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Aus Gleichgültigkeit im Chaos gefangen

Von Andrea K. Riemer

Politik

Äthiopien, Ruanda, Somalia, Sudan - im Gedächtnis des durchschnittlichen westlichen Zeitungslesers stehen diese Namen nicht für afrikanische Staaten, sondern für humanitäre Katastrophen. Der 7. Teil der "Wiener Zeitung"-Serie über Staaten & Strategien ist dem afrikanischen Kontinent gewidmet.


"Die eine Hälfte des afrikanischen Kontinents ist durch Kriege und Gewalt verwüstet, die andere vegetiert zwischen Krise und Korruption, Tribalismus und Anarchie. Hinzu kommt noch der brain drain." Mit dieser düsteren Einschätzung bringt der Journalist und profunde Afrika-Kenner Steven Smith in seinem jüngsten Buch (Nécrologie. Pourquoi l'Afrique meurt, Calmann-Lévy, Paris 2004) das Problem des Kontinents auf den Punkt. Smith steht mit seiner Meinung nicht alleine da. Kritische Stimmen von innen werden vertrieben bzw. so lange bedroht, bis sie von selbst den Gang ins Exil antreten.

Geopolitisch liegt Afrika seit jeher abseits der großen Spannungsfelder und war daher auch im Kalten Krieg nur von sekundärer Bedeutung für die Großmächte. Für Europa gewann der große Kontinent im Süden erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an strategischer Bedeutung in Form von Kolonien. Wertvoll waren diese sowohl als Rohstofflieferanten wie als Absatzmarkt. Der Nordosten des Kontinents steigerte vor allem durch den Bau des Suez-Kanals als Verbindung von Mittelmeer und Indischem Ozean seinen strategischen Wert.

Allerdings: Die Träume von mehr Reichtum und Macht, die die Kolonialstaaten zu ihrem Engagement bewegten, erfüllten sich kaum. Die Kosten überwogen auf lange Sicht gesehen fast immer den Nutzen, der aus der rücksichtslosen Ausbeutung resultierte.

Nur für kurze Zeit, als nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges die meisten Staaten in die Unabhängigkeit entlassen wurden, herrschte in Afrika Aufbruchsstimmung. In den sechziger und siebziger Jahren überzog eine Welle so genannter Revolutionen den ausgebluteten Kontinent. Meist gelangten die Revolutionäre durch Militärputsche an die Macht und überzogen ihre Staaten mit marxistischen Wirtschaftsmodellen, etablierten Unterdrückungsstrukturen, die sich für die unterlegenen Bevölkerungsteile katastrophal auswirkten. Seit 1960 gab es in Afrika keinen Staat, der nicht durch innere Wirren, Umstürze, Militärputschs, Bürgerkriege, Separatismusbewegungen oder Aufstände in Schwierigkeiten geraten wäre. Fast nirgendwo gelang der "nation building"-Prozess Wertvolles Kapital wurde in Kriege, Rüstung und korrupte Strukturen investiert.

Auf der Suche nach den Ursachen für die Krisen

Auf der Suche nach Antworten auf die Frage, weshalb es gerade Afrika nicht und nicht gelingen mag, den Teufelskreislauf von Gewalt und Armut zu durchbrechen, muss man längst den Blick über selbst noch nachwirkenden Folgen des Kolonialismus richten. Als wichtigste Ursachen sind anzuführen:

- Interne Spannungen zwischen radikalen und gemäßigten politischen Strömungen

- Ungelöste Grenzkonflikte, welche in den siebziger und achtziger Jahren mehr als die Hälfte aller Staaten betrafen und zum Teil noch immer einer Lösung harren

- Ein extremes Bevölkerungswachstum mit jährlichen Zuwachsraten von 2,5 bis 3,5 Prozent, was zu einer Verdoppelung der Bevölkerung innerhalb von rund 30 Jahren führt. Afrika hat heute rund 860 Mio. Einwohner; für 2030 werden 1,6 Mrd. prognostiziert.

- Die Nahrungsmittelproduktion wird durch Landflucht, Bürgerkriege, Flüchtlingsbewegungen innerhalb der Staaten und zwischen diesen beeinträchtigt.

- Die Korruption hat unvorstellbare Ausmaße angenommen, nichts funktioniert mehr ohne Bestechung.

- Militärregierungen sind überall Teil des Staatsapparates und der Wirtschaft. Das so abgezweigte Geld wird zumeist ins Ausland geschafft.

- Soldaten sind in vielen Staaten weniger Ordnungskräfte als legitimierte Plünderer.

Gleichgültigkeit regiert auf allen Seiten

Robert Dallaire, der ehemalige UN-General und Kommandant jener 2000 Blauhelme in Ruanda im April 1994, meinte anlässlich des 10. Jahrestages des Genozids im April 2004: "Der internationalen Gemeinschaft war Ruanda völlig gleichgültig, weil Ruanda nicht zählte." Ergänzen muss man - weil es auch den afrikanischen Staaten gleichgültig war. Ruanda ist dafür nur ein Beispiel. Trotz seiner katastrophalen Lage, macht es Afrika den anderen Staaten aber auch nicht leicht, sich zu engagieren. So geht auf perfide Weise eine Strategie auf - aus innerem und äußerem Desinteresse versinkt ein ganzer Kontinent in Bedeutungslosigkeit und Chaos.