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Aus dem Schatten

Von Veronika Eschbacher

Politik

Der Ukraine-Konflikt machte Tausende zu Kriegsinvaliden – ein Multimediaprojekt macht auf ihr Schicksal aufmerksam.


Mit einem aufwendigen Multimediaprojekt machen ukrainische Medien auf die speziellen Bedürfnisse Kriegsversehrter und Personen mit Behinderungen aufmerksam. Eine Ausstellung der Schau findet Ende des Monats auch in Brüssel statt.
© Alexander Morderer, Viva.ua, Telekanal 1+1

Kiew/Wien. Es war schon fast Mitternacht, Andrij Zabyhaylo und seine Kameraden lagen am Straßenrand, um zu rasten. Den ganzen Abend war es ruhig gewesen, hier, nicht unweit von Debalzewe, einem in dem Konflikt ständig umkämpften, wichtigen Verkehrsknotenpunkt im Osten der Ukraine. Plötzlich spürte der 27-jährige Ukrainer einen scharfen Schmerz im rechten Bein. Aus dem Nichts wurde die Einheit der ukrainischen Armee mit Granatwerfern beschossen, ein Geschoss traf Zabyhaylos rechten Fuß, zerfetzte beide Unterschenkelknochen und beschädigte das Knie stark. Seine Kameraden zogen den ehemaligen Polizisten, der schnell viel Blut verloren hatte, in ein Auto und brachten ihn ins Krankenhaus bei Artjemiwsk. Er selbst kann sich heute, obwohl er bei Bewusstsein war, an die Fahrt nicht mehr erinnern; die ersten klaren Bilder hat er erst wieder, als er nach seiner Operation in Artjemiwsk aufwachte. "Zu dem Zeitpunkt habe ich nicht ein einziges Mal daran gedacht, dass ich mein Bein verlieren könnte", sagt er.

Und doch kam es so. Waren die Ärzte im nächsten Krankenhaus, in das er überstellt wurde, in Charkiw, noch zuversichtlich, so verschlechterte sich sein Zustand zunehmend. In Kiew schließlich wurde eine Entzündung im Knie festgestellt, eine beginnende Blutvergiftung; bald war klar, dass auch sein Knie nicht mehr funktionstüchtig war. Der Soldat hatte keine große Wahl, er sprach mit seinen Eltern, und alle gemeinsam gaben dem Arzt schließlich die Erlaubnis, sein rechtes Bein zu amputieren.

Zabyhaylo ist freilich kein Einzelschicksal. Der Konflikt im Osten der Ukraine zwischen den prorussischen Aufständischen der "Donezker Volksrepublik" sowie der "Luhansker Volksrepublik" auf der einen Seite und der ukrainischen Armee auf der anderen Seite hat so viele Schwerstverwundete und Invalide hinterlassen in der Ukraine wie seit dem Krieg der Sowjets in Afghanistan nicht mehr. Aktuelle offizielle Zahlen gibt es keine, eine Anfrage an das Sozialministerium in Kiew blieb unbeantwortet. Laut dem ukrainischen Wochenmagazin "Korrespondent" hatten bereits im September 2014, ein knappes halbes Jahr nach Beginn des Konflikts, mindestens 1500 Kämpfer Hände und Beine verloren.

Natalija Voronkowa, Gründerin der NGO "Hundertschaft der Freiwilligen", die Kämpfer der sogenannten "Anti-Terror-Operation" (ATO) unterstützt, weiß von rund 400 Kämpfern auf ukrainischer Seite, die heute Prothesen benötigen. Hinzu kommen Versehrte in der Zivilbevölkerung. Diese gerieten zwischen die Fronten oder fielen und fallen weiter Sprengkörpern zum Opfer. Denn viel von dem Niemandsland links und rechts der sogenannten "Kontaktlinie", der Grenze zwischen Kiew-kontrolliertem Gebiet und jenem der Separatisten, ist heute vermint. Überall finden sich Blindgänger.

Für die Kosten für die Prothesen kommt der Staat auf, er hat dafür im September 2014 ein Budget von 279 Millionen Griwen (9,2 Millionen Euro) veranschlagt. Ukrainische mechanische Prothesen, die in einer der 20 Fabriken des Landes künstliche Gehhilfen und Hände herstellen, kosten rund 60.000 Griwen. Importierte Hightech-Prothesen das Zehnfache.

Auch wenn das Geld somit vorhanden sein sollte, komme es aber immer wieder zu Verzögerungen und Problemen, sagt Voronkowa - vor allem, wenn es sich um komplizierte Fälle handelt und Betroffene ins Ausland geschickt werden müssen, um dort Prothesen zu erhalten. Die NGO-Gründerin lässt kein gutes Haar an der Arbeit des ukrainischen Staates. "Das Sozialministerium arbeitet schlecht. Und insgesamt geht man in der Ukraine schlecht mit Invaliden um. Sie sind auf sich selbst gestellt."

