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Auf Umwegen in die Lehre

Von Matthias Nagl

Politik

Um fit für einen Lehrstellenplatz zu sein, braucht es in Vorarlberg oft mehr als einen Pflichtschulabschluss.


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Dornbirn. "Es gibt kein Ausländerproblem in Vorarlberg." Der Inhalt dieser Botschaft erstaunt weniger als ihr Absender. Es ist der Vorarlberger FPÖ-Chef und Spitzenkandidat für die Landtagswahl, Dieter Egger, der diesen Befund ausstellt. Während die Freiheitlichen anderswo lautstark den Untergang des Abendlandes heraufbeschwören, haben sie sich in Vorarlberg offenbar mit den Tatsachen abgefunden. Es ist das Bundesland mit dem zweithöchsten Migrantenanteil nach Wien, 22 Prozent der Vorarlberger haben Migrationshintergrund.

Wohl auch deshalb besteht Egger darauf, keinen Ausländerwahlkampf zu führen. Ganz ohne Seitenhieb geht es aber doch nicht. Eine der wichtigsten Forderungen der FPÖ vor der Landtagswahl ist, dass jedes Kind bei Schuleintritt Deutsch können muss. Dafür sollen die Eltern verantwortlich sein. Kommen sie dieser Pflicht nicht nach, fordern die Freiheitlichen die Streichung von Sozialleistungen. Zusätzlich soll der Ausländeranteil in Pflichtschulklassen bei 30 Prozent begrenzt werden, fordert die FPÖ.

Einigkeit mit den anderen Parteien in Vorarlberg besteht dabei aber nur im Hinblick auf die Bedeutung der Bildung. Diese ist von allen Parteien ein zentrales Wahlkampfthema. Dabei gilt auch in diesem Bereich, was die Opposition im Lauf des Wahlkampfs immer wieder eingestehen muss: Prinzipiell steht das von der ÖVP allein regierte Vorarlberg gut da. Nur über die weitere Ausrichtung gibt es Diskussionsbedarf.

Bildungsprojekt Albatros

Dass dabei die Sprachkenntnisse eine wichtige Rolle spielen, ist einhellige Meinung - über die Parteigrenzen hinweg. Die ÖVP und die Grünen wollen bessere Sprachkompetenz durch einen Ausbau der Sprachförderung erreichen. Die SPÖ will die Gesamtschule, die Neos wollen Schulautonomie.

Die Bedeutung von Sprachkenntnissen zeigt sich auch dort, wo das Bildungssystem versagt. Mehr als 200 Jugendliche hatten zuletzt in Vorarlberg keinen positiven Pflichtschulabschluss, die Ausfallsquote ist österreichweit nur in Wien höher. Beim Bildungsprojekt Albatros in Dornbirn können junge Erwachsene zwischen 16 und 25 Jahren den Pflichtschulabschluss nachholen. 40 Jugendliche machen das.

Seit sechs Jahren wird das Projekt angeboten, mittlerweile gibt es eine Warteliste und der Andrang steigt. "Es wird absolut nicht weniger", sagt Projektleiterin Miriam Nachbaur zur "Wiener Zeitung". "Einerseits zeigt die Statistik, dass es jedes Jahr mehr Jugendliche ohne positiven Pflichtschulabschluss gibt, andererseits hat es natürlich auch mit unserem wachsenden Bekanntheitsgrad zu tun."

Das besondere an Albatros ist der niederschwellige Zugang. Es gibt so wenige Regeln wie möglich, die Jugendlichen erhalten auch eine zweite, dritte und vierte Chance. Unterstützt wird das Projekt von praktisch allen Ebenen, der Europäische Sozialfonds fördert genauso wie Bund, Land, Stadt und das AMS. Das ermöglicht eine vielschichtige Betreuung. "Für uns stehen Beziehungsarbeit, Begleitung und Themen abseits der Schule im Vordergrund", sagt Nachbaur. Das liegt auch am sozialen Hintergrund der Jugendlichen. "Ein Großteil kommt aus einem schwierigen Familienumfeld. Bildung ist in der Erziehung oft nicht im Vordergrund gestanden."

Der Migrantenanteil bei Albatros beträgt rund 70 Prozent, darunter sind auch Asylwerber. Doch auch in Vorarlberg aufgewachsene Migranten haben oft Probleme mit der Sprache. "Oft können die Eltern nicht gut Deutsch, deshalb fehlt schon in der Volksschule beim Lernen die Unterstützung", erklärt Nachbaur.

Sozialkompetenzen wichtig

Der Pflichtschulabschluss ist gerade in Vorarlberg sehr wichtig, da er die Basis für eine Lehre darstellt. Diese ist nach wie vor der wichtigste Weg in den Beruf, 40,9 Prozent der Berufstätigen hatten laut Statistik Austria 2011 eine Lehre als höchste abgeschlossene Ausbildung. Damit liegt Vorarlberg über dem Österreichschnitt von 39 Prozent.

Für einen Lehrstellenplatz fehlt Jugendlichen oft mehr als ein Schulabschluss. "In Vorarlberg jammern die Betriebe, dass den Jugendlichen die grundlegenden Sozialkompetenzen fehlen - dass Pünktlichkeit wichtig ist, dass man Leute richtig grüßt, wie man ihnen die Hand gibt, dass man jemandem in die Augen schaut. Es ist uns ein ganz großes Anliegen, dass sie das können, wenn sie bei uns waren", sagt Nachbaur.

Einrichtungen wie Albatros sind quasi der Notanker im Vorarlberger Bildungssystem. Ähnliche Projekte gibt es auch in Feldkirch und Götzis. Im Vorfeld der Wahl hatten einige Jugendliche Gelegenheit, die Spitzenkandidaten der Parteien zu treffen. Eine Jugendliche berichtete im Anschluss an das Treffen begeistert, dass sie aufgrund ihres Auftritts mit den Politikern im ORF-Bericht eine Lehrstelle gefunden hat. Um das Problem nachhaltig in den Griff zu bekommen, wird es vonseiten der Politik mehr brauchen als derartige Anschubhilfe.