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Auf Spurensuche

Von Julia Rumplmayr

Februar 1934

In Linz nahmen die Februarkämpfe 1934 ihren Anfang. Eine Reise zu den einstigen Kampforten und in das "rote Linz" der 30er-Jahre.


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Mitten im ersten großen Schneetreiben sind die Passanten in der Fußgängerzone heute besonders schnell unterwegs. Bepackt mit Einkaufssäcken, Kinderwägen schiebend, laut telefonierend – das gleiche Bild wie auf jeder größeren Einkaufsstraße. Auch das Haus Landstraße Nummer 36 passieren täglich tausende Menschen. Nichts an seiner Fassade deutet auf seine Rolle in der Geschichte hin. Links ein Einrichtungsgeschäft, rechts eine Modekette, hinten im Hof die Landesgeschäftsstelle der SPÖ. Im Hof war bis 2006 auch das Central Kino, eines der letzten Stadtkinos, beheimatet. Nach dessen Schließung verirrte sich kaum mehr jemand herein. Vor kurzem öffnete hier ein Kaffeehaus, und die Passanten betreten den etwas uncharmanten Hof wieder regelmäßig.

Sie müssen genau schauen, um eine dunkle Tafel zu bemerken, die rechts an die Wand gelehnt ist. Hier liest man zum ersten Mal von dem Datum, das das Haus an der Landstraße, das ehemalige "Hotel Schiff", in die Geschichte eingehen ließ: "12. Februar 1934": "Den Opfern und Kämpfern für Freiheit und Recht zum Gedenken. In diesem Haus gab Rudolf Kunz sein Leben für die Demokratie." Mehr findet man vorerst nicht an diesem Ort, an dem vor 80 Jahren in den frühen Morgenstunden der österreichische Bürgerkrieg begann.

Das Haus, in dem heute die Büros der SPÖ Oberösterreich untergebracht sind, auf dessen Gängen nun Wahlkampfmaterial gelagert wird, hat viel erlebt. Das Hotel Schiff war zunächst Gasthof, später fanden hier im 19. Jahrhundert die ersten Filmvorführungen statt. 1920 erwarben die Sozialdemokraten das Haus, das zu einem zentralen Versammlungsort wurde, besonders für den paramilitärischen Arm der Partei, den Republikanischen Schutzbund. Wenn man die Räume heute durchwandert, kann man sich die Vorgänge aus den Geschichtsbüchern nur noch schwer vorstellen. Der Dametzsaal, in dem der Schutzbündler Rudolf Kunz mit einem Maschinengewehr seinen Posten einnahm, um den Eingang zu bewachen, ist heute ein kleiner Abstellraum. Hier entstand eines der bekanntesten Fotos zum Februar 1934, das Kunz erschossen am Boden zeigt, über ihm sein abschussbereites Maschinengewehr. Seine vermeintlich sichere Position war trügerisch, im Haus gegenüber hatte sich auch das Militär postiert. Im Büro des heutigen Landesgeschäftsführers befand sich 1934 das Büro von Richard Bernaschek.

Der Leiter des oberösterreichischen Schutzbundes hatte angekündigt, sich bei Waffensuchen gewaltsam zu wehren, und mehrere Punkte in der Stadt mit Schutzbündlern besetzen lassen. Ein Appell von Otto Bauer aus Wien, ein verschlüsseltes Telegramm, das ihm nahelegte abzuwarten, blieb ungehört. In den Morgenstunden des 12. Februar wurde das Hotel Schiff gestürmt, Bernaschek in seinem Büro festgenommen. Die Februarkämpfe nahmen ihren Lauf, verbreiteten sich vom Hotel Schiff auf mehrere Punkte in Linz und schließlich auf viele österreichische Städte.

Wenige hundert Meter die Landstraße in Richtung Donau entlang erreicht man den Hauptplatz. In seiner Geschichte war er immer der Standort politischer Umwälzungen, hier fanden Paraden und Verkündigungen statt. Bis heute ist er die Bühne für feurige Wahlkampfreden aktueller Politiker. 1934 dürfte es hier ruhig gewesen sein, das Hotel Schiff blieb der einzige innerstädtische Ort der Kampfhandlungen. Die übrigen fanden außerhalb in den Arbeitervierteln und an guten Aussichtspunkten statt.

