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Aufschwung, aber keine Entwarnung

Von Stefan Janny

Reflexionen
"In technischen Bereichen fehlen in der Wirtschaft pro Jahr tausend Forscher." Foto: Schusser

Werk in Villach läuft mit voller Kapazitätsauslastung. | Österreich braucht "deutliche Verwaltungsreform". | "Wiener Zeitung": Infineon war schon vor der Wirtschaftskrise nicht profitabel, durch die Krise hat sich die Ertragslage vermutlich nicht verbessert? | Monika Kircher-Kohl: Die Profitabilität in der Branche ist eine schwierige Herausforderung. Der Halbleitermarkt ist sehr forschungsintensiv und geprägt durch hohe Kapitalintensität.


Eine neue Fabrik kostet deutlich über eine Milliarde Euro. Auf der anderen Seite müssen wir, wenn man den Preisverfall bei elektronischen Produkten betrachtet, enorme Effizienzfortschritte liefern. Im Bereich Logik, also dem Kerngeschäft, das mit Auto, Industrie, Kommunikation zu tun hat, konnte Infineon die letzten Jahre hindurch dennoch positive Ergebnisse verzeichnen. Das Gesamtergebnis wurde allerdings in den vergangenen drei Jahren durch die nicht erfolgreiche Ausgliederung des Speichergeschäfts belastet.

Das ist eine sehr elegante Umschreibung für die Insolvenz der unter dem Namen Qimonda ausgegliederten und an die Börse gebrachten Speicherchipsparte.

Diese Insolvenz hat natürlich auf die Bilanz des Mehrheitseigentümers Infineon durchgeschlagen.

In der Halbleiterindustrie kündigen sich Konjunkturabschwünge normalerweise früher an als in anderen Branchen. War das auch bei der Wirtschaftskrise so, die ja sehr abrupt eingesetzt hat?

In der Halbleiterei zeigen sich Konjunkturzyklen tendenziell etwa ein halbes Jahr früher als in anderen Branchen. Auch dieses Mal haben wir haben die Krise schon ein halbes Jahr früher zu spüren bekommen. Umgekehrt können wir meist auch eine schnellere und steilere Erholung des Marktes verzeichnen. Wir haben bereits im Frühjahr letzten Jahres Alarmzeichen und Frühindikatoren, die andere noch nicht wahrgenommen hatten, besorgt beobachtet und sind sehr schnell auf die Kosten- und Investitionsbremse gestiegen. Das war, wie sich später herausgestellt hat, absolut richtig.

Spüren Sie bereits erste Zeichen eines Aufschwungs?

Während sich der Handy markt sehr schnell wieder zu erholen begann und die Nachfrage bei der übrigen Industriekundschaft durchwachsen war, ist im Automobilbereich jetzt seit zwei Monaten ein massiver Aufwärtstrend sichtbar. Das heißt, die Krise ist für uns früher ausgebrochen, und der Einbruch war steiler.

Aber auch der Aufschwung ist früh und steil gekommen, wobei wir noch keine Entwarnung geben. Wir sind noch nicht auf dem Niveau, auf dem wir schon waren, aber die Indikatoren sind sehr positiv.

Manche Ökonomen und Manager befürchten, dass es sich bei dieser Trendwende nur um einen zeitweiligen Effekte handelt, weil die gänzlich geleerten Lagerbestände etwas aufgefüllt werden mussten. Nächstes Jahr könnte dann ein neuerlicher Abschwung kommen.

Die bei uns immerhin schon seit vier bis fünf Monaten anhaltende Steigerung beim Auftragseingang geht weit über das Auffüllen der Lagerbestände unserer Kunden hinaus. Manche unserer Kunden sind nervös, ihre Lieferverpflichtungen einhalten zu können. Das heißt, es ist eine sehr nervöse, verrückte Liefersituation anstelle der Auftragseinbrüche getreten. Das hatten wir innerhalb eines halben Jahres so noch nie.

Sie arbeiten also mit voller Kapazität?

Wir arbeiten mit hundert Prozent unserer Kapazität und haben diese in Villach kurzfristig sogar nach oben angepasst, um die Kunden zu unterstützen. Wir bleiben aber vorsichtig.

