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Augen auf Triest

Von Günther Schatzdorfer

Europaarchiv

In Triest ist man sich sicher: die Stadt ist der geeignete Ort um eine Weltausstellung auszurichten. Das dafür zuständige Komitee "Trieste Expo 2008" hat seinen Sitz unweit des Hafens auf der Piazza Vittorio Veneto, welche früher Piazza della Dogana hieß. Diese alte Adresse ist in Hinblick auf das Projekt passend, denn hier war der Umschlagplatz für Waren aus aller Herren Länder. Hier wurde gehandelt. Hier stand das Zollamt. Das gibt Anlass, über die Wirtschaftsgeschichte und die Geopolitik der letzten hundert Jahre nachzudenken, in denen der einstige Welthafen zur Bedeutungslosigkeit verkam und nun wieder Aufschwung nimmt. Die Menschen Triests entdecken das Meer wieder, ihr Meer, und träumen davon, dass der Hafen zum Tor zu einer neuen Seidenstraße wird. Die Piazza Vittorio Veneto ist ein Symbol für diese nach rückwärts und vorwärts gewandten Träume. Der aus Triest stammende und international erfolgreiche Architekt Boris Podrecca hat den Platz neu gestaltet. Seine Arbeit erinnert daran, dass die Stadt einst von Kanälen durchzogen war, dass das Wasser, das Meer über Jahrhunderte die Verbindung zur Welt darstellte und die Identität der Bewohner prägte.

In Triest herrscht Goldgräberstimmung. Schon seit Jahren drängen Geschäftsleute aus den alten, neuen und möglichen EU-Beitrittsländern, aber auch aus der Ukraine und den ehemaligen sowjetischen Teilstaaten in die Stadt, welche für sie das Tor zum europäischen Markt geworden ist. Seit dem Beitritt Sloweniens und der Öffnung der Grenzen fließt - wenn auch zaghaft - Kapital aus dem italienischen Binnenland hierher. Die Bewerbung Triests um die EXPO 2008 hat nun einen regelrechten Boom ausgelöst. Selbst Schweizer Banken investieren nun, vorzüglich in Immobilien, und habe - so ein Insider - in den letzten beiden Jahren ganze Strassenzüge aufgekauft und die Preise hinaufgetrieben.

Projekt Trieste EXPO 2008

Die Idee zur Bewerbung um eine Weltausstellung entstand vor gut fünf Jahren, als Riccardo Illy Bürgermeister war. Der Rektor der Universität für Architektur, Giacomo Borruso, verfaßte damals eine Denkschrift über einen "Mitsommernachtstraum", den es gelte, in Realität umzusetzen. Es geht darin vor allem um die Nutzung des Porto Vecchio, eines 25 Hektar großen Areals im Herzen der Stadt, zwischen Bahnhof und Meer gelegen, welches seit Jahrzehnten verödet. Hier stehen - dem Verfall preisgegeben - bemerkenswerte Architekturen aus dem 19. Jahrhundert: Verwaltungsgebäude, Lagerhallen, Krananlagen, Kathedralen des Merkantilismus. Es ist eine gewaltige urbanistische Herausforderung, die erhaltungswürdigen Substanzen zu renovieren und durch moderne Bauten zu ergänzen.

Um ein derartiges Projekt zu finanzieren, reichen die lokal vorhandenen Mittel natürlich nicht aus. So kam es zur Idee, die Augen der Welt auf diesen einzigartigen Schauplatz zu richten und internationale Sponsoren zu finden.

Unter dem Motto "MOBILITY OF KNOWLEDGE" hat man ein Konzept entworfen, mit dem Triest sich beim BIE (Bureau International des Expositions) um eine Weltausstellung im alten Hafen beworden hat. Die Stadt setzt dabei vor allem auf ihre wissenschaftlichen Ressourcen, die tatsächlich beachtlich sind. Da gibt es AREA SCIENCE PARK, wo hauptsächlich Forschung auf dem Gebiet der Bio-Technologie betrieben wird, das CENTRO DI FISICA bei Miramare, welches sich zum weltweit bedeutendsten Forschungszentrum für Wissenschaftler aus der sogenannten Dritten Welt entwickelt hat, das meeresbiologische Zentrum des WWF, sowie zahlreiche universitäre und private Institutionen, die in ähnlichen Bereichen und für den Wissens-Transfer arbeiten. 37 von 1.000 Einwohnern Triests leben für oder von der Wissenschaft. In den USA sind es sieben von tausend.

