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Aufgenommen in den bürgerlichen Olymp

Von Walter Hämmerle

Politik

Die Volkspartei feiert Wolfgang Schüssels 70. Geburtstag.


Wien. Wolfgang Schüssel ist ein Mann für viele Gefühlslagen. In der Regel genügt allein schon die Erwähnung seines Namens, um eine beliebige Runde, die etwa in einem Wirtshaus politisiert, in zwei verlässlich unversöhnliche Lager von Gegnern und Anhängern zu spalten. Bis heute.

Das galt lange auch für Schüssels eigene Partei, die ÖVP. Dessen Entschlossenheit und Risikomut war auch etlichen Schwarzen nicht geheuer. Erst jetzt scheint die ganze Partei gewillt, Schüssel in ihren bürgerlichen Olymp aufzunehmen, wo Figl und Raab ruhen. Am Montagabend lud die ÖVP deshalb zur verspäteten Feier zum 70. Geburtstag (7. Juni) ihres Langzeitobmanns (1995 bis 2007) und bis dato letzten Bundeskanzlers nach Schönbrunn. Dabei war Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel als Stargast angesagt, doch die Krisen-Diplomatie in Sachen Griechenland machte einen Strich durch die Rechnung. Europas derzeit mächtigste Politikerin als Gratulantin beim Kanzler von Schwarz-Blau: Das wäre auch ein Statement zur politischen Lage gewesen.

Der Politiker Schüssel hielt sich nicht lange mit vorgeblichen Widersprüchen auf. Obwohl durch und durch in den sozialpartnerschaftlichen Traditionen sozialisiert, suchte er den Bruch. Erst als Juniorpartner im Rahmen von Rot-Schwarz, dann, als sich die Gelegenheit dazu bot, als Kanzler mit Schwarz-Blau. Dass es Schüssel dabei nie nur um die Macht gegangen sei, gestehen ihm heute sogar seine Gegner zu. Der Jurist aus einfachen Verhältnissen wollte das Land nach seinen Vorstellungen umgestalten. Auch gegen Widerstand derer, die diesen Weg für falsch erachteten.

Und Schüssel, der Christdemokrat und überzeugte Europäer, suchte durch seine Koalition mit dem EU-Kritiker Jörg Haider auch den Befreiungsschlag für seine Volkspartei, die eingezwängt zwischen SPÖ und FPÖ zu zerbröseln drohte. Die Wahlen 2002 gaben ihm recht: Die FPÖ stürzte ab, die ÖVP wurde stärkste Partei.

In der Folge konnte sich der glänzende Redner den Partner aussuchen. Eine Koalition mit den Grünen scheiterte, am Ende wurde es erneut Schwarz-Blau. Hätte er sich damals für die Grünen entschieden, wer weiß, wie Österreich aussehen würde - von wegen Kärntner Hypo und Korruption. Die Wahlniederlage 2006 beendete Schüssels Kanzlerschaft dann ebenso überraschend, wie diese einst begonnen hatte.

Hinter Österreichs süßlicher politischer Operettenkulisse wurden Konflikte schon immer recht unverblümt ausgetragen. Schüssels Verdienst war es, diese Auseinandersetzungen öffentlich zu machen - und dadurch das Land zumindest vorübergehend zu politisieren. An der tieferen Dynamik der heimischen Politik konnte auch er, wie sich heute zeigt, nichts ändern.