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Aufschlussreiche Einschusslöcher

Von Daniel Bischof

Politik

Fotos weisen darauf hin, dass Flug MH17 von einer Luftabwehrrakete getroffen wurde.


Wien/Kiew. Ein Schrapnell dürfte den Absturz des Flugs MH17 der Malaysian Airlines über der Ukraine verursacht haben. Darauf deuten von der "Financial Times" und "New York Times" veröffentlichte Fotos, die von Militärexperten analysiert worden sind. Ein Schrapnell ist eine mit Metallkugeln gefüllt Granate, die kurz vor dem Ziel explodiert, und diesem so die Kugeln entgegenschleudert. Damit verdichten sich die Hinweise, dass der Flugzeugabsturz mit 298 Toten von einem Flugabwehrraketensystem verursacht wurde.

"Der Schaden an den Trümmerteilen ist vergleichbar mit dem, was man bei der Explosion von Raketen, abgeschossen von einer BUK, erwarten kann", meinte Douglas Barrie vom internationalen Institut für strategische Studien, zur "Financial Times". Nach derzeitigen geheimdienstlichen Erkenntnissen geht man davon aus, dass die Maschine von einer Rakete des russischen Luftabwehrsystems BUK abgeschossen wurde. Dessen Raketen sind darauf konzipiert, nicht direkt das Flugzeug zu treffen, sondern in etwa 20 Meter vor der Maschine in Tausende von kleinen Schrapnellteilen zu explodieren. Damit soll das Flugzeug mehrfach getroffen werden und kritische Punkte wie der Maschinenraum oder die Landeklappen schwer beschädigt oder zerstört werden.

Nach Angaben der Militärexperten weisen die Einschlagspuren auf den Überresten des Fliegers auf Schrapnell-Spuren hin. Insbesondere die Konturen des Aluminiums und die Brandspuren rund um die Löcher seien für Schrapnellgeschosse typisch, meint etwa der Militärexperte Reed Foster zur "New York Times". Die wahrscheinlichsten Ursachen dafür wären laut Foster entweder die Explosion des Flugzeugmotors oder eine Rakete. Aber auch die Größe und Form der Löcher und der abgekratzte Lack lassen Schrapnell-Einschläge vermuten.

Georg Mader, Luftwaffenexperte und Journalist der Rüstungszeitschrift "Jane’s Defence" bestätigt im Gespräch mit der "Wiener Zeitung", dass das auf den Fotos zu sehende Splitterbild so einem Gefechtskopf entsprechen würde. Er sieht allerdings ein anderes Problem: "In einem Laborzustand in einer versiegelten Halle würde man die entsprechenden kleineren Splitter finden". Da der Westen durch die Ostöffnung alle Exemplare der Ost-Waffensysteme besitze, könnte man dann die entsprechenden Splitter zuordnen. Bei den derzeitigen chaotischen Zuständen rund um die Absturzstelle sei es jedoch schwierig, solche Feststellungen zu treffen.

Kiew fordert: Täter sollen vor Gericht gestellt werden

Unterdessen verlangt die Ukraine, dass die für den Abschuss des Fluges MH17 Verantwortlichen vor Gericht gestellt werden. Dabei sollen nicht nur jene angeklagt werden, "die geschossen haben, sondern auch jene, die ihnen die Waffen geliefert haben", so der ukrainischer Botschafter bei den internationalen Organisationen in Wien, Ihor Prokoptschuk, am Dienstag. Dabei spielte er auf die mögliche Involvierung Russlands bei der Bereitstellung des Luftabwehrwaffensystems für die pro-russischen Separatisten an. Die Rebellen gelten derzeit als wahrscheinlicher Täter für den möglichen Abschuss des Fluges.

Wer für den verhängnisvollen Abschuss wirklich verantwortlich ist, darüber könnten die Stimm- und Datenaufzeichnungen der Blackbox des Fluges MH17 Aufschluss geben. Sie wurde am Dienstag zur Auswwertung nach Großbritannien gebracht. "Sie scheint in einem guten Zustand zu sein", sagte der malaysische Premierminister Najib Razak am Dienstag. Sobald ein internationales Untersuchungsteam bestellt sei, würde man ihm die Blackbox aushändigen, so Razak.

Mittlerweile wird auch darüber nachgedacht, künftig das Überfliegen von Konfliktzonen besser zu regulieren. So forderte der Leiter der internationalen Flugtransportorganisation, Tony Tyler, am Dienstag, dass Regierungen künftig darüber entscheiden sollen, wie Risiken für Flugräume eingeschätzt werden. Es liegt derzeit im Ermessen der Unternehmen, ihre Routen durch Lufträume zu planen, die sie für sicher halten. Sie müssen sich jedoch auch an staatliche Warnungen halten. Führende Branchengrößen fordern nun eine internationale Flugkonferenz zu diesem Thema. Schließlich fliegen nach wie vor Zivilflugzeuge regulär über Konfliktzonen wie den Irak und Afghanistan.