach den zwei Minensuchern eine Hundestaffel das Gelände sondiert. Oft bildet eine Qualitätskontrolle den Abschluss.

Als gemeinnützige Hilfsorganisation müsse MGM im Gegensatz zu kommerziell tätigen Entminungsunternehmen keine vertraglich vereinbarten Fristen für den Abschluss der Arbeiten einhalten, um Geldstrafen zu vermeiden, gibt Burch Gill zu bedenken. Dennoch bemühe man sich, als Gegenleistung für das Vertrauen der MGM-Donatoren die Räumungsarbeiten so zügig wie möglich zu erledigen.

Unterdessen hat der Feierabend begonnen. Jetzt kehrt man in das Zeltlager Monte Alto zurück, wo bereits das Mittagessen wartet. Joachim Taibo (39) und Paulo Nhaca Manhiça, (34) die im Räumprojekt als Kraftfahrer arbeiten, entspannen sich bei amerikanischen Soap Operas und Zeichentrickfilmen über Satellitenfernsehen. Sie lebten mehrere Jahre in der DDR und lernten Schlosser und Dreher. Diese Qualifikationen bringen ihnen in Mozambik ebenso wenig wie ihre hervorragenden Deutschkenntnisse.

Jetzt erhalten sie einen Verdienst, mit dem sie ihre weit entfernt lebenden Familien über die Runden bringen können. Aber auch die Lebensmittelhändler im Nachbardorf sind zufrieden: Sie liefern Waren in das Zeltlager, Frauen aus dem Dorf bereiten die Mahlzeiten gegen Entgelt zu. Außerdem erhielt die Gemeinde eine Einrichtung, von der die meisten Dörfer des 19,3 Millionen Einwohner zählenden Landes nur träumen können - eine Krankenstation, dessen Personal sich nun auch um die Bevölkerung kümmert.