Zum Hauptinhalt springen

Aus Zugeständnissen an Polen zieht auch Russland selbst seinen Nutzen

Von Martyna Czarnowska

Analysen

Für Polen war nichts Neues dabei. Dennoch wusste es zu würdigen, dass Moskau Dokumente über die 1940 begangenen Massaker an Polen im westrussischen Katyn ins Internet stellen ließ. Denn auch wenn Kopien der Unterlagen bereits 1992 auf Geheiß des damaligen Präsidenten Boris Jelzin Polen zugestellt und dort veröffentlicht wurden - in Russland wurde ihre Echtheit immer wieder in Frage gestellt. Und dass sie nun ausgerechnet auf einer Website der Regierung publik gemacht wurden, wurde in Warschau zumindest als freundliche Geste registriert.


Denn die offizielle Sowjetunion hat geleugnet, dass es Einheiten des Innenministeriums NKWD waren, die bei Katyn bis zu 30.000 Menschen erschossen und dann verscharrt haben. Die Schuld wurde deutschen Wehrmachtssoldaten zugeschoben. Jahrzehntelang forderte Polen Zugang zu den russischen Archiven, verlangte nach der Aufarbeitung eines Kapitels, das für viele Polen mehr ist als ein Teil ihrer Geschichte. Es ist für sie ein Symbol ihres Martyriums im Zweiten Weltkrieg. Und die "Katyn-Lüge" stand für die Verlogenheit des kommunistischen Regimes.

Noch sind nicht alle Dokumente freigegeben, noch bleiben einige Archive geschlossen. Die Familien der Opfer wünschen sich etwa die Offenlegung der sogenannten weißrussischen Liste, auf der Namen von mehr als 3800 ermordeten Polen sind. Der Kampf um die Wahrheit hat die Beziehungen zwischen Warschau und Moskau belastet.

Daher ist es in Polen als Fortschritt gewertet worden, als die Dokumente nun publiziert wurden - ebenso wie die Geste vor wenigen Monaten, als der russische Premier Wladimir Putin seinen Amtskollegen Donald Tusk zu den Feierlichkeiten zum Gedenken an Katyn eingeladen hatte. Die tiefe Betroffenheit Russlands, als Polens Präsident Lech Kaczynski auf dem Weg zu ebendiesem Gedenken bei einem Flugzeugabsturz starb, schien eine weitere Annäherung im oft schwierigen Verhältnis zwischen den Nachbarn zu bringen.

Dabei könnten die Zugeständnisse Russlands durchaus auch Moskau selbst nutzen. Polen, nicht unbedingt das kleinste EU-Land, freundlicher zu stimmen, käme den wirtschaftlichen Interessen Russlands entgegen. Denn es war besonders Warschau, das sich lange Zeit gegen die Pläne des Baus einer Ostsee-Pipeline von Russland nach Deutschland gewehrt und auf europäischer Ebene dagegen lobbyiert hatte. Moskau aber will am steigenden Energiebedarf in der EU mitverdienen - und konnte schließlich das Projekt beginnen.

Dass die Polen nun zu den größten Verbündeten der Russen in deren Beziehungen zur EU werden, ist zwar auch jetzt nicht abzusehen. Doch wenn Moskau auch nur einen Teil des Misstrauens in Warschau abbauen kann, nutzt es Russland allemal.

Siehe auch:Das Verbrechen im Netz