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"Aufregung" ist der neue "Sex"

Von Christoph Irrgeher

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"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.

Als in den 1990ern "TV-Media" auf den Markt kam, prangten auf der Titelseite regelmäßig zwei Worte. Das eine war "neu", das andere "Sex". Dazu wurde regelmäßig ein Brustbild von Pamela Anderson gereicht. Kurz: Kein Magazin abseits der Schmuddelecke setzte stärker auf "Sex sells".

Heute scheint "Sex" jedoch nicht mehr das Schlagzeilen-Reizwort Nummer eins zu sein, sondern ein anderes - nämlich "Aufregung". Die zugehörigen Artikel, oft verfasst und geklickt, erzählen die immer gleiche Geschichte: von einem eklatanten Verstoß gegen Moral oder Political Correctness und der Wut gegen den Übeltäter.

Gut - man könnte der Leserschaft in diesem Licht einen moralischen Fortschritt unterstellen: Sie hätte sich, der derben Reize überdrüssig, den Geisteshöhen der Ethik zugewandt. Ist aber Unsinn. Denn auch die "Aufregung"-Artikel bedienen grobe Instinkte. Keine sexuellen zwar, aber aggressive. Da wird der Leser so lange aufgeganselt, bis er in selbstgerechten Wutschauern schwelgt oder am Shitstorm gegen den vermeintlichen Schurken teilnimmt. Die Artikel befeuern bisweilen digitale Gewalt und profitieren zugleich von ihr - manch ein Qualitätsmedium nicht ausgenommen.

Es wäre schön, würde man sich in diesem Zusammenhang einer schlichten Tatsache besinnen: dass man nicht immer einen Pranger-Artikel schreiben muss, wenn Opernsänger X etwas Homophobes twittert oder Rockstar Y etwas Putin-Freundliches sagt; sondern, dass man auch einfach die Augen verdrehen und wieder zur Tagesordnung übergehen kann.