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Ausgestorben

Von Arian Faal

Politik

Die Gumpendorfer Straße kämpft seit Jahren mit vielen leer stehenden Geschäftslokalen. Dem Bezirk sind teilweise die Hände gebunden. Eine Spurensuche.


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Wien. Es ist kurz nach 7 Uhr und die Bäckerei Hafner auf der Gumpendorfer Straße Straße 103 ist ein belebter Hotspot im Grätzel. Hier treffen sich Schüler, Pensionisten, Eltern mit Kleinkindern und viele junge Menschen, die sich alle ihr Frühstück mitnehmen. "Drei Pariser Kipferl und eine Packung Milch bitte", sagt Gabriele Hausch zur Verkäuferin und runzelt die Stirn. "Der einzige Bankomat weit und breit funktioniert auch nicht mehr, es wird immer trister in der Gegend", echauffiert sich die Pensionistin.

"Ja, zehn Geschäfte haben in den vergangenen drei Monaten hier in der Gegend zugesperrt und das gibt mir schon zu denken", entgegnet Pia Malver, eine andere wartende Kundin. Der Blick von der Bäckerei aus auf die andere Straßenseite spricht Bände. Ein leer stehendes Geschäftslokal, das bis zum Oktober noch eine Zweigstelle der Erste Bank beheimatete, sieht ziemlich verwahrlost aus. Der angesprochene Bankomat, der sich neben der ehemaligen Filiale befindet, wartet darauf, mit Geld befüllt zu werden.

60 "Problemgeschäfte"auf der Gumpendorfer Straße

Doch der Leerstand ist kein Einzelfall in der "Gumpi". So wird die Gumpendorfer Straße liebevoll von den Anrainern genannt. Auch das beliebte französische Geschäft Bonbons et Chocolat, eine Putzerei, ein Imbissgeschäft und ein Blumengeschäft schlossen für immer ihre Pforten. Einen bitteren Beigeschmack hat es für die Anrainer auch, wenn Ketten wie etwa Bipa oder Billa innerhalb der Gumpendorfer Straße von einem kleineren in ein großes Geschäftslokal umziehen: Die ehemaligen Standorte verwahrlosen.

Gabriele Hausch setzt ihre Konversation mit Pia Malver mittlerweile zwei Geschäfte weiter, in der Fleischerei Ringl, fort. "Das ist das einzige Grätzel auf der Gumpendorfer Straße, das noch diese Vielfalt hat. Hier gibt es den familiären Dorfcharakter mit der Kirche, dem Schuster, der Greißlerei, dem Schneider, dem Sushi-Laden, der Apotheke und eben dem Hafner und dem Ringl", unterstreicht Hausch und spricht auf den sehr belebten Abschnitt zwischen Webgasse und Stumpergasse an. Doch sogar hier gibt es mittlerweile drei Leerstände.

Viele andere Teile der Gumpendorfer Straße sind nicht so belebt und kämpfen seit Jahren mit verschiedensten Problemen (die "Wiener Zeitung" berichtete). Rund 60 Geschäfte stehen in der neben der Mariahilfer Straße zweitwichtigsten Route des 6. Bezirks entweder leer, sind permanent geschlossen, befinden sich im Umbau oder haben nur sehr selten geöffnet. In der sogenannten "Möbelmeile" zwischen Wallgasse und Stumpergasse, wo viele Einrichtungsgeschäfte um gut betuchte Kunden buhlen, haben in den vergangenen Jahren immer mehr Geschäfte zugesperrt. Es waren dies vorrangig Internet-Cafés, Einzelhändler und Gastro-Betriebe.

Fairerweise muss man sagen, dass auch im betreffenden Abschnitt auch neue Geschäfte, wie etwa ein Hundenahrungsfachgeschäft, eine Pizzeria oder ein Lerninstitut geöffnet haben. Auch der hier ansässige Spar hat als Reaktion auf die Schließung drei umliegender Zielpunkt-Filialen seinen Standort von der Fläche her verdoppelt und das anliegende Geschäftslokal hinzugemietet.

Vier hemmende Faktorenfür Wiederbelebung

Die Gumpendorfer Straße war vor einigen Jahren noch eine lebendige Einkaufsstraße mit vielen Hinguckern: Sieben Trafiken (heute zwei), fünf Fleischereien (heute eine), acht Bankfilialen (heute keine einzige mehr), 17 Supermärkte und Greißler (heute acht) und sechs Bäckereien (heute drei) und 23 Cafés (heute zwölf) ermöglichten eine hohe Kundenfrequenz und gute Umsätze. Heute wirkt die Straße oft ausgestorben.

Sehr genau mit den Sorgen der Gumpendorfer Straße beschäftigt sich seit vielen Jahren Markus Steinbichler. Er ist Mitarbeiter der Gebietsbetreuung Stadterneuerung im 6., 14. und 15. Bezirk. Zwischen 2010 und 2013 hat er die Gumpendorfer Straