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Aufstand in der Textilfabrik der Welt

Von Hermann Sileitsch

Politik

Bangladesch: Konflikte um Löhne eskalieren. | Weitere chinesische Provinz hebt gesetzlichen Mindestlohn an. | Dhaka/Peking/Wien. Es sind hart erkämpfte Lohnerhöhungen: Seit Monaten protestieren in Bangladesch zigtausende Arbeiter vor allem aus der Textilindustrie für bessere Bezahlung. Jetzt schlagen die Staatsorgane offenbar zurück: Gewerkschafter behaupten, die Polizei mache Jagd auf Aufständische.


"Wir leben in Angst, weil wir von der Polizei bedroht werden", sagte Mosherefa Mishu, Chef einer Gewerkschaft, die den jüngsten Lohnvorschlag abgelehnt hatte, zur Agentur AFP. Die Regierung in Dhaka hat bisher nur zugestimmt, die Löhne ab November von 1662 auf 3000 Taka anzuheben, also rund 23 auf 43 Dollar. Aus Sicht der Arbeiter zu wenig: Sie wollen 5000 Taka - sofort.

"Man muss eines berücksichtigen: Die Löhne im Exportbereich sind bereits um 10 bis 15 Prozent höher als im restlichen Land", sagt Joachim Betz vom Hamburger Giga-Institut für Asienstudien zur "Wiener Zeitung". "Man könnte also die Frage stellen, warum sich die Arbeiter beklagen. Andererseits ist es gemessen an den Renditen der Unternehmen lächerlich, was die Leute verdienen." Ein Arbeiter benötige 60 bis 70 Prozent des Einkommens für Nahrungsmittel - angesichts der jüngsten Preissteigerungen erhöht sich dieser Anteil weiter.

Sogar Sheikh Hasina Wajed, seit 2009 Ministerpräsidentin von Bangladesch, hatte Verständnis signalisiert: Die Mindestlöhne seien "nicht nur zu gering, sondern unmenschlich". Betz hält das für scheinheilig: Die Regierung sei nicht einmal imstande, die Mindestlöhne für Landarbeiter zu garantieren, die permanent unterlaufen würden. Er glaubt deshalb nicht, dass die Aufstände rasch abebben werden. Kurzfristig könnten diese den Arbeitern Erfolge bringen, langfristig seien die Chancen gering: Dazu sei die Masse arbeitswilliger Arbeiter schlicht zu groß. Das deckt sich mit der Wahrnehmung eines Gewerkschafters, wonach mindestens 5000 Arbeiter ihre Arbeit verloren hätten, weil sie bei den Protesten engagiert waren.

Schere etwas geschlossen

Die höheren Mindestlöhne hätten zumindest das Realeinkommen der Menschen abgesichert und die Einkommensschere verringert, sagt Daniel Vaughan-Whitehead von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zur "Wiener Zeitung". Ein rasches Ende der Proteste erwartet auch er nicht: Die Arbeiter erkennen, dass sie ihre Situation verbessern können, wenn sie aktiv werden - das habe ihnen etwa der Streik in einer chinesischen Fabrik des japanischen Autobauers Honda demonstriert. Er vermutet, dass die Bewegung sich immer besser organisiert: Die Proteste könnten weitere Länder erfassen - das zeige die wachsende Streikbereitschaft in Ländern wie Vietnam.

Die Asien-Experten sind - nach vielen Jahren, in denen die Zahl der Streiks stetig gesunken war - überrascht vom Ausmaß der Demonstrationen. Neu sei auch, dass die Arbeiterunruhen die eigens für Exportbetriebe eingerichteten Sonderentwicklungszonen erfassen. Die Stimmung der Bevölkerung gegenüber den steuerlich begünstigten, infrastrukturell gut ausgebauten und abgeschotteten Zonen habe umgeschlagen, so Betz: "Das hat auch der Autobauer Tata in Indien zu spüren bekommen." Dass westliche Unternehmen ihre Produktion aufgrund höherer Mindestlöhne in andere Billiglohnländer verlagern, hält er für unrealistisch. "Wohin sollen sie gehen? Der größte Kostenfaktor sind nicht die Löhne, sondern ist die miserable Infrastruktur." So koste der Transport eines Containers zwischen Delhi und Mumbai etwa gleich viel wie das Verschiffen nach Hamburg.

Angesichts steigender Preise und zahlreicher Streiks hebt nun eine weitere chinesische Provinz - Qinghai im Nordwesten des tibetischen Hochlandes - den Mindestlohn an. Dieser soll um 29 Prozent auf 770 Yuan, knapp 90 Euro, steigen. Nur 4 von 31 Provinzen haben noch nicht reagiert.

Uiguren-Anschlag mit 7 Toten

Unterdessen kostete der Anschlag eines Uiguren in Westchina nach Regierungsangaben sieben Menschen das Leben. Der Mann sei mit einem Fahrzeug in eine Menschenmenge nahe Aksu gerast. Die türkischsprechende Minderheit, die vorwiegend im Süden des Autonomen Gebietes Xinjiang lebt, beklagt kulturelle und religiöse Unterdrückung.