Auch Infineon Österreich musste Mitarbeiter abbauen. Wird es trotz des sich ankündigenden Konjunkturaufschwungs in absehbarer Zeit weitere Personalmaßnahmen geben?

Auch wir mussten Stellen abbauen, haben das aber zu einem Zeitpunkt getan, als die Kolleginnen und Kollegen noch gute Chancen hatten, Jobs in anderen Branchen zu finden. Zum zweiten haben wir damit in der Fabrik in Villach auch den Effizienzfortschritt für zwei Jahre weitgehend abgedeckt. Das heißt, die Mannschaft sollte das Signal haben, es ist jetzt dann Ruhe.

Wir möchten mit dieser Stammmannschaft kontinuierlich weiter arbeiten. Ich halte nichts davon, notwendigen Personalabbau scheibchenweise vorzunehmen und die gesamte Mannschaft über einen längeren Zeitraum zu verunsichern.

Also anders als bei der AUA, wo alle paar Wochen neue Kündigungswellen veröffentlicht werden, befürworten Sie eher einen scharfen als mehrere kleinere Schnitte?

Über andere Unternehmen möchte ich mich nicht äußern. Aber ich bin überzeugt davon, dass Infineon nicht so rasch wieder positive Ergebniszahlen erreicht hätte, wenn wir nicht so gehandelt hätten. Infineon hat trotz Krise und eines um 20 Prozent geschrumpften Weltmarktes im vergangenen Quartal den Turnaround geschafft.

Derzeit laufen die Metaller-KV-Verhandlungen, die für die gesamte Wirtschaft Signalwirkung haben. Welches Ergebnis erwarten Sie?

Obwohl die Elektro- und Elektronikindustrie traditionell um ein halbes Jahr zeitversetzt verhandelt und wir schon im Frühjahr abgeschlossen haben, ist meine Erwartung, dass vor allem mit dem Thema nachhaltiger Gehaltserhöhungen sehr verantwortungsbewusst umgegangen wird.

Sie plädieren also für Einmalzahlungen anstatt dauerhafter Lohnerhöhungen?

Aus meiner Sicht erfordert die unsichere Zukunft eine vorsichtige Vorgangsweise, die ja auch zum Erfolg führen kann, indem Prämien im Jahr darauf bei allfälligen Erhöhungen eingerechnet werden können. Aber den Unternehmen jetzt hohe Belastungen aufzubürden, würde die Wettbewerbsfähigkeit massiv verschlechtern. Asien und speziell China werden aus der Krise gestärkt hervorgehen. Daher müssen wir mit dem Wirtschaftsstandort Österreich und Mitteleuropa verantwortungsvoll umgehen, wenn wir nach der Krise nicht zu den Verlierern gehören wollen.

Österreich und Mitteleuropa könnten zu Krisenverlierern werden?

Ich möchte keine Unkenrufe von mir geben, aber man muss sich bewusst sein, dass Österreich eine hohe Exportquote hat. Österreich wettbewerbsfähig zu halten bedeutet, wir sollten uns anschauen, wie viel von einer KV-Lohnerhöhung tatsächlich beim Arbeitnehmer ankommt. Also wird auch über eine Staats- und Aufgabenreform zu reden sein.

Und wohl auch über eine Steuerreform?

Die starke Besteuerung von Löhnen und Einkommen wird bei den nächsten Steuerreformen ein zentrales Thema sein müssen. Und beim Finanzausgleich, der ja der Schlüssel für jede Staats- und Aufgabenreform ist, darf kein Thema tabu sein: Gesundheitsreform, Bildungsreform und so weiter. Da gehen Milliarden Euro durch Kompetenzüberschneidungen verloren.

Infineon hat seinen österreichischen Firmensitz ausgerechnet in Kärnten, einem Bundesland, das sich allfälligen Kompetenzbereinigungen besonders vehement entgegenstellt.

Zum einen gibt es insbesondere im Bereich Bildung in Kärnten durchaus Verständnis für eine moderne österreichweite Vereinheitlichung des Schulwesens. Es gibt aber sicher auch andere Themen, wo die Politik ein konzeptionell inhaltlich sinnvolles Vorgehen verhindert. Ein kleines Land wie Österreich wird sich in Zukunft eine solche Überverwaltung und einen solchen Kompetenzwirrwarr nicht leisten können.