Der 27-jährige Andrij Zabyhaylo verlor sein rechtes Bein in der Nähe von Debalzewe durch eine Granate.

Voronkowa erinnert daran, dass es nicht nur um Soldaten geht, die Prothesen benötigen, sondern unzählige Kämpfer etwa schwer an der Wirbelsäule oder dem Kopf verwundet wurden, dass sie ihr Leben lang invalid sein werden. "Leider muss ich sagen, dass der Staat auf diese Menschen pfeift." Es fehle auch an den nötigen Rehabilitationseinrichtungen. Das Verhältnis des Staates in dieser Frage habe sich in den vergangenen Monaten nicht verbessert, sondern verschlechtert.

Rekrutierungsbüroals neue Jobperspektive

"Ich muss sagen, ich persönlich hatte Glück", sagt Andrij Zabyhaylo. Denn er habe neben seiner Prothese vom ukrainischen Staat auch eine Wohnung erhalten. Damit sei er eher die Ausnahme. Bei weitem nicht alle, die in den Kampfhandlungen invalid wurden, hätten eine Kompensation erhalten. Oft sei ein Gang durch alle Kabinette sämtlicher Ministerien notwendig, der Prozess insgesamt sei sehr aufwendig. Monatlich erhält Zabyhaylo heute eine Invalidenpension "von etwa 100 Dollar." Er wolle aber bald wieder arbeiten, Versehrten würde man die Möglichkeit geben, bei den militärischen Kommissariaten zu arbeiten. Diese rekrutieren Soldaten für die Armee.

Das Schicksal der aus der Kampfzone zurückgekehrten Soldaten der ukrainischen Armee beschäftigte auch zwei Journalistinnen. Die Moderatorin des Fernsehkanals 1+1, Solomija Witwitzkaja, und der Chefredakteurin von "Viva", eines Hochglanzjournals für Celebrities ähnlich der deutschen "Gala", Ivanna Slaboshpitzkaja, initiierten ein aufwendiges Multimediaprojekt, um die Versehrten vor den Vorhang zu holen und mehr Barrierefreiheit in den ukrainischen Städten einzufordern. Dass beim Thema Barrierefreiheit großer Aufholbedarf besteht, zeigt folgende kleine Episode: Selbst nach der Anschaffung einiger Garnituren an Niederflur-Straßenbahnen blieb der Zugang zu den Einstiegen nicht barrierefrei.

Um die größtmögliche Aufmerksamkeit für das Thema zu erreichen, engagierten die beiden Journalistinnen für ihr Projekt "Sieger" den teuersten Fotografen des Landes, Alexander Morderer, der zehn versehrte Kämpfer in Szene setzte. Die Ergebnisse sind aktuell in Kiew in einer Ausstellung zu sehen, in Reportagen über die Kämpfer im Fernsehen, in einer Spezialausgabe von "Viva" und sie zirkulieren in allen sozialen Medien. Die Ausstellung soll am 29. Februar zudem im Europäischen Parlament in Brüssel gezeigt werden und danach in andere Länder wandern. Alle Erlöse gehen in die Entwicklung moderner ukrainischer Prothesen.

Für die NGO-Leiterin Voronkowa ist das Projekt gut und wichtig, aber nicht umfassend genug. "Die Initiatoren haben es vor allem in Bezug auf die Teilnehmer der ATO aufgegriffen. Aber wir haben ja auch noch jede Menge anderer Invalide", sagt sie. Laut der Sozialexpertin Larissa Samsonowa sind 2,8 Millionen Menschen betroffen, das sind 6,1 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Wie es Kriegsversehrten und Invaliden in den "Volksrepubliken" gehe, wisse sie, Voronkowa, aber nicht. Auch das Projekt der Journalistinnen beschäftigt sich ausschließlich mit der ukrainischen Seite des Konflikts.

"Moralisch bin ich nicht gefallen"

Andrij Zabyhaylo ist einer der zehn Männer, die in dem patriotisch angehauchten Projekt als "Held der heutigen Ukraine" vorgestellt werden. Er habe nicht lange über eine Teilnahme nachgedacht. "Es zeigt nicht nur den Menschen, die uns unterstützt haben, was mit ihren Geldern passiert ist, sondern auch jenen, die frisch verwundet sind, dass das Leben trotz einer Amputation weitergeht", sagt er. "Ich laufe auf einer Prothese herum, ich kann tanzen, Billard spielen. Ich sitze nicht immer am gleichen Platz, sondern fahre, wohin ich eingeladen werde im Land." Er, der sich freiwillig einziehen ließ, bereue keine Sekunde seine Entscheidung. Viele seiner Freunde waren davor in dem Konflikt gestorben, er, der nie am Maidan war, habe verhindern wollen, dass sich der Krieg weiter ausbreitet und war mit der dritten Mobilisierungswelle eingerückt.

Bis zu jener Nacht am 12. Oktober. Auch wenn er an diesem Tag verwundet wurde: "Moralisch bin ich nicht gefallen".