Zum Hauptinhalt springen

Aufwischen nach der Geldflut

Von Stefan Melichar

Analysen

Mehr als eine Billion Euro hat die Europäische Zentralbank (EZB) im Rahmen zweier aufsehenerregender Transaktionen Mitte Dezember und Ende Februar zur Krisenbekämpfung in Form günstiger Kredite an europäische Banken ausgegeben. Dazu kommt ein Volumen von rund 220 Millionen Euro aus dem Kauf von Staatsanleihen und mehr als 65 Millionen Euro aus dem Erwerb besicherter Anleihen (Covered Bonds).

Auch wenn die Geldschwemme dazu beigetragen haben dürfte, dass trotz Staatsschuldenkrise große Katastrophen im europäischen Finanzsystem bisher ausgeblieben sind, ist nicht allen ganz wohl dabei. Schließlich kann ein Liquiditätsüberschuss an den Märkten Spekulationsblasen hervorrufen oder ein Inflationsproblem verursachen. Da verwundert es nicht, dass hochrangige EZB-Vertreter bereits darüber nachdenken, wie der Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik vonstatten gehen soll: "Es ist noch zu früh, jetzt schon damit zu beginnen, aber wir müssen anfangen, den Exit sorgfältig vorzubereiten", meint etwa EZB-Direktoriumsmitglied Jörg Asmussen in der Wochenzeitung "Die Zeit".

Bei der technischen Abwicklung braucht die Zentralbank dabei das Rad wohl nicht neu zu erfinden: Die günstigen Kredite im Billionenausmaß müssen Anfang 2015 ohnehin zurückgezahlt werden. Die gekauften Wertpapiere haben ebenfalls fixe Laufzeiten - oder können weiterverkauft werden. Was die EZB jedoch planen muss, ist, wie sie den Ausstieg aus den Hilfsmaßnahmen möglichst schonend gestaltet. In einem jahrelang von Zentralbankliquidität abhängigen Banksystem könnte ein plötzlicher Entzug zu gröberen Verwerfungen führen.

Möglich wäre, dass die EZB rund um die Rückzahlung der Billion den Banken neue Kredite gewährt. Diese könnten dann - im Sinne einer graduellen Entwöhnung - kürzere Laufzeiten aufweisen, ein beschränktes Volumen haben oder mit höheren Zinsen versehen sein. Auf diese Weise könnte man nach und nach zum Modus vor dem Krisenbeginn 2007 zurückkehren, als Kreditinstitute begrenzte Mengen an Zentralbankgeld oft nur für wenige Tage ersteigern mussten.

Entscheidend wird freilich sein, ob bis dahin die diversen Finanz-, Wirtschafts- und Staatsschuldenkrisen überwunden sind. Solange sich Banken - wegen eines Vertrauensmangels - untereinander kein Geld borgen, wird die EZB immer einspringen müssen, um den Wirtschaftskreislauf am Leben zu erhalten.