Also sollten wir die Bundesländer abschaffen?

Im Bereich Schule haben wir eine deutliche Straffung der Zuständigkeiten vorgeschlagen. Die Richtlinienkompetenz soll beim Bund liegen, die über Bundes- und Landesbildungsdirektionen umgesetzt wird, die aber andere Aufgaben hätten als die heutigen Landesschulräte. Doppelgleisigkeit wie Landesschulräte und Landesschulabteilungen würden wegfallen.

Die Aufgaben der Gemeinden würden auf die Schulerhaltung reduziert. Länder wie Finnland zeigen, dass man fast ohne Verwaltung und weitgehend ohne Schulaufsicht und mit einer professionellen Qualitätssicherung auf Bundesebene keine schlechteren Ergebnisse erzielt.

Wie beurteilen Sie Österreichs Forschungs- und Forschungsförderungspolitik?

Infineon ist eines der am stärksten forschenden Unternehmen in Österreich. Daher weiß ich, dass dieser Bereich eine Erfolgsgeschichte ist und seit einigen Jahren ein schneller Aufholweg beschritten wird.

Österreich gehört zu den Ländern mit der am schnellsten steigenden in Forschungsausgabenquote. Eine Ursache dafür ist eine wirklich gute, gezielte öffentliche Forschungspolitik.

Wichtig wäre, dass wir uns von diesem Weg nicht abbringen lassen. Ich bin gerne bereit, in der von der Bundesregierung beschlossenen Erarbeitung einer Forschungs-, Technologie- und Innovationsstrategie für die Republik Österreich die Leitung einer Taskforce der Industrie zu übernehmen. Wir sollten es schaffen, im nächsten halben Jahr ein konzeptionelles Dach über die Themen Forschung, Wissenschaft, Bildung, Innovation zu legen. Das heißt, diese Zukunftsfelder, und dazu gehören auch Migration und Integration, sollten in den nächsten Jahren konsequent miteinander verzahnt angegangen werden.

Sie loben die Forschungspolitik. Ist es nicht bedenklich, dass die österreichischen Universitäten in den internationalen Rankings immer weiter nach hinten rutschen?

Eine Ursache ist, dass wir, was das Thema Nachwuchs und Bildung betrifft, sowohl ein quantitatives Problem als auch ein qualitatives Problem haben.

Österreich hat also zu wenige gut ausgebildete junge Forscher, Wissenschafter?

Wir haben deutlich zu wenig Akademiker. Speziell in technischen Bereichen fehlen uns allein in der Wirtschaft pro Jahr tausend Forscher. Es gibt ein quantitatives Problem, das durch die Demografie nicht gelöst, sondern verschärft wird, wenn wir nicht durch eine vernünftige Migrations- und Integrationspolitik gegensteuern. In Wien haben über 50 Prozent der Erstklassler und im Österreichschnitt über 30 Prozent Migrationshintergrund. Wenn unser Bildungssystem dieses Thema ignoriert und Jugendliche mit Migrationshintergrund aussortiert, dann verzichten wir auf 30 Prozent der Jugend. Das kann sich kein Land der Welt wird leisten.

Zur PersonMonika Kircher-Kohl wurde am 8. Juli 1957 in Spittal an der Drau geboren und studierte an der WU sowie in Mexiko Betriebswirtschaft. 1981 übernahm sie die Leitung der Regionalstelle Kärnten des Österreichischen Informationsdienstes für Entwicklungspolitik. Ab 1988 war sie als Beraterin sowie Lehrbeauftragte an der Uni Klagenfurt tätig.

Von 1991 an amtierte sie zehn Jahre lang als SPÖ-Vizebürgermeisterin der Stadt Villach. 2001 wurde sie in den Vorstand der Infineon Technologies Austria AG berufen.

2006 wurde ihr die Leitung des Standortes Villach übertragen, im Juni 2007 übernahm sie den Vorstandsvorsitz der österreichischen Infineon-Tochter.