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Aus dem Schatten Russlands

Von Julian Kern

Wirtschaft

Während Norwegen im Laufe des Krieges in der Ukraine zum wichtigsten Erdgaslieferanten wurde, kämpfen andere Länder nach wie vor mit der Abhängigkeit von russischem Gas.


Rund 200.000 Menschen leben im Großraum Stavanger. 50.000 davon arbeiten in Berufen, die direkt oder indirekt mit der Erdöl- und Erdgasindustrie in Verbindung stehen. Seit 50 Jahren ist die Stadt der alten Holzhäuser, die rund um den Fjord gebaut wurden, Norwegens Öl- und Gaszentrum. Im vergangenen Jahr weiteten die Skandinavier diese Rolle aus. Die Verknappung von russischem Gas, die Stavanger nun auch europaweit zu einer wichtigen Energiedrehscheibe macht, begann allerdings nicht erst im Februar 2022, sondern bereits im Jahr zuvor.

Im Jänner 2021, als Europa mitten in der Heizsaison steckte, reduzierte Russland die Gaslieferungen am ukrainisch-slowakischen Grenzübergang Velke-Kapuzany erstmals um zwei Drittel. Weitere Auffälligkeiten folgten Anfang Mai, als der russische Staatskonzern Gazprom seine Speicher in Deutschland und Österreich nicht wie üblich auffüllte, sondern leerlaufen ließ.

Im Herbst 2021 reduzierte Russland die Gasgeschäfte ein weiteres Mal. Nicht nur die Lieferungen über die Ukraine wurden weniger, auch in der Jamal-Pipeline, die Deutschland über Polen mit Russland verbinden, sanken die Mengen von 865 auf 520 Gigawattstunden (GWh) pro Tag. Knapp zwei Monate vor dem russischen Einmarsch in die Ukraine drosselte Gazprom die Lieferungen ein weiteres Mal, über Polen nach Deutschland wurden sie sogar komplett gestoppt. Gegenüber dem Jahresbeginn 2021 kostete Erdgas plötzlich fast das Neunfache.

Norwegen als größter Versorger

Als sich daraufhin die Energiesituation in Europa zuspitzte, reagierte Norwegen. Das 5,5 Millionen Einwohnerland sah sich in der Pflicht, "die Gasexporte aufrechtzuerhalten und zu steigern", wie Premierminister Jonas Gahr Store, kürzlich in einem Interview zu Protokoll gab.

Indem die Skandinavier weniger Öl, dafür aber mehr Gas förderten, schnellten auch die Staatseinnahmen in die Höhe. Nach Schätzungen der norwegischen Regierung wurden durch fossile Energieexporte im Vorjahr 125 Milliarden US-Dollar eingenommen - etwa 100 Milliarden US-Dollar mehr als noch im Jahr 2021. Alleine der staatliche Energiekonzern Petoro, der etwa ein Drittel der gesamten Öl- und Gasreserven Norwegens repräsentiert, konnte sein operatives Ergebnis im selben Zeitraum mehr als verdoppeln.

Mithilfe des Gases aus Norwegen scheint auch die Diversifizierung in Deutschland, Russlands ehemals größter Erdgasabnehmer, gelungen. Das meiste Gas importiert das Nachbarland aktuell aus dem skandinavischen Königreich, den Niederlanden und Belgien. In Belgien und den Niederlanden ist es vor allem das Flüssiggas (LNG) aus den USA, das über die Häfen Zeebrugge und Rotterdam über Pipelines nach Deutschland gelangt.

"Independence" auch in Litauen

Ein weiteres Beispiel, sich vom Erdgas Russlands unabhängig zu machen, liegt in der litauischen Hafenstadt Klaipeda vor Anker. 2014 wurde dort das LNG-Terminal "Independence" in Betrieb genommen. Das 300 Meter lange Schiff ist auch dafür verantwortlich, dass die Abhängigkeit von bis zu 80 Prozent russischen Gases reduziert werden konnte. Seit April 2022 verzichtet das Land laut Präsident Gitanas Nauseda gänzlich auf russisches Erdgas.

Jedoch gibt es innerhalb Europas auch Länder, denen es bis dato nicht gelungen ist, Energieabhängigkeiten aus Russland zu beenden. Allen voran: Österreich. Zwar betonte Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) im Dezember, dass es Österreich gelungen sei, den Anteil des russischen Gases auf 20 Prozent zu reduzieren. Jedoch stammten im Dezember 70 Prozent des importierten Gases aus Russland, im vergangenen Jänner 47 Prozent, und auch im Februar flossen mit 57 Prozent mehr als die Hälfte des importierten Erdgases aus Russland nach Österreich. Verantwortlich dafür ist ein Langfristvertrag zwischen der OMV und Gazprom.

Auch Italien hängt am russischen Gashahn. Vor Kriegsbeginn stammten circa 40 Prozent der Gasimporte im südlichen Nachbarland aus Russland. Zwar halbierte sich dieser Anteil 2022 auf 15 Milliarden Kubikmeter, dennoch fließt weiter russisches Gas nach Italien - vor allem über die Pipelineverbindung mit Österreich. Bis zum Winter 2024/25 will sich Italien mithilfe neuer LNG-Terminals von Russland unabhängig machen.

Ungarn geht eigene Wege

Während unter dem Großteil der EU-27 Konsens darüber besteht, dass Energieimporte aus Russland den Krieg in der Ukraine mitfinanzieren, geht Ungarn eigene Wege. Im Oktober des Vorjahres kündigte Außenminister Péter Szijjártó an, dass künftig noch größere Mengen aus Russland ankommen würden. Im selben Zeitraum hat sich das Nachbarland zudem günstigere Konditionen für den fossilen Brennstoff gesichert.

Auch Spanien bezog 2022 um 45 Prozent mehr Gas aus Russland als vor dem Krieg. Russisches Erdgas macht nun zwölf Prozent aller spanischen Gasimporte aus. In den drei Jahren vor dem Krieg lag Russlands Anteil an Spaniens Gasimporten stets zwischen 8,5 und 10,5 Prozent. Gründe für den Anstieg sind laut Spaniens Wirtschaftsministerin Nadia Calviño, dass das Land im Süden Europas selbst mehr Gas für die Stromproduktion benötigte und mehr Strom nach Frankreich exportiert wurde, da dort zahlreiche Atomkraftwerke ausgefallen waren.

Im Norden Europas forciert man hingegen keine weiteren Großinvestitionen in die fossile Industrie. Einer neuen Pipeline erteilten die Skandinavier eine Absage. Zu unwirtschaftlich erscheint die Amortisationsdauer von 20 Jahren. Zudem nehme auch der Druck, die Treibhausgasemissionen zu reduzieren und die fossile Industrie einzudämmen, zu. Orientieren wollen sich die Skandinavier an den Klimazielen der EU. "Damit Norwegen eine Zukunft hat, müssen wir uns auf das zukünftige Energiesystem in Europa ausrichten", bekräftigt Ulf Sverdrup, der Direktor des Norwegischen Instituts für internationale Angelegenheiten.