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Aufrechnen des rechten mit linkem Terror ist naiv

Von Clemens M. Hutter

Gastkommentare
Clemens M. Hutter war Ressortchef Ausland der "Salzburger Nachrichten".
© © Copyright 2008

Weit verbreiteter und diffuser Argwohn gegen "Fremde" bildet den politischen Kompost, aus dem rechte Gewalttäter wachsen.


Da fliegen 1998 drei Nazi-Bombenbastler auf und tauchen unter. Haben sie das so geschickt angestellt? Bekamen sie von bis zu 20 Sympathisanten Tarnung und Rückendeckung? Waren die Fahnder spätestens seit 9/11 mit islamistischem Terror und Hasspredigern voll ausgelastet? Und wie gefährlich sind angeblich 9000 gewaltbereite deutsche Nazis wirklich?

Am 4. November explodiert die Wohnung des Trios, zwei Männer entziehen sich der Festnahme durch Selbstmord. Die Polizei findet zwei tschechische Pistolen, mit denen eine Polizistin sowie ein griechischer und acht türkische Kleinhändler erschossen wurden.

Pannen der Fahnder, rechtsäugige Farbenblindheit, zwielichtige V-Leute - verheerend genug. Aber wie stark hängen Terroristen, die seit 1998 unauffällig lebten, zeitweise jobbten, sich von 14 Banküberfällen finanzierten und mit nur zwei Tatwaffen auskamen, von einem logistischen Versorgungsnetz ab? Der norwegische Massenmörder Anders Behring Breivik baute doch mutterseelenallein eine Autobombe, ließ sie in Oslo explodieren, überfiel ein Jugendcamp und tötete binnen Stunden 85 Menschen.

Rechter Terror wächst aus dem Neonazisumpf. Er brandschatzt Asylantenheime und gibt vor, die deutschen "Arier" vor Überfremdung durch "Ausländer", Islam und Juden zu retten. Das demaskiert die Primitivität des nationalistischen Rassismus, dem die Sicherheitsbehörden 23 Morde seit 1990 zuordnen. 159 weitere Morde an Ausländern, Migranten und Muslimen schrieb man voreilig der "kriminellen Szene" zu, denn mindestens die Hälfte davon erregte "nur" die Aufmerksamkeit lokaler Medien.

Jetzt bemisst man die braune Gefahr am linksradikalen Terror zwischen 1971 und 1993 an, der es "nur" auf 34 Morde brachte. Aufrechnen der Opfer vernachlässigt aber die politische Qualität sträflich. Im Gegensatz zu den braunen Mördern ließen sich die Baader-Meinhof-Banditen im Orient ausbilden, sie hetzten mit ideologischen Traktaten gegen Kapitalismus und Imperialismus, ließen jedem Gewaltakt aggressive Bekennerschreiben folgen und zielten nicht auf "kleine Leute", sondern auf Stützen des Staates. In ihrer Mordbilanz stehen unter anderen neun Prominente aus Politik, Wirtschaft und Justiz sowie elf Polizisten. Obschon fortan Leibwächter Prominente schützten, wurde Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer entführt, um Genossen "aus dem Knast" freizupressen. Nach 43 Tagen Geiselhaft wurde Schleyer ermordet, weil der Staat nicht eingeknickt war.

Linksterroristen wollten das "deutsche Proletariat" befreien, fanden dafür keine Unterstützung und scheiterten. Rechtsterror nützt hingegen ein Klima des diffusen Misstrauens und der Abneigung gegenüber "Fremden". Das macht ihn gefährlich und erfordert erheblich mehr als die Reparatur arger Pannen und die Suche nach Sündenböcken - nämlich ein Klima der Toleranz gegenüber allem, das "fremd" oder "anders" und daher für Agitation tauglich ist. Leitmotiv der Toleranz: Mit einem Tropfen Honig fängt man mehr Fliegen als mit einem Fass Essig.