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Aus dem Dot-Com-Boom in die Obdachlosigkeit

Von Karen Davis

Wirtschaft

Mike Schlenz hat vor kurzem noch Unix-Netze im Silicon Valley installiert und Internet-Router eingerichtet - jetzt lebt er in einer Obdachlosenunterkunft. John Sacrosante verdiente jährlich mehr als 100.000 Dollar (116.185 Euro/1,60 Mill. Schilling) - seinen 39. Geburtstag verbrachte er mit seinen "Brüdern" im Sozialzentrum einer Kirchengemeinde. Beide sind Opfer der Dot-Com-Krise, des rasanten Niedergangs der Computer-Branche seit Mitte vergangenen Jahres.


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Noch vor wenigen Monaten emsig umworbene High-Tech-Arbeiter leben jetzt Seite an Seite mit denen zusammen, die schon immer von der Gesellschaft an den Rand gedrängt wurden. Unter den 100 Männern, die in der kalifornischen Stadt San Jose von der Hilfsorganisation InnVision betreut werden, sind fast 30 arbeitslose Techies. "Sie sind eigentlich nicht gerade diejenigen, die wir sonst Sandler nennen", sagt die Leiterin von InnVision, Robbie Reinhart. "Die meisten haben einen Hochschulabschluss." Wer erst einmal ganz unten angekommen ist, kennt solche Unterschiede nicht mehr. "Wir sind hier alle gleich", erklärt Sacrosante. Wenn man an sechsstellige Summen und die Arbeit in einem dynamischen und aufregenden Umfeld gewohnt gewesen sei, sei der Abstieg allerdings nicht so einfach zu verkraften.

Die Arbeitslosenquote in San Francisco ist innerhalb eines Jahres von 2,6% auf 4,2% gestiegen; 18.000 Beschäftigte mussten sich in diesem Zeitraum erwerbslos melden. Im südlich davon gelegenen Bezirk Santa Clara steigt die Zahl der Entlassungen von Monat zu Monat - hier betrug die Arbeitslosigkeit im Mai 3,2%. Wer überhaupt zu Leistungen der Arbeitslosenhilfe berechtigt ist, stellt bald fest, dass die 40 bis 230 Dollar (46,5 Euro/639 Schilling bis (267 Euro/3.677 Schilling) in der Woche nicht reichen, um sich weiterhin die im Silicon Valley besonders hohen Mieten leisten zu können: Ein Apartment kostet im Schnitt 1.800 Dollar (2.091 Euro/28.777 Schilling ) im Monat.

Viel zu tun haben jetzt Telefonseelsorge und Beratungsstellen für Selbstmordgefährdete in San Francisco und Santa Clara. Seit Oktober vergangenen Jahres habe sich die Zahl der Anrufe auf Grund von Arbeitsplatzsorgen nahezu verdoppelt, heißt es dort. Der 35 Jahre alte Schlenz hatte als freier Mitarbeiter für verschiedene Auftraggeber gut 60.000 Dollar (69.711 Euro/959.240 Schilling) verdient. Dann kamen immer weniger Aufträge für die Einrichtung von Computernetzen oder Internet-Beratung.

Von der Millionengage zum Einsteigerjob

"Einige der größeren Unternehmen fingen an, mich monatelang hinzuhalten", berichtet Schlenz. "Abteilungen wurden verkleinert und schließlich ausgelagert. Irgendwann wurden dann meine E-Mails einfach nicht mehr beantwortet." Schlenz hat von früheren Aufträgen immer noch ein paar Aktien übrig, aber ihr Wert ist drastisch gefallen. "Die Hälfte meiner Aktien habe ich für Lebensmittel eingelöst." Als das Geld weg war, musste er auch die Wohnung aufgeben. Drei Monate lang schlief er in seinem Honda Civic und nutzte die Duschen in einem Fitness-Klub, wo sein Mitgliedsausweis noch bis Mai gültig war.

Inzwischen ist Schlenz bei InnVision in der Montgomery Street in San Jose untergekommen. Dort gibt es einen Monat lang kostenlose Unterkunft - danach müssen für jeden Monat 45 Dollar gezahlt werden. Als Freiwilliger hilft Schlenz im Computerraum und zeigt den Mitbewohnern, wie man mit dem PC umgeht. Bei Oracle, einem führenden Unternehmen für Datenbanksoftware, hat er sich für einen Einsteigerjob beworben, für den er eigentlich überqualifiert ist. Seiner Mutter in Arkansas hat er nichts von seiner Lage erzählt. "Sie würde sich nur Sorgen machen."