Durch die EXPO will man die Stadt für die Zukunft zur Drehscheibe der Mobilität des Wissens machen. Denn Vernetzung und Globalisierung können laut Meinung der Veranstalter nie die persönliche Begegnung und die Inspiration des Dialogs ersetzen. Die Ziele der Veranstaltung sind klar definiert: Aufwertung des kulturellen Erbes, Aufwertung der Unterschiedlichkeit der Kulturen, die Bedeutung der Zusammenarbeit bewusst machen und Triest zum Katalysator der wissenschaftlichen und technologischen Zusammenarbeit zu gestalten.

Erwartungen und Strukturen

In der Zeit zwischen Anfang Juni und Ende August 2008 sollen - so die Schätzung - täglich 56.000 Besucher die EXPO frequentieren, also insgesamt gut fünf Millionen Menschen sich im wahrsten Sinn des Wortes schlau machen. Dafür stehen 250.000 qm Ausstellungsfläche und ein Servicebereich von weiteren 150.000 qm zur Verfügung. Kosten soll die Weltausstellung circa 750 Millionen Euro, wovon ein Drittel aus öffentlichen Mitteln bestritten wird. Zwei Drittel sollen von Sponsoren und Investoren aufgebracht werden.

Natürlich erwartet man sich nicht nur in der Stadt und Provinz von Triest einen gigantischen Aufschwung im Sektor Tourismus; auch die Region Friaul Julisch Venezien und weite Teile Slowenien hoffen davon zu profitieren. Selbst Skeptiker des Projektes bezweifeln nicht, dass die im Falle der Realisierung zu schaffenden Strukturen den Arbeitsmarkt entscheidend beleben werden und auch für die Zeit nach 2008 wichtige Wirtschaftsfaktoren darstellen werden.

Das beginnt beim Ausbau der Verkehrsverbindungen entlang des Korridor 5 und auf der Nord-Süd-Achse. Laut Auskunft des zuständigen österreichischen Staatssekretärs Eduard Mainoni wird bis dahin der Katschbergtunnel vierspurig befahrbar sein, der Ausbau der A2 wird 2007 abgeschlossen, ebenso wird die Tauernbahn weitgehend zweigleisig befahren werden können. Wann die ÖBB den Ausbau der Strecke Villach-Tarvis in Angriff nehmen wird, ist noch unsicher. Die Eisenbahn- und Straßenverbindungen von Triest nach Slowenien und weiter nach Ungarn und Kroatien werden jedenfalls dem modernsten Standard entsprechend rechtzeitig fertig gestellt.

Auch der Hafen kann profitieren, nicht zuletzt, weil der Taiwanesische Konzern EverGreen ihn zum Ausgangspunkt des Handels zwischen Europa und Asien machen will. Die Personen-Schifffahrt soll wieder belebt werden, um den Besucheransturm zu bewältigen. Zum Problem könnte werden, dass die Stadt Triest derzeit lediglich über gut 8.000 Gästebetten verfügt, die nur zum Teil mit internationalem Standard ausgestattet sind. Ebenso ist im gastronomischen Bereich Pionierarbeit zu leisten, will man den Ansprüchen des multi-kulturellen Publikums bei diesem Großereignis Genüge tun. Panierte Sardinen, Schweinswürste und gekochtes Kaiserfleisch stillen zwar den nostalgischen Appetit, werden aber keine weltweiten kulinarischen Begeisterungs-Stürme auslösen.

Die geteilte Stadt

Triest hat im 20.Jahrhundert immer wieder unter seiner inneren Zerrissenheit gelitten, welche oft geradezu schizophrene Formen angenommen hat. Nun, im Vorfeld der Bewerbung um die EXPO kam es zu einem Burgfrieden zwischen Slowenen und Italienern, zwischen der Mitte-Rechts Koalition in der Stadt - beziehungsweise auf nationaler Ebene - und der Mitte-Links Regierung in der Region. Freilich erwarten sich alle Gruppierungen Vorteile. Sollte es zu einer Entscheidung für Triest kommen, werden interne Konflikte bei der Vorbereitung und Durchführung des Projektes kaum zu vermeiden sein. Zu unterschiedlich sind die Interessen. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, in den vier Jahren bis zur EXPO ein homogenes Gemeinwesen zu bilden. Denn noch ist man sich nicht wirklich einig, ob man sich als mitteleuropäische oder mediterrane Stadt oder als goldene Pforte zum Osten verkaufen will, welche Rolle Patriotismus und Nostalgie spielen werden, wenn man die Stadt als Schaufenster der Welt dekoriert.

