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Aufbauhilfe für Allianzwechsel

Von Alexander Dworzak

Politik

Emir brüskiert Palästinenserpräsident Abbas und besucht Westjordanland nicht.


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Gaza-Stadt. Fünf Jahre arbeitete die Hamas auf den ersten Staatsbesuch seit ihrer gewaltsamen Machtergreifung hin. Als am Dienstag endlich der rote Teppich ausgerollt wurde, kannte der Jubel bei den Islamisten keine Grenzen. Mit dem Emir von Katar, Hamad bin Khalifa al-Thani, machte einer der einflussreichsten Politiker des Nahen Ostens dem international nicht anerkannten Regime seine Aufwartung.

"Mit diesem Besuch erklären wir die politische und wirtschaftliche Blockade des Gazastreifens für gebrochen und besiegt", sagte Hamas-Führer Ismail Hanija voller Stolz. Er regiert über den nur 41 Kilometer langen Küstenstreifen, der mit rund 1,6 Millionen Einwohnern zu den dichtest besiedelten Gebieten der Welt zählt. Die Europäische Union, USA und Japan stufen die radikalislamische und rabiat antizionistische Hamas als Terrororganisation ein. Und auch beim innerpalästinensischen Verhältnis herrscht seit Jahren Eiszeit: 2007 kam es zu heftigen Kämpfen zwischen der Hamas und der Fatah von Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas. Während die gemäßigtere Fatah das Westjordanland regiert, herrschen seitdem die Islamisten in Gaza.

Geste mit Hintergedanken

Der Kontrast zwischen dem verarmten Landstrich Gaza am Mittelmeer und dem dank Öl-Milliarden prosperierenden Emirat Katar am Persischen Golf könnte kaum größer sein. Als Mäzen inszenierte sich der Emir bei seinem Besuch und sicherte Unterstützung beim Aufbau Gazas zu: 400 Millionen Dollar investiert er in die Errichtung von Straßen, Häusern und landwirtschaftlichen Betrieben; in Khan Younis legte der Emir den Grundstein für eine Siedlung mit 1000 Wohnungen.

Altruismus ist jedoch nicht das Motiv für Al-Thanis Engagement, es geht um handfeste politische und strategische Interessen: Endlich soll sich die Hamas von ihrem Partner und Sponsor Iran lösen. Statt der derzeitigen Allianz mit dem schiitischen Regime in Teheran will das sunnitische Emirat die Glaubensbrüder in Gaza auf seiner Seite sehen. Mit Investitionen in den Gazastreifen bietet Katar einen Vorgeschmack für künftige Aufbauhilfe.

Gleich um mehrere Partner muss sich Iran derzeit sorgen: Das von Teheran unterstützte Regime des syrischen Machthabers Bashar al-Assad kämpft seit eineinhalb Jahren gegen die Aufständischen - die vorrangig von Katar und Saudi-Arabien finanziert werden. Im Libanon droht eine Eskalation der konfessionellen Spannungen zwischen Schiiten und Sunniten, die Irans dortigen Partner Hisbollah schwächen könnte. Sollte die Hamas im Gaza die Fronten wechseln, wäre das Worst-Case-Szenario für den Iran perfekt.

Argwöhnisch beobachtet auch die palästinensische Fatah den Besuch des Emirs. Denn Al-Thani verzichtet auf einen Besuch bei Präsident Abbas und reist nicht ins Westjordanland. "Sehr gefährlich" sei eine Vertiefung der Spaltung zwischen dem Gazastreifen und dem Westjordanland", so Jasser Abed Rabbo von der Palästinensische Befreiungsorganisation PLO, in der die Fatah stärkste Fraktion ist. Auch in Israels Außenministerium wurde die Visite kritisch kommentiert: "Der Emir hat gezeigt, in welchem Lager er steht."

Die Annäherung zwischen Hamas und Fatah lässt noch auf sich warten. Doch auch hier ist Katar involviert: Anfang des Jahres trafen sich Abbas und Khaled Meshaal, im Exil befindlicher Führer der Hamas, auf Vermittlung des Emirs. Ziele sind ein Versöhnungsabkommen und die Wiedervereinigung der palästinensischen Autonomiebehörde.

Anhaltend schlecht sind auch die Beziehungen der Hamas zu Israel. Vor der Ankunft des Emirs wurde ein israelischer Soldat bei einem Anschlag an der Grenze schwer verletzt. Zuvor tötete das israelische Militär bei Luftangriffen zwei Palästinenser.