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Auf Milchquoten-Aus folgt Intervention

Von Matthias Nagl

Wirtschaft

Auf dem Milchmarkt wird interveniert, das hat aber kaum mit dem Aus der Quote zu tun.


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Gnadenwald. Auf den ersten Blick ist es ganz einfach: Ende März lief die Milchquotenregelung in der EU aus, die Bauern dürfen seither soviel Milch produzieren, wie sie wollen. Nun, wenige Monate später, beklagen Bauernvertreter einen massiven Preisverfall. Österreichs größte Molkerei, die Berglandmilch, senkte ihren Milchpreis für die Bauern Anfang Juli auf 30 Cent je Kilogramm, auch die niederösterreichische NÖM zog mit. Im Jahresdurchschnitt 2014 lag der Preis noch bei 41 Cent.

Das Angebot darf steigen, also sinken die Preise, so die vordergründige Logik. Ganz so einfach ist es aber nicht. In Österreich blieb die Liefermenge nach dem Quoten-Aus annähernd unverändert. Im April ging die angelieferte Menge im Vergleich zum Vorjahr leicht zurück, im Mai stieg sie leicht an, belegen die aktuellsten Daten der Agrarmarkt Austria (AMA). Ein ähnliches Bild gibt es EU-weit. Von Jänner bis April ging die Milchproduktion um 0,6 Prozent zurück, wobei sie im April, dem letzten erfassten Monat, leicht gestiegen ist.

Vieles hängt jedoch vom Weltmarktpreis ab. Für dessen Entwicklung ist die in Österreich produzierte Menge jedoch unerheblich. Allerdings geht fast die Hälfte der österreichischen Milch in den Export, meist verarbeitet als Milchpulver oder als Käse veredelt. Der Einfluss des Weltmarktpreises ist in Österreich also erheblich, das gilt auch für die übrigen EU-Länder.

Der Weltmarktpreis hat aufgrund gestiegener Nachfrage aus China im Vorjahr zugelegt, ist zum Jahresende abgestürzt und stagniert nun auf niedrigem Niveau. Das hat ebenfalls mit nun gesunkener Nachfrage aus China zu tun. "Dort ist die eigene Produktion gestiegen, dazu haben sie in den letzten Jahren viel Milchpulver auf Lager gekauft und reduzieren nun ihre Bestände", sagt Johann Költringer, Geschäftsführer der Vereinigung Österreichischer Milchverarbeiter (VÖM).

Dazu treffen die EU-Sanktionen gegen Russland vor allem die europäischen Milchverarbeiter, Russland ist neben China einer der größten Milcheinkäufer auf dem Weltmarkt. Dieser Exportmarkt ist derzeit komplett weggebrochen. Langfristig gilt in der Branche vor allem China als Hoffnungsmarkt. Allerdings sorgen nun Berichte über eine verstärkte chinesisch-russische Zusammenarbeit für Unruhe. Ein chinesisch-russisches Joint-Venture plant eine Riesen-Milchfarm für bis zu 100.000 Kühe. Wie weit die Pläne gediehen sind oder ob es sich nur um agrarpolitisches Säbelrasseln handelt, lässt sich aktuell nicht beurteilen. Die europäischen Milchverarbeiter und Bauern fordern nun auch unabhängig davon drei Monate nach dem Liberalisierungsschritt Interventionen.

EU-Sonder-Agrarrat fürAnfang September geplant

VÖM-Präsident Hans Petschar, Geschäftsführer der Kärntner Milch, forderte Anfang der Woche, die Strafzahlung für die Überschreitung der Milchquote, die für Österreich für das vergangene Jahr 47 Millionen Euro ausmacht und aufgrund der Quotenabschaffung letztmalig fällig wäre, auszusetzen und den Molkereien und Bauern mit einer Preisstützung unter die Arme zu greifen. Der Interventionspreis, den die EU für Butter und Magermilchpulver garantiert, solle angehoben werden, so Petschar.

Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter will sich dafür auf EU-Ebene einsetzen, kündigte er am Freitag an. Die luxemburgische EU-Ratspräsidentschaft plant für 7. September einen Sonder-Agrarrat wegen der Milchpreis-Krise, berichtet das agrarische Informationszentrum (aiz). Auch in Frankreich kommt es seit Tagen zu Bauernprotesten gegen tiefe Milch- und Fleischpreise, daher mache besonders der französische Landwirtschaftsminister Stephane Le Foll großen Druck. Wie Rupprechter geht es seinem französischen Kollegen um einen höheren Interventionspreis für Milchprodukte und marktstabilisierende Maßnahmen.

Rupprechter wird den österreichischen Bauern aber auch unabhängig von der EU unter die Arme greifen. Er setzt auf die Bewusstseinsbildung der heimischen Bevölkerung und nationales sowie internationales Marketing. Ab Herbst werden laut Rupprechter neun Millionen Euro in die Kampagne "Regionale Milchprodukte" investiert.

Gegentendenz beim Bio-Milchpreis

Der Minister sieht jedoch nach wie vor auch viel Potenzial für die österreichischen Milchprodukte im Ausland. Diese Meinung hatte ihm Anfang der Woche angesichts der schwierigen Marktlage in China Kritik der Molkereien eingebracht. "Um diese Marktchancen zu nützen, habe ich eine Exportservicestelle geplant", erklärt Rupprechter nun.

Die Landwirtschaftskammern setzen angesichts der schwierigen Situation auf dem Exportmarkt auf Initiativen am - weitgehend gesättigten - österreichischen Markt. "Wir wollen, dass bei öffentlichen Ausschreibungen das Bestbieterprinzip angewendet wird", sagte Josef Hechenberger, Präsident der Landwirtschaftskammer Tirol. Er wünscht sich, dass Kriterien wie die Qualität der Herstellung, Tier- oder Naturschutz bei der Vergabe berücksichtigt werden. Wer unter Qualität auch Bio versteht und darauf setzt, ist bereits jetzt im Vorteil. Denn Bio-Bauern sind vom Preisverfall nicht betroffen: Gleichzeitig mit dem Senken des konventionellen Milchpreises stieg der Zuschlag für Biomilch.