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Auschwitz -Versagen der freien Welt

Von Rainer Mayerhofer

Politik

Mit kritischen Tönen meldeten sich die Überlebenden bei den Gedenkfeiern zum 60. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau zu Wort. Wladyslaw Bartoszewski, der ehemalige Außenminister Polens und Botschafter in Wien, der im KZ Auschwitz die Häftlingsnummer 4427 getragen hat, wies als erster Redner darauf hin, dass der Kurier der polnischen Untergrundbewegung Jan Karski schon im letzten Quartal 1942 die Nachricht von der "Endlösung" nach London gebracht hat. "Aber die freie Welt interessierte sich nicht für unser Leiden und unseren Tod."


Unter einem bleigrauen Himmel, bei ständigem Schneefall nahmen rund 2000 Überlebende von Auschwitz und Staats- und Regierungschef aus 44 Ländern an der Gedenkfeier auf dem Lagergelände von Birkenau teil.

"Man hat sich nicht bemüht, Mittel zu finden, um den NS-Verbrechern ihre Taten unmöglich zu machen", kritisierte Bartoszewski, der darauf hinwies, dass durch ein früheres Einschreiten der Alliierten die Hälfte der Opfer von Auschwitz hätten gerettet werden können. Seine Rede schloss er mit dem Hiob-Zitat: "Oh Erde, decke mein Blut nicht zu, damit mein Schrei nicht verhallt".

Simone Veil, die erste Prä-sidentin des Europaparlaments, die 1944 als 17-jährige nach Auschwitz deportiert worden war, appellierte an alle Politiker, gegen Verhetzung, Antisemitismus, Rassismus und Intoleranz aufzutreten und der Vertreter der deutschen Roma und Sinti, Romani Rose mahnte angesichts von Auschwitz nicht nur zu gedenken, sondern auch die heutigen Diskriminierungen seiner Volksgruppe anzuprangern und die Gewalt gegen Sinti und Roma mit der gleichen Entschiedenheit zu bekämpfen wie die Antisemitismus.

In einer Botschaft von Papst Johannes Paul II. wurde die Shoah als Verbrechen verurteilt, das für immer die Geschichte der Menschheit befleckt.

Israels Präsident Moshe Katzav sagte in seiner Rede, der Holocaust sei nicht bloß eine Tragödie für das jüdische Volk, er ist das Versagen der Menschheit insgesamt. "Die Alliierten haben riesige Kräfte im Kampf gegen die Deutschen gebündelt, und wir sind den Alliierten sehr dankbar. Wir werden diese Dankbarkeit immer mit uns tragen. Aber die Alliierten haben nicht genug getan, um den Holocaust, die Vernichtung des jüdischen Volkes, zu stoppen." Mit Blick auf die Baracken des Lagers, die Ruinen der Krematorien und Gaskammern sagte er: "Es ist, als ob wir noch immer die Schreie der Toten hören können."

Der russische Präsident Vladimir Putin sagte, die Welt müsse sich im heutigen Kampf gegen den internationalen Terrorismus der Auschwitz-Tragödie erinnern: "Terrorismus ist genauso gefährlich wie Nazismus und das Töten Unschuldiger."

Der polnische Staatspräsident Aleksander Kwasniewski bezeichnete Auschwitz als eines der schrecklichsten Kapitel der Geschichte. "Wir müssen sprechen, erinnern, herausschreien: Hier war die Hölle auf Erden."

Vor der zentralen Veranstaltung in Birkenau, an der Politiker aus aller Welt teilnahmen - außer den bereits genannten Rednern u.a. auch US-Vizepräsident Dick Cheney, Frankreichs Präsident Jacques Chirac, der deutsche Bundespräsident Horst Köhler, Österreichs Bundespräsident Heinz Fischer, Königin Beatrix der Niederlande, König Albert von Belgien und der neue ukrainische Präsident Wiktor Juschtschenko - gab es bereits eine Gedenkveranstaltung in Krakau. Per Videoübertragung sprach bei dieser Gelegenheit der 92-jährige Anatoli Schapiro, der Kommandant jener Truppen der Roten Armee, die am 27. Jänner 1945 Auschwitz befreit hatten, zu den Anwesenden: "Ich möchte den Menschen in aller Welt sagen - dies darf niemals wieder geschehen. Ich sah die Gesichter der Menschen, die wir befreiten - diese Menschen waren durch die Hölle gegangen."

Wiktor Juschtschenko, dessen Vater Gefangener in Auschwitz war und überlebte: "Mein Vater war ein verwundeter Soldat, und er war in Auschwitz. Er hatte die Zahl 11367 auf die Brust tätowiert. Ich bin mit meinen Kindern hierher gekommen und hoffe, ich werde mit meinen Enkeln hierher kommen. Das ist ein heiliger Ort für mich und meine Familie."

US-Vizepräsident Richard Cheney sagte: "Die Geschichte dieser Lager mahnt uns, dass das Böse real ist und beim Namen genannt und bekämpft werden muss. Wir werden erinnert daran, dass der Antisemitismus mit Worten beginnt, aber kaum dabei stehen bleibt, und dieser Botschaft der Intoleranz und des Hasses begegnet werden muss, bevor sie sich zu Taten des Schreckens wandelt."

Der französische Präsident Jacques Chirac bekannte sich erneut zur Mitverantwortung Frankreichs für die Deportation französischer Juden in NS-Konzentrationslager. Die Erinnerung an die jüdischen Deportierten bedeute für Frankreich "mehr als einen Schmerz". Sie bedeute auch "das Bewusstsein eines Fehlers" und eine Verantwortung, sagte Chirac bei der Eröffnung einer neuen Ausstellung in der Gedenkstätte von Auschwitz-Birkenau.

In Berlin hatte in der Früh auch im Deutschen Bundestag eine Gedenkstunde zur Befreiung von Auschwitz stattgefunden. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse rief zum politischen und zivilen Kampf gegen den Rechtsextremismus auf.

Auch in Italien ist gestern der "Tag des Gedenkens" an die Shoah begangen worden. Der italienische Außenminister Gianfranco Fini hob die historische Mitverantwortung Italiens für die Verfolgung und Ermordung von Juden hervor.