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Ausdauer ist gefragt

Von David Ignatius

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Der Autor war Chefredakteur der "International Herald Tribune". Seine Kolumne erscheint auch in der "Washington Post".

"Alles kommt zu denen, die warten können", besagt ein Sprichwort. Nur wird die Geduld der US-Regierung derzeit auf eine sehr harte Probe gestellt.


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"The Diplomats Dictionary", das Wörterbuch für den Diplomaten, zusammengestellt vom früheren Botschafter Charles W. Freeman Jr., enthält ein bekanntes Sprichwort über die Vorzüge der Geduld: "Alles kommt zu denen, die warten können." Gemessen daran startet die Regierung von US-Präsident Barack Obama von einem nicht sehr günstigen Platz in die Herbstrunde diplomatischer Herausforderungen, denn sie gehört leider nicht zu denjenigen, die am besten in der Lage sind, in aller Ruhe zu warten.

Das erste Großereignis könnten die direkten Gespräche zwischen Israelis und Palästinensern sein. Allein das Stattfinden solcher Verhandlungen sei ja nur der geduldigen Strategie von US-Außenministerin Hillary Clinton und Nahost-Sondergesandtem George Mitchell zu verdanken, ließe sich nun behaupten. Sie warteten langmütig, bis sich endlich die Parteien im Schneckentempo an den Verhandlungstisch schleppten. Das Problem ist nur, dass die Geduld in diesem Fall letztlich den Friedensgegnern (beider Seiten) zugute kommt. Sie sitzen die Gutmenschen bequem aus. Die Zeitbomben ticken.

Eine bessere Vorgangsweise als "Geduld pur" wäre in diesem und anderen Fällen die Formel "Geduld plus". Plus im Fall von Nahost könnte für eine Reihe grundsätzlicher Richtlinien stehen, die für einen kohärenteren Prozess sorgen würden. Verzögerungstaktiken funktionierten dann nicht mehr so gut. Obama hat bisher Partei für Clintons Geduldstrategie ergriffen. Jetzt sollte er aber ein Plus hinzufügen.

Eine zweite Geduldsprobe ist die Bildung der neuen irakischen Regierung. Fünf Monate sind es nun seit den Wahlen im März, die dem früheren Premier Ayad Allawi einen knappen Sieg über den amtierenden Nouri al-Maliki brachten. Die früher mit Maliki verbündeten Schiiten-Parteien haben sich größtenteils von ihm zurückgezogen. Er aber regiert im arabischen Stil weiter, als ob er Premier auf Lebenszeit wäre, während in Bagdad immer noch Bomben explodieren. Die Geduld der US-Regierung mit diesem klebrig-zähflüssigen Prozess und ihre Ungeduld, die eigenen Truppen nach Hause zu holen, haben den Hardlinern in Bagdad und Teheran, die entschlossen sind, einander und die USA auszusitzen, bis der Tigris zufriert, weitgehend das Feld überlassen. Geduld plus wäre wohl auch in diesem Fall die bessere Antwort.

Eine dritte Geduldsprobe stellt der Iran dar. Auf bewunderungswürdige Weise versucht die US-Regierung, sich auf Verhandlungen wie im Teppich-Basar einzustellen und geduldig eine Mischung aus Gesprächen und Wirtschaftssanktionen zu offerieren. Ein Zünder tickt dabei besonders laut: Irans Atomprogramm. "Geduld plus" bedeutet hier, jede Verhandlungsmöglichkeit so schnell wie möglich zu ergreifen.

Die nächste Probe des Verhandlungsgeschicks ist für September oder Oktober geplant. Der Iran und die fünf permanenten Mitglieder des UN-Sicherheitsrats sowie Deutschland sollen in Genf oder Brüssel zusammentreffen, um ein breites Spektrum an Themen zu besprechen, auch Atomangelegenheiten. Weitere Gespräche des Iran mit USA, Russland und Frankreich über die Urananreicherung für den Forschungsreaktor in Teheran könnte es in Wien geben.

Am verblüffendsten aber ist wohl der Dialog, den die USA mit dem Iran über die Stabilisierung von Afghanistan starten wollen. Das ist die ultimative Geduldsprobe. Die USA sind eine kriegsmüde Nation, die nicht endlos Geduld haben kann und soll.

Übersetzung: Redaktion Der Autor war Chefredakteur der "International Herald Tribune". Seine Kolumne erscheint auch in der "Washington Post".