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Aus der Traum

Von Walter Hämmerle

Leitartikel
© WZ

Die Ära von Sebastian Kurz war ein Traum für die ÖVP. Doch für Träume und Träumer ist in der Politik wenig Platz.


Dies sind wegweisende Tage für die ÖVP. Um zu verstehen, wie viel auf dem Spiel steht, genügt es, sich die Geschichte dieser Partei in Erinnerung zu rufen.

Neugegründet im April 1945, als in Teilen Österreichs noch gekämpft wird, sorgt sie mit der SPÖ für den Wiederaufbau einer freien, bald auch wohlhabenden Republik. Von der Ahnengalerie blicken Leopold Figl, Julius Raab, Josef Klaus, Alois Mock und Wolfgang Schüssel herab, die auf je eigene Weise das Land mitgeprägt haben; und da ist von den wegweisenden Landeshauptleuten, Vor- und Nachdenkern noch gar nicht die Rede.

Diese große Vergangenheit schützt die Volkspartei nicht vor der Erosion, die die etablierten Parteien ab den 1990ern erfasst - gefangen in einer so ewigen wie ungeliebten Koalition als Juniorpartner der SPÖ. Auch Schüssels erfolgreicher, aber wenig nachhaltiger schwarz-blauer Ausbruch führt die ÖVP nur zurück in ihr altes rot-schwarzes Dilemma.

Bis plötzlich, ab 2011, ein junges, unfassbar vielversprechendes Talent namens Sebastian Kurz auf der Bühne auftaucht. Von da an verdichtet sich in der ÖVP nach und nach die Hoffnung, ein echtes Ass in der eigenen Hand zu haben - und zwar gegenüber SPÖ, FPÖ und Neos zugleich. Ein echter Wunderwuzzi, die fleischgewordene eierlegende Wollmilchsau. Ein Wählerflüsterer und Retter aus bürgerlicher Not.

Die Hoffnungen der ÖVP haben sich erfüllt: Kurz hat der Partei das Kanzleramt zurückerobert, 2017 und 2019 zwei Wahlsiege gefeiert und der Konkurrenz regelmäßig deren strategischen und kommunikativen Defizite aufgezeigt. Mit anderen Worten: Es war ein Traum, vor allem für die ÖVP, aber auch für viele, die sich eine andere Politik, einen neuen Stil gewünscht haben.

Aus diesem Traum, der vier Jahre Wirklichkeit geworden war, wird die Partei jetzt rüde herausgerissen. Und auch wenn sich die Anzeichen über einen längeren Zeitraum aufgebaut haben, muss diese Erkenntnis für viele wie ein Schock wirken.

Doch in der Politik ist für Träume und Träumer wenig Platz. Das ist manchmal schade, sehr viel öfter aber Notwendigkeit. Was zählt, sind Professionalität, ein Gespür für das Machbare, der Mut, das Notwendige zu akzeptieren, ohne dabei jedoch den Blick für neue Möglichkeiten zu verlieren.

An diesem Punkt stand die ÖVP bereits bei der Fahndung nach einem Talent wie Kurz, und jetzt steht die ÖVP erneut an diesem Punkt. In den nächsten Tagen wird klar werden, wie sich diese große, verdienstvolle und - ja, auch dies - notwendige politische Kraft entscheiden wird.