Noch eine Gefahr besteht: es ist fraglich, inwieweit die Stadt und ihre Region autonom diese große Aufgabe personell und ökonomisch bewältigen werden können. Je mehr Kapital und Know-How importiert werden müssen, um so größer ist das Risiko einer neuerlichen "Kolonialisierung" Triests. Der Publizist Paolo Rumiz etwa meint, dass es Triest an der Fähigkeit mangelt, als Stadt erwachsen zu sein. Noch badet man in Selbstmitleid - eine Folge der leidvollen Geschichte des 20.Jahrhunderts und meint - anstatt in die Zukunft zu blicken - auf Grund dieser Vergangenheit verdient zu haben, nun im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit stehen zu dürfen.

In dieser Stadt, die so lange ohne Hoffnung war, konzentriert sich nun alle Hoffnung auf die EXPO 2008. Natürlich klingen da auch patriotische und manchmal nationalistische Töne an. Immerhin feierte man heuer ausgiebig den 50.Jahrestag der Londoner Verträge und der Rückkehr zu Italien. Natürlich träumt mancher Nostalgiker davon, dass das Meer wieder vor lauter Handelsschiffen nicht mehr sichtbar ist wie zu Maria Theresias Zeiten. Dass Hasard und va banque gespielt werden wird, versteht sich bei den zu erwartenden Investitionen, Umsätzen und Gewinnen von selbst.

Die Perspektiven

Am 16. Dezember entscheidet das EXPO-Büro in Paris, welches mit Vertretern aus 91 Ländern besetzt ist, ob Saloniki, Zaragoza oder Triest den Zuschlag für die EXPO 2008 erhalten. Die Chancen für den Adria-Hafen stehen gut, meint zumindest der Präsident des Komitees "Trieste Expo Challenge", der Architekt Fabio Santi.

Es wäre ganz natürlich, dass die Wahl auf Triest fällt. Riccardo Illy ist sich der Sache auch sicher, drückt aber seine Hoffnungen etwas vorsichtiger aus. Eine Entscheidung für seine Stadt wäre ein klares Bekenntnis zu einem Europa der grenzenlosen Regionen und ein deutliches, historisches Signal für die Südost-Öffnung. Die zahlreichen Schiffe mit dem türkischen Halbmond oder den Flaggen der Anrainerstaaten des Schwarzen Meeres im Hafen von Triest illustrieren seine Argumentation.

Das Gelände des Porto Vecchio ist tatsächlich ein optimaler Schauplatz für eine Begegnung der Kulturen, geographisch, architektonisch und historisch. Hier wurde nicht nur mit Fleisch und Getreide gehandelt. Von hier fuhren Emigranten mit einem Koffer und zwei Papp-Kartons nach Amerika, Palästina und Australien. Es ist eine faszinierende Idee, dass nun ihre Enkel - wenigstens für ein paar Wochen - zurückkehren, mit kollektiven Erinnerungen, neuen Erfahrungen und dem Willen, im Dialog ihre Horizonte zu erweitern um neue Ideen für Wissenschaft und Bildung zu kreieren. Das war auch der ursprüngliche Gedanke einer "Weltausstellung".

Für österreichische Firmen und Institutionen bietet sich ein breites Spektrum an ökonomischer und geistiger Beteiligung an diesem Projekt. Für die Stadt Triest würde die EXPO bedeuten, endgültig vom Rand Europas wieder in dessen Zentrum zu rücken. Den Menschen dort böte sich die Chance, ihre ursprüngliche Identität wieder zu finden, ihr Dasein zwischen dem Kontinent und der Welt jenseits des Meeres.

Was aber wird geschehen, wenn man sich in Paris gegen Triest entscheidet? Folgt dann - was angesichts der Geschichte kein Wunder wäre - ein neuerlicher, kollektiver psychologischer Zusammenbruch, weil der Stadt und ihren Bewohnern wieder einmal ohne eigene Schuld die Zukunft abhanden gekommen ist? Nein, sagt Architekt Fabio Santi. Der alte Hafen werde so oder so neu gestaltet. Und: man werde sich für 2009 als Kultur-Hauptstadt Europas bewerben. Vielleicht zusammen mit Wien.

Vom Autor sind folgende Bücher in der EDITION ATELIER erschienen: "Triest" (ISBN 3-85308-083-9, € 25) und "Küstenland. Triestiner Ansichten" (ISBN 3-85308-001-4, € 19).