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Auftakt zum großen Bauernsterben

Von Piotr Dobrowolski, Cieszyn/Krosno

Europaarchiv

Polens Bauern seien die "größten Beitrittsgewinner", berichten Medien in ganz Europa, Direktbeihilfen und Modernisierungs-Zuschüsse aus Brüsseler Töpfen hätten den vormals EU-skeptischen Berufsstand mittlerweile milde gestimmt. Die Kehrseite der Medaille bleibt dabei ausgeblendet. Produktionsmittel wie Maschinen, Dünger und Diesel sind zuletzt empfindlich teurer geworden und lassen den Bauern nur wenig zum Leben. Ein Großteil der Landwirte dürfte den von der EU erzwungenen Modernisierungsschub finanziell jedenfalls nicht überleben.


Andrzej Gleizer steht neben seinem Traktor und lacht. "Sie wollen mit mir über die Zukunft der polnischen Landwirtschaft reden? Da gibt es nichts zum Reden. Da gibt es keine Zukunft." Noch immer keine Zukunft? Hat unlängst nicht sogar die "Financial Times" geschrieben, dass nach dem EU-Beitritt das Einkommen der Ostbauern um bis zu hundert Prozent gestiegen ist? Lügen denn alle polnischen Zeitungen, die Woche für Woche teils begeistert, teils neidisch von einem EU-Geldregen schreiben, der sich über die Landwirte ergießt?

Auf die Förderzahlungen angesprochen, immerhin 118 Euro pro Jahr und Hektar, lacht Gleizer immer noch: "Ja, seit dem Beitritt gibt es mehr Zuschüsse als früher. Doch was sie dir in die eine Tasche stecken, nehmen sie dir aus der anderen raus. Den guten Onkel, der dir einfach etwas schenkt, den gibt es nicht." Dann hört der 50-jährige zu lachen auf und zählt auf, was alles seit dem EU-Beitritt teurer geworden ist: Dünger um mehr als das Doppelte, Landwirtschaftsmaschinen, auf die früher keine Mehrwertsteuer eingehoben wurde um ein Viertel, und Diesel, den die Bauern vor dem Beitritt verbilligt beziehen durften, sowieso. "Unterm Strich haben wir heute weniger als früher. Deshalb bin ich auch nicht mehr so ein großer EU-Fan."

Dabei ist Gleizer eigentlich ein Bauer, dem es nach Brüsseler Ankündigungen stetig besser gehen müsste. Mit rund vierzig Milchkühen und 30 Hektar Grund gilt seine Landwirtschaft für polnische Verhältnisse mindestens als mittelgroß. Gleizer zählt nicht zu den unzähligen polnischen Kleinbauern, die zwei, drei Kühe haben, nur für sich selbst wirtschaften und deren Gewinne bestenfalls für eine Flasche Wodka im nächsten Geschäft reichen. Dennoch macht sich der stets fröhliche Landwirt keine Illusionen: "Verhungern werden wir nicht. Für meine Frau und mich reicht es, aber schauen Sie sich unsere Kinder an: Alle drei haben studiert. Arbeit hat keines von ihnen. Wovon sollen die Leute leben, wenn es hier einmal weder Bauernhöfe noch Arbeit gibt?"

Und doch ist die Lage um den polnisch-tschechischen Grenzort Cieszyn, wo Gleizer wirtschaftet, noch nicht wirklich schlimm: Die Höfe sind relativ modern, die im Umfeld von hundert Kilometer gelegenen Großstädte Kattowitz und Krakau bieten für die Jugend zumindest eine leise Hoffnung auf ein Erwerbsleben nach dem großen Bauernsterben.

Drei Stunden Autofahrt weiter, im Herzen der südostpolnischen Karpaten, sieht die Lage trister aus. Hier sind die Höfe alt, die Ackerflächen klein, karg und zersplittert. Mit Traktor sät hier fast niemand, überall pflügen Pferde die Ackerflächen: ein Freilichtmuseum, das lediglich den Fehler hat, kein Museum, sondern die Wirklichkeit zu sein. Wie viele der 1,4 Millionen polnischer Bauernhöfe den vom EU-Beitritt erzwungenen Modernisierungsschub nicht überleben werden, ist ungewiss. Von optimistischen siebzig bis zu pessimistischen neunzig Prozent reichen die Schätzungen.

Von solchen Zahlenspielen weiß Janusz Borek, der bei Krosno gerade sein Feld mit einem Ackergaul pflügt, nichts. Um festzustellen, dass es um seine Zukunftschancen nicht zum Besten steht, braucht er auch keine Prozentsätze. Er zeigt auf durch Hecken geteilte, unbestellte Felder am gegenüberliegenden Hang: "Da drüben, früher wurde das alles bebaut, jetzt ist es Brachland. Zahlt sich nicht mehr aus. Ich war zum Glück bei der Bahn. Wenn ich meine Eisenbahner-Rente nicht hätte, von der Landwirtschaft könnte ich nicht leben." Warum er das Land dennoch bebaut? Weil das schon immer so war. Und weil er dafür rund 700 Euro Förderungen im Jahr bekommt. Nicht viel, aber immerhin eine kleine Aufbesserung der Rente.

Von der Hand in den Mund

Die Zuschüsse für die Bauern sind derzeit nicht von der Art der Produktion abhängig, sondern werden pauschal pro Hektar bebautes Land berechnet. Das Geld, so die Überlegung, sollen die Landwirte für die Modernisierung ihrer Höfe verwenden. Doch real werden zwischen sechzig und achtzig Prozent der Beihilfen statt für Modernisierung für den aktuellen Konsum verwendet. Die kleinen Bauern verbrauchen ihre Beihilfen meist vollständig dazu, um akute Finanzlöcher zu stopfen. Eine Reduktion der Landwirtschaft, die offensichtlich nicht mehr imstande ist, die Bauern zu ernähren, bleibt im Kampf gegen die Armut dennoch bestenfalls die halbe Lösung. Denn gerade dort, wo in den nächsten Jahren die meisten Höfe aufgegeben werden müssen, ist es um Arbeitsplätze am schlechtesten bestellt. Wer Arbeit braucht, versucht es daher gleich im Ausland: "Das blaue Haus unten, der Mann arbeitet irgendwo in Österreich, da drüben am Dorfrand das braune Haus - die beiden Söhne sind in Deutschland, am Bau", erklärt Janusz Borek. Und dann fügt er etwas hilflos hinzu: "Aber es können doch nicht alle auswandern!"

Das urbane Polen versucht dennoch die prekäre Lage am Dorf zu verdrängen. Was auch gut funktioniert: Wie eine Untersuchung des Meinungsforschungsinstituts SMG/KRC vom April zeigt, gelten in Polen die folgende Berufsgruppen als die größten Nutznießer des EU-Beitritts: Politiker, knapp gefolgt von Bauern.

Tadeusz und Anna Sikora gehören ohne Zweifel zu jenen Bauern, die dem Bild von erfolgreichen, EU-reifen Landwirten entsprechen. Mit 64 Milchkühen und 61 Stück Jungvieh sowie 90 Hektar Land gehören sie im Umland der Grenzstadt Cieszyn zu den Erfolgreichsten. Auf die Vorzüge der EU angesprochen, reagiert Tadeusz Sikora dennoch zurückhaltend: "Ein Jahr ist viel zu kurz, um etwas sagen zu können. Bislang hatten wir Glück, nach dem Beitritt sind die Milchpreise tatsächlich etwas in die Höhe gegangen. Davon haben wir profitiert. Doch mit den Subventionen ist nicht alles so rosig." Seine Frau Anna erklärt warum: "Wir haben 30 Hektar eigenes Land und 60 Hektar in Pacht. EU-Gelder gibt es aber nur für unsere 30 Hektar, für den Rest kassieren die Besitzer, obwohl die nicht einen einzigen Tag am Feld arbeiten. Wegen dieser Regelung will auch niemand einen offiziellen Pachtvertrag mit uns machen, denn dann würden die Subventionen auf uns übergehen." Im Fall der Sikoras wären das immerhin fast 5.500 Euro im Jahr.

Trotzdem: schwarz malen will Anna nicht. Und für die Verspätungen bei der Auszahlungen der EU-Beihilfen macht sie auch nicht die Union verantwortlich: "Dass die Subventionen mit solcher Verspätung ausbezahlt werden, das liegt nicht an Brüssel, sondern an unseren Politikern, die sind einfach unfähig, das flott zu organisieren."

Anders als Besitzer von kleinen und mittleren Höfen sind Anna und Tadeusz Sikora trotz aller Schwierigkeiten dennoch davon überzeugt, dass sie auch in Zukunft von ihrer Landwirtschaft leben werden. "Und später sollen die Kinder den Hof übernehmen", sagt Anna optimistisch. Doch es ist ein Optimismus mit Einschränkungen: "Der Jüngere lernt so gut. Vielleicht sollte er einmal Tierarzt werden. Dann hat er mit Landwirtschaft zu tun und doch einen sicheren Beruf."