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Aus der Spur geraten

Von Ronald Schönhuber

Analysen

Das Chaos in Mainz offenbart die | vielen Probleme der Deutschen Bahn.


Berlin/Mainz. "Nerven sparen, Bahn fahren" - das finden nicht nur die Werbetexter schön, sondern wohl auch viele der Millionen Bahnkunden, die täglich in Deutschland einen Zug besteigen. Doch in der nüchternen Realität des Alltags zählt der deutsche Bahnfahrer zu einer leidgeprüften Spezies, deren Nervenkostüme eher strapaziert als geschont wird. Immer wieder kam es in den vergangenen Jahren zu massiven Problemen, die Bahnkunden wohl an der Entscheidung, auf das eigene Auto zu verzichten, zweifeln ließen. So führte etwa ein Materialfehler bei der Berliner S-Bahn im Mai 2009 beinahe zum vollständigen Kollaps des Nahverkehrs, nur ein Jahr später fielen bei 50 ICE-Zügen mitten in einer hochsommerliche Hitzewelle die Klimaanlagen aus. Die fast schon regelmäßigen Zugsaufälle aufgrund von Unwettern oder Schneefall verbuchten die Bahnstammkunden in den vergangenen Jahren da beinahe schon als Routineprobleme.

Auf eine bessere und entspanntere Zukunft dürfen die Bahnfahrer aber nur bedingt hoffen. Denn die jüngsten Schwierigkeiten rund um den Mainzer Hauptbahnhof, wo es seit Tagen aufgrund von Personalengpässen bei den Fahrtdienstleitern und Stellwerksmitarbeitern zu massiven Verkehrseinschränkungen kommt, belegen, dass die Deutsche Bahn auch ein massives strukturelles Problem hat. Wie der mittlerweite zur landesweiten Blamage geratene Fall Mainz zeigt, genügen offenbar einige Krankenstände und ein paar Mitarbeiter im Urlaub, um den Bahnhof einer Landeshauptstadt lahmzulegen.

Zu alt und zu wenige

Mainz mag zwar das derzeit gravierendste Personalproblem der Deutschen Bahn sein, es ist aber weitem nicht das einzige. Auch viele andere Bahnstellwerke in Bayern, Rheinland-Pfalz und Sachsen operieren laut der Bundesnetzagentur derzeit schon hart an ihren Kapazitätsgrenzen, die Bahngewerkschaften warnen bereits vor ähnlichen Pannen wie in Mainz.

Die Gründe für die Personalnot der Deutschen Bahn liegen dabei schon fast 20 Jahre zurück. Seit der Umwandlung in eine Aktiengesellschaft 1994 hat der Konzern, der in diesem Jahr einen Gewinn von 2,2 Milliarden Euro anstrebt, weit über 100.000 Stellen gestrichen. Fast jedes Jahr wurde im Inland weiter abgebaut, während im Ausland Mitarbeiter über Firmenkäufe dazukamen. Da die Bahn auf betriebsbedingte Entlassungen verzichtete, reduzierte sich entsprechend die Zahl der neu eingestellten, jüngeren Mitarbeiter. Die Folge ist nicht nur ein akuter Mangel Personalmangel in gewissen Bereichen, sondern auch eine massive Überalterung. Das Durchschnittsalter der Mitarbeiter liegt heute daher bei 46 Jahren, in der Netzsparte, zu der auch die Stellwerke gehören, bei 48. Und bei den rund 1200 Fahrdienstleitern liegt es laut Gewerkschaftsangaben sogar bei 55 Jahren. Den anstrengenden Schichtdienst in den Stellwerken hält ein Teil der Belegschaft nur noch schwer aus.

Bekannt dürften die Probleme bereits seit mehreren Jahren gewesen sein, doch darüber, wer die Schuld an der Misere trägt, wird sechs Wochen vor Bundestagswahl naturgemäß heftig gestritten. Von der Opposition wurde der Bundesregierung am Dienstag vorgeworfen, viel zu spät auf die angespannte Personallage reagiert zu haben. "Das ist ein absolutes Versagen der Bundesregierung", sagte der rheinland-pfälzische Verkehrsminister Roger Lewentz (SPD) in der ARD. Der Bund müsse als Eigentümer die Probleme regeln. Auch SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück schloss sich der Kritik an. "Hier wurde offenbar falsch gespart. Das rächt sich jetzt", sagte er der "Passauer Neuen Presse". Die Bahn-Mitarbeiter zu bestrafen und aus dem Urlaub zurückzuholen, sei der falsche Weg. Verkehrsminister Peter Ramsauer konterte umgehend: Es seien die früheren SPD-Minister Wolfgang Tiefensee und Peer Steinbrück, gewesen, die den Bahn-Börsengang vorangetrieben und das Unternehmen kostenmäßig ausgeblutet hätten.