Die wechselvollen Jahre der Ersten Republik und ihre dramatische Entwicklung zeigten sich aber wie auf anderen Plätzen des Landes auch hier, nicht zuletzt in der Namensgebung: Der 1230 angelegte Hauptplatz wurde 1873 zunächst Franz-Josephs-Platz genannt, nach Ausrufung der Ersten Republik wurde er zum Platz des 12. November. Nach 1934 wurde er im Austrofaschismus wieder zum Franz-Josephs-Platz. Nach dem "Anschluss" wurde er zum Adolf-Hitler-Platz, um schließlich nach 1945 wieder zum Hauptplatz zu werden. Auf dem kleinen Balkon des alten Rathauses in der Mitte des Platzes hielt Adolf Hitler nach dem Einmarsch am 12. März 1938 eine Rede, die tausende Menschen auf dem Platz verfolgten. Er hatte seine Jugendstadt zur "Führerstadt" erkoren und Großes mit ihr vor. Heute erinnern nur die Nibelungenbrücke und die dominanten Brückenkopfgebäude an die hochtrabenden Projekte, mit denen Hitler Linz zu einer Hauptstadt des Dritten Reiches machen wollte.

Im alten Rathaus befindet sich bis heute der Sitz des Bürgermeisters und des Gemeinderats. Hier ist auch das Stadtmuseum Genesis beheimatet, in dem wir die Spurensuche nach dem 12. Februar 1934 in Linz fortsetzen. "Stadtgeschichte im Zeitraffer" verspricht das kleine Museum, das auf zwei Ebenen von der Urgeschichte bis ins Heute führt.

Dem Februar 1934 ist eine Vitrine mit Waffen und Helmen aus den Kämpfen gewidmet. Heimwehrler, Schutzbündler und das Militär verwendeten die gleichen Waffen aus dem Ersten Weltkrieg, die sie meist nicht abgegeben hatten. Auch die Helme sehen gleich aus, jene mit dem grünen Streifen sind die der Heimwehrler, von ihren Kappen mit Hahnenfedern leitete sich der Ausdruck "Hahnenschwänzler" für die Kämpfer ab. Mit dem Wiederaufbau und der Entnazifizierung durch die Besatzungsmächte endet der Rundgang durch die Geschichte von Linz im Stadtmuseum. Im Alten Rathaus befindet sich auch das Tourismusbüro der Stadt, vor dem Gebäude unter dem Balkon starten die meisten Touristenführungen. Sie führen in die barocke Altstadt, in die Hinterhöfe der Stadt, die zahlreichen Kirchen der Innenstadt, auf die Aussichtstürme der Hausberge, in die Stollen, in die dunkle Geschichte der Stadt. Mit dem Austria Guide Casimir Paltinger setzen wir die Spurensuche nach den Linzer Februarkämpfen fort, die auch in die Geschichte des "roten Linz" der Ersten Republik führen. "Es gab neben dem berühmten Roten Wien auch das rote Linz", erklärt er.

Immerhin hatte Linz als Stadt, in der sich als einer der ersten die Industrialisierung vollzogen hatte, eine große Arbeitertradition. Das rote Linz war weniger bedeutend als das Rote Wien, und hatte keine Landesregierung hinter sich – gleichzeitig war es vielleicht auch dadurch der radikalere Flügel der Partei. "Man spürte hier mehr Bedrängnis, hatte aber auch die meiste Hoffnung."

In Linz erinnert heute nicht mehr viel an die Februarkämpfe, meint auch Casimir Paltinger. Neben der Tafel beim ehemaligen Hotel Schiff gibt es nur noch eine Gedenktafel auf der Eisenbahnbrücke. Der Weg dorthin führt über die Donaulände, vorbei am Kunstmuseum Lentos und am Brucknerhaus. Im Parkbad kurz vor der Eisenbahnbrücke wurde im Februar 1934 ebenfalls gekämpft. Wo sich heute im Sommer halb Linz Abkühlung holt und im Winter eisläuft, war in den 30ern noch ein sogenanntes Tröpferlbad, eine öffentliche Badeanstalt, in der sich die ärmere Bevölkerung, die in ihren Wohnungen nicht über sanitäre Anlagen verfügte, zur Körperpflege traf.

Das 1929/1930 von Kurt Kühne entworfene Parkbad war also auch ein wichtiger Treffpunkt der Arbeiter in Linz. In den Vormittagsstunden des 12. Februar kämpften hier Schutzbündler und Bundesheer, das Militär wurde schon im Park von den stationierten Schutzbündlern beschossen und am Weiterkommen gehindert. Zwischen Eisenbahnbrücke und Parkbad befindet sich die Tabakfabrik, schon in den 30er Jahren einer der größten Arbeitgeber in der Stadt. "1934" steht hier am Portal, allerdings nicht in politischem Kontext: Die österreichische Tabakregie feierte 150-jähriges Jubiläum, ein Jahr später wurde der Neubau der Fabrik durch Peter Behrens und Alexander Popp eröffnet.

