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Aufarbeitung allein reicht nicht

Von Christoph Rella

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Erst Rapid, nun Sturm Graz. Vier Jahre nach den Wienern ("Grün-Weiß unterm Hakenkreuz") stellt sich auch der 1909 gegründete steirische Fußballklub aus Graz seiner älteren Vergangenheit. Und das Ergebnis sieht auf den ersten Blick gar nicht so übel aus. Wie der Historiker Walter M. Iber im Rahmen seiner Recherchen herausgefunden hat, habe sich Sturm im Vergleich zu anderen steirischen Klubs wie dem GAK oder dem Grazer Sportclub (GSC) relativ erfolgreich gegen eine politische Vereinnahmung durch die Nazi-Ideologie wehren und trotz aller Fährnisse als "Verein der breiten Masse" positionieren können - jüdische Funktionäre, Spieler und Sponsoren inklusive. Antisemitische Auswüchse oder NSDAP-Mitglieder im Kader sucht man bei Sturm (fast) vergeblich. Fazit des Historikers: Bei Sturm kam "erst der Verein, dann die Partei".

Für die Grazer sind das gewiss positive Nachrichten. Allerdings sollten die Ergebnisse solcher Studien, in denen Fußballvereine vom Vorwurf der NS-Gefolgschaft bis zu einem bestimmten Grad "freigesprochen" werden, nicht darüber hinwegtäuschen, dass Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus bis heute in den Stadien - allen voran auf den Fanrängen - präsent sind. So löblich es auch ist, den Blick auf die Vergangenheit zu werfen: Die Realität, wie sie während der Nazizeit im Fußball geherrscht hat, ist nicht die einzige Realität, mit der man sich befassen sollte. "Auschwitz"-Rufe und Attacken gegen jüdische Spieler? Und das im 21. Jahrhundert? Das Urteil künftiger Historiker könnte da wohl nicht mehr so glimpflich ausfallen wie im Fall von Sturm.