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Auf Spurensuche nach der Gewalt

Von Klaus Huhold

Europaarchiv

Kriegsveteranen berichten vom Jugoslawienkonflikt. | Wien. Er habe keine andere Wahl gehabt, als im belagerten Sarajewo zu kämpfen, meint der Bosnier Nermin Karacic. "Doch nun arbeite ich daran, nie wieder in so eine Situation zu kommen, die mich dazu zwingt, Waffen in die Hand zu nehmen."


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Der ehemalige Soldat Karacic ist heute Friedensaktivist und war Teilnehmer einer Podiumsdiskussion im Kino WienXtra-Cinemagic. Anlass war die Präsentation des Filmes "Tragovi" (Spuren). Veteranen aus den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens und Angehörige berichten darin von ihren Kriegserlebnissen und wie sie bis heute nicht richtig mit diesen fertig werden. Es gibt bewegende Momente in dem Film, etwa wenn ein amputierter Veteran meint, dass er Mitschuld an seiner misslichen Lage trage. Er habe sich nicht rechtzeitig den Leuten angeschlossen, die gegen diesen Krieg waren.

Gedreht wurde die Dokumentation vom Center for Nonviolent Action (CNA), ein Netzwerk von Friedensaktivisten aus Belgrad und Sarajevo. Das CNA will mit Aktionen wie diesen einen Dialog zwischen den ehemaligen Kriegsgegenern in Gang setzen.

Doch der Weg zur Aussöhnung ist steinig, weiß Karadcic aus Seminaren mit bosnischen und serbischen Jugendlichen zu berichten: "Auch bei ihnen ist ein Potential für zukünftige gewalttätige Ereignisse vorhanden", berichtet er. "Denn sie werden von ihrer Umgebung so geprägt." Noch immer würde für viele eine Freundschaft mit jemanden aus einer anderen Volksgruppe Probleme mit sich bringen.

Gleiche Erfahrungen

Dabei waren sich die Feinde in dem Konflikt oft näher, als sie dachten. Es zeige sich, dass die Erfahrungen der Veteranen der verschiedenen Volksgruppen die gleichen seien, berichtet Milan Colic Humljan vom CNA. Indem die Dokumentation dies thematisiere, wolle sie Feindbilder dekonstruieren.

Ein weiters Anliegen des Filmes ist es, die Kriegsteilnehmer selbst zu Wort kommen zu lassen. Denn in den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens werden diese oft instrumentalisiert: Entweder werden sie zu Helden verklärt oder ihnen wird mit Hass begegnet, da ihre Vergangenheit der Zukunft der Länder im Weg zu stehen scheint, meint Colic Humljan.

Die Spuren des Krieges sitzen bei den Teilnehmern weiterhin tief: Viele von ihnen sind von latenter Gewaltbereitschaft und Traumatisierungen gezeichnet. Außerdem befinden sich ehemalige Soldaten besonders häufig in einer sozialen Notlage. Anfang Oktober kam es in Kroatien zum 1.600. Selbstmord eines Veterans.

Der Film "Tragovi" ist bei der Evangelischen Akademie (www.evang.at bzw. 408 06 95) beziehbar.