Zigaretten werden hier schon seit einigen Jahren keine mehr produziert, das weitläufige Gebäude gilt aber bis heute als besonders gelungene Industriearchitektur. In den vergangenen Jahren bemühte man sich um eine Neubespielung des durch Denkmalschutz und seine großen Flächen nicht gerade einfach zu nutzenden Areals. Mittlerweile ist aus der alten "Tschikbude" ein Zentrum der Kreativwirtschaft in Linz geworden. Wenige Schritte von der Tabakfabrik erreicht man nun die Eisenbahnbrücke. Seit mehr als 110 Jahren prägt sie das Stadtbild von Linz, sie überstand auch den Zweiten Weltkrieg. Seit mehreren Jahren streiten die politischen Parteien über die Zukunft der Eisenbahnbrücke, 2013 wurde nun durch ihren schlechten Zustand ihr Denkmalschutz aufgehoben. Ein unscheinbares Schild in der Mitte der Brücke erinnert an den 12. Februar. Hier starb ein Soldat, der auch Anhänger des Schutzbundes war und zu den Schutzbündlern auf der Urfahraner Seite robben wollte. Sie erkannten ihn nicht als einen von ihnen und erschossen ihn auf halbem Weg.

Es geht weiter in Richtung Franckviertel, das frühere Arbeiterviertel von Linz. Auf dem Weg passiert man den Südbahnhofmarkt. Der Bahnhof für die Pferdeeisenbahn von Budweis wurde bereits 1872 geschlossen, so blieb nur noch der Name für den großen Linzer Wochenmarkt. In der Südbahnhofhalle versteckten sich am 12. Februar 1934 einige Heimwehrler. Ihr gegenüber steht wie vor 80 Jahren die Diesterwegschule, benannt nach dem deutschen Pädagogen Adolph Diesterweg. Als Arbeiterschule wurde auch sie im Februar 1934 von den Schutzbündlern besetzt und zu einem zentralen Kampfplatz. Von ihrem hohen Uhrturm konnte man das damals noch wesentlich weniger bebaute Gebiet ideal überblicken. Wahrscheinlich sah man bis zur Dorfhalle im Franckviertel, die ebenfalls Ort von Kampfhandlungen war. Als wesentliches Parteilokal war man dort bereits in Alarmbereitschaft und errichtete Barrikaden auf der Franckstraße. Die Dorfhalle heißt heute Volkshaus Franckviertel, das zweigeschoßige Gebäude war ein Zentrum der "roten Architektur" von Linz und mit seinen angrenzenden Arbeiterwohnhäusern das kleine Pendant zum Wiener Karl-Marx-Hof.

Über einen Umweg zum Bulgari-Platz, der 1934 noch Polygon-Platz hieß und seinen Namen von Anton Bulgari erhielt, der nach den Kämpfen hingerichtet wurde, erreichen wir auf der anderen Seite der Stadt ein Kontrastprogramm zum Franckviertel. Der Freinberg ist einer schönsten Plätze von Linz, prächtige Villen führen hinauf zum Freinbergpark, der auch heute noch ein beliebtes Naherholungsgebiet ist. Von seiner Franz-Josefs-Warte aus kann man bis weit ins Mühlviertel schauen, auf der anderen Seite blickt man weit über die Industrieschlote hinweg.

Dieser "Balkon von Linz" war schon immer als Aussichtspunkt beliebt, in Kriegszeiten naturgemäß vor allem zur Verteidigung. Erzherzog Maximilian ließ hier den ersten seiner Befestigungstürme errichten, der heute Teil der Privatschule Aloisianum ist. Der nahe Jägermayrhof war schon im 18. und 19. Jahrhundert ein beliebtes Ausflugsziel, Franz Schubert soll hier bei Linzbesuchen gerne Bier und Ribiselwein getrunken und die Aussicht genossen haben. Auch hier spielte die Aussicht 1934 eine andere Rolle, als sich im nunmehrigen Gewerkschaftsheim Schutzbündler verschanzten.

Wieder auf dem Hauptplatz, beschließen wir die Spurensuche der Februarkämpfe. Bereits am 13. Februar 1934 endeten die Kampfhandlungen, und nur vier Jahre später jubelten hier die Massen Adolf Hitler auf dem Balkon zu.