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Ausflug zum Schiederweiher: Kinderwagen, Helme, Krax’n

Von Manfred Rebhandl

Reflexionen
Satte Wiesen, kristallklares Wasser und (Bus-)Touristen: Der Schiederweiher in Hinterstoder.
© Canonsepp

Die vormals vor allem lokal beliebte Ausflugsdestination in Oberösterreich wurde 2018 zum "schönsten Platz Österreichs" gewählt. Seither ist es vorbei mit der Ruhe.


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Als ich jung war, sagte mein Vater an manch schönem Sommertag zu uns Kindern: "Ich gehe zum Schiederweiher, kommt’s mit?" Aber wir Kinder waren beschäftigt mit uns selbst und allem anderen, also hörte er meist: "Geh bitte! Zum Schiederweiher? Geh alleine!" Wandern war etwas für Eltern, aber heute bereue ich, dass ich nur selten seiner Einladung zur gemeinsamen Wanderung dorthin gefolgt bin. Nicht nur wegen der Schönheit dieses "Schatzes", sondern viel mehr noch wegen der Quality Time mit ihm, auf die ich törichterweise verzichtet habe. Bis es dann zu spät war, Versäumtes nachzuholen.

Das Leben zieht schneller an einem vorbei als jener offene BMW, der aus dem Ortsgebiet von Hinterstoder im südlichen Traunviertel herausgerast kommt, aus der Gegend, wo gerade die vier Schröcksnadel-Bettenburgen gebaut werden, damit dann die Schröcksnadel-Skigebietnutzer noch mehr Geld zum Schröcksnadel tragen können. Der Fahrer blinkt und lenkt den Wagen selbstbewusst am Sicherheitsdienst vorbei auf den bereits vollen Parkplatz. Der Security-Mann, der in der Früh aus Linz herangekarrt wurde, wie er mir später erzählt, kann nichts tun gegen eine so breite Brust. Das ist die um sich greifende Schröcksnadel-Manier, die der Dame im Auto vermitteln soll: I bin i, und i tua, wos i wü.

Ein paar Mal wird der Perger nun dort sinnlos herumkurven, bis er am Ende doch den Sicherheitsmann fragen muss, wo der zweite Parkplatz ist, auf dem noch etwas frei wäre für einen wie ihn mit einem Auto wie seinem. Es ist 10 Uhr an einem noch wolkenverhangenen Samstag im Juni. Es ist Schiederweiher-Time.

Ballons am Baum

Wer in diesen Tagen hierher kommt, der wird vielleicht am Morgen als Mausi beim Frühstück vom Schatzi gehört haben: "Horch zua, auf dem Wikipedia schreiben’s: Der Schiederweiher ist von 1897 bis 1902 vom k.u.k. Hofbaumeister Johann Schieder errichtet worden. Um die zunehmende Veralgung und Verlandung des Weihers zu beenden, wurde der See 2004/05 durch die Gemeinde Hinterstoder mit Unterstützung des Grundeigentümers saniert!"

"Echt?"

"Ja!"

Da freilich dachte noch niemand daran, dass der Schiederweiher im Rahmen einer TV-Show namens "9 Plätze - 9 Schätze" zum "Schönsten Platz Österreichs" gekürt werden würde. Das war letztes Jahr, und seither heißt es in immer mehr Haushalten des Landes am Samstagmorgen: "Schatzi, was mach’ ma? Gemma Schiederweiher?"

Wer in Bussen anreist, wird von einem eigenen Sicherheitsmann empfangen, der Bus muss angemeldet sein und kommt auf einen eigenen Parkplatz. Auf jenem für Pkw trägt Asadullah eine gelbe Warnweste. Er kam vor dreieinhalb Jahren aus Afghanistan, wo den Schiederweiher noch keiner kennt, nach Österreich und hat jetzt endlich einen positiven Bescheid. Nun lernt er die Bezirke Österreichs kennen oder besser: ihre jeweilige Abkürzung auf den Kennzeichen der Autos, die aus MD, SE, HL oder aus PE wie Perg kommen, so wie der schnittige BMW. Wer am Automaten kein Parkticket gelöst hat (um drei Euro für vier Stunden oder um sieben Euro für ein ganzes Wochenende, falls er am Prielschutzhaus übernachten möchte), der zahlt zehn Euro Strafe.

Ob Asadullah schon am Weiher war? "Nein", lacht er, der den Hindukusch kennt, und gegen den ist das Tote Gebirge eine flache Ebene. Ein Tscheche ohne Ticket, den er notiert, wird wohl brennen müssen, die Besitzer des schwarzen Van, deren Kinder "Ella und Niklas" heißen, wie das Pickerl an der Heckscheibe verrät, haben hingegen alles richtig gemacht. Tschechen, hört man, gehen nicht zum Schiederweiher, sondern weiter hinauf zum Priel. Und dann liest man wieder in der Gratiszeitung, dass sie sich verirrt haben oder abgestürzt sind. Oder dass Ella der Mädchennamen der Saison ist.

Kindergeburtstagsfeierüberbleibsel.
© Rebhandl

Wir betreten den Wanderweg über eine Holzbrücke, an deren Geländer ein erster Ballon hängt, einer von vielen, die wir am Weg noch an Bäumen und Sträuchern sehen werden - Kindergeburtstagsfeierüberbleibsel. Das Private wird immer weiter ins Öffentliche hinausgetragen, aber kaum ist es draußen, muss man es wieder einfangen: "Ella, komm her!" "Ella, geh nicht so schnell!" Und vor allem und immer wieder: "Ella, pass auf!" Die Natur, so schön sie ist, so gefährlich ist sie natürlich auch.

Darum hat die Industrie den Allzweckhelm für Kinder entwickelt, der nun auch schon zum Wandern getragen wird. Und wenn die Zwutschgerl beim Weiher zum Wasser hinunter dürfen, in dem die Forellen stehen - worauf zwei Wandersmänner mit Kennerblick hinweisen -, dann heißt es: "Ella, fall nicht hinein!" Wo kein Helm auf dem Kinderkopf, da baumelt ein Sonneschirm über ihm, der an immer sportlicheren Kinderwagen befestigt ist, die joggingtauglich sein müssen oder zumindest eine Anhängerkupplung fürs E-Radl brauchen. Und dann gibt es noch jede Menge Krax’n, in denen die Kleinen getragen werden. Krax’n: mit so etwas hat man früher das Heu von den steilen Hängen heruntergetragen. Aber daran erinnert sich keiner mehr, außer vielleicht noch Albert.

Atmungsaktiv

Albert ist 85 und geht mit seiner Frau regelmäßig den Weg zur Polsterlucke, früher meist alleine, heute eben mit hunderten Individualisten, die ihr Geld der Freizeitkleidungsindustrie hinterherschmeißen, damit sie alle gleich ausschauen. Kaum noch jemand, der in einer klassischen Samstagsbluejeanshose wandert. Dafür tragen sie alle Atmungsaktives und Orangenes von Patagonia, Northland, Jack Wolfskin oder Tschibo. Tracht sieht man selten, obwohl Hinterstoder ganz schön türkisblau ist.

Ganzjahresorange sind hingegen jene Holländer, die für eine erste Flaschenhalssituation am Weg sorgen. Mit Wanderhüten so groß wie ein niederösterreichischer Kreisverkehr stehen sie herum und greifen nach Nüssen. Nüsse = Energie, das liest man ja überall, und wer selbst beim Nüsse-Essen nicht ständig fotografiert, mit dem stimmt irgendwas nicht. Ich stoße mit einem von ihnen zusammen und simuliere eine Brustkorbprellung, während der joviale Chef der Truppe mir erzählt, dass er schon zum 47. Mal hier wäre, im 35. Jahr seiner Ferien an diesem Ort. Und weil er schon am Erzählen ist: Er ist 180 cm groß bei 70 Kilo Gewicht und einer Schuhgröße von 48. Was haben wir gelacht!

Albert schätzt solche Gruppen eher nicht so. Er besitzt in der Nähe ein Ferienhaus, aber so richtig erholsam ist das hier nicht mehr, seit Buben mit Walkie-Talkies an ihm vorbeirennen und nerven, aber sag heute etwas zu einem Kind! "Achtung, Achtung. Ein Huhn!", lautet der Funkspruch. Es ist eine Ente, aber egal.

Sitzgelegenheit mit eingeritzten Namen.
© Rebhandl

Das Wasser an der Biegung, an der sie schwimmt, ist kristallklar wie auf Postkarten, und in den Holzstock, der mit Motorsäge zur Sitzgelegenheit verfeinert wurde, haben Jonah und Pauli ihre Namen eingeritzt. Die Wirtin hinten im Stüberl, sagt Albert, hat auch keine rechte Freude mit so vielen Leuten, und ihm selbst sind mittlerweile sowieso die Tschechen am liebsten, die früher recht alleine den einzigen Parkplatz belegt haben, bevor sie auf den Priel oder die Spitzmauer hinaufgestiegen sind.

Der Herrgott hat die Schätze gerecht verteilt über die ganze Welt, die Thailänder haben "The Beach" auf Ko Phi Phi, und die Oberösterreicher eben ihren Schiederweiher, den wir schon nach gut 20 gemächlichen Gehminuten erreichen. Der Mensch aber hatte eine andere Vorstellung von Verteilungsgerechtigkeit auf der Erde als der Herrgott, darum gehört alles, was schön ist und etwas hermacht, einem reichen Mann.

Der Schiederweiher etwa dem Carl Herzog von Württemberg aus Altshausen in Deutschland. Auf einer seiner Bänke sitzen welche, die nicht aussehen, als wären sie von hier, und tatsächlich: Sie sind aus Linz, wohin sie vor 35 Jahren aus China gekommen sind, zu einer Zeit, als Österreich noch freundlich war zu Flüchtlingen. Es gab noch keinen Altkanzler Kurz, der am liebsten alles den Herzögen und Schröcksnadels und Immobilienentwickeln geben wollte. Für die Tochter der Einwanderer, Yasmin, die zwölf Jahre alt ist und ins Gymnasium geht, wird da nicht mehr viel übrig bleiben, selbst wenn sie die Landeshymne fehlerfrei singen kann: "Hoamatlaund, Hoamatlaund, I haun di so gern!"

"Mei, is des schwü!"

In der Früh hat heute auch ihre Familie in einer Zeitung vom Schiederweiher gelesen, und dann sind sie die 90 Kilometer hierher gefahren, um ihn zu sehen. Schön finden sie ihn schon, aber China hat die Drei Schluchten, die sind auch nicht schlecht. Und ein junger Amerikaner, der mit seiner österreichischen Mutter hier ist, ist erst vor Kurzem durch Utah und Arizona gefahren, God’s own country. Also: "Wann gibt’s was zu essen?"

Das gibt’s dann gleich hinten im Polsterstüberl in der Polsterlucke, wo die meisten zuerst einmal aufs Klo gehen, und eine sehr Resche im Rot-weiß-rot-Hemd muss es nach dem Händewaschen unbedingt alle wissen lassen: "Mei, is des schwü heit!" Gegen den dadurch entstandenen Flüssigkeitsverlust gibt’s im Gastgarten gleich einen ersten Spritzer, es ist noch nicht annähernd 11 Uhr, aber die Bänke sind schon gut besucht, und was noch frei ist, das ist reserviert.

Bewirtung mit Cremeschnitte: "Griaß di, griaß eich, griaß Gott!"
Bewirtung mit Cremeschnitte: "Griaß di, griaß eich, griaß Gott!"
© Rebhandl

Die Kellner tragen erste Kaspressknedl herum, Bratl mit Kraut oder Hirschgulasch. "Griaß di, griaß eich, griaß Gott!" und "Hello!" für den Wamperten im Uncle-Sam-Shirt. An der Budel kann man sich Cremeschnitten holen oder Bauernkrapfen mit Marmelade in der Mitte und reichlich Zucker drauf. Die gehen aber besser bei kühlerem Wetter, sagt die sehr sympathische Fachkraft, die Cremeschnitte dafür besser bei heißem. Hinten am alten Gebäude gibt es eine Ladestation, und vorne am Spielplatz turnt eine kleine Ella, die aber anders heißt: "Lilly, pass auf!"

Wer noch weiter geht, der kommt ins Tote Gebirge. Davor liegen noch saftigste Wiesen, und in einer grast seelenruhig ein Esel. Bald fangen die Sommerferien an, und dann wird es hier richtig losgehen: "Kinder, was mach ma? Gemma Schiederweiher?" Und der Esel wird sich dann vielleicht fragen, warum er "ein Esel" sein soll - und nicht die, die ihn anschauen.

Manfred Rebhandl, geb. 1966 im oberösterreichischen Roßleithen, lebt in Wien. Er schreibt Krimis um den Superschnüffler Rock Rockenschaub, die am Wiener Brunnenmarkt spielen, und Reportagen für Zeitungen.