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Aufwertung der Wohnbezirke löst auch Unmut aus

Von WZ-Korrespondentin Christine Zeiner

Europaarchiv

Eines der letzten besetzen Häuser in Berlin geräumt. | Höhere Mieten machen zu schaffen. | Berlin. Zweitausend Polizisten, hunderte wütende Demonstranten, lärmende Anrainer: Eines der letzten besetzen Häuser in Berlin wurde gestern, Mittwoch, geräumt. Das "Liebig 14" im Bezirk Friedrichshain im Ostteil der Stadt war 1990 besetzt worden, wie Dutzende andere Gebäude nach dem Fall der Mauer: Die heruntergekommenen Altbauten in Ost-Berlin standen leer. Nun wurde darin gewohnt und gefeiert, manchmal auch Kunst gemacht - wie im heutigen Touristenmagneten "Tacheles" im Bezirk Mitte.


Kurze Zeit später wurden einige der Häuser legalisiert, mit den Hausbewohnern Mietverträge geschlossen. Die Mieten blieben freilich auf dem damaligen Niveau - ein Dorn im Auge neuer Besitzer.

Im Liebig 14 wohnten zuletzt 25 junge Leute. Mit dem neuen Eigentümer hatten sie jahrelang gekämpft. Gespräche mit Bezirkspolitikern, Demonstrationen und eine Eilklage halfen nicht. Bis Mittwoch sollte das Haus geräumt sein.

Gegen acht Uhr Früh schlug eine Axt ein Fenster auf. Auch über den Dachboden waren Polizisten ins Haus gekommen. Doch dann ging es nicht mehr weiter. Behälter mit Flüssigkeiten versperrten den Weg, die erst analysiert werden mussten: Sie waren ungefährlich. Auch Sperrmüll sollte ein Weiterkommen verhindern.

Die Polizei hatte das Viertel zuvor abgesperrt. Die Kindergärten blieben geschlossen. Etliche Anrainer waren hier, um ebenfalls gegen die Räumung zu protestieren.

Hohe Arbeitslosenrate

Denn "Liebig 14" ist - wie das "Tacheles" - ein Symbol. Es steht für eine längst vergangene Zeit, aber auch für den gebliebenen Wunsch, ein Leben zu führen, das ein wenig aus dem Rahmen fällt. Es steht für die Vielfalt in einer Stadt und damit auch für eine Entwicklung, die zwei Seiten hat: Berlin wird schöner und schicker - auch in Friedrichshain. Der Protest für Liebig 14 bedeutete also auch Protest gegen steigende Mieten und sogenannte Gentrifizierung.

In tristen Vierteln sind Mieten niedrig, das lockt Studenten, Junge, Junggebliebene und Künstler - und das wiederum wertet die Vierteln auf. Lokale werden eröffnet kleine Läden und Galerien. So wird das Viertel gentrifiziert.

Erst vor kurzem erklärte Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), man müsse sich daran gewöhnen, dass die Stadt "in vielen Bereichen" teurer werde. Höhere Mieten spiegelten gestiegene Kaufkraft - und das sei kein Problem, wenn auch die Löhne steigen würden. Doch noch hat Berlin mit 14 Prozent eine der höchsten Arbeitslosenraten. Im Jänner waren 238.000 Menschen offiziell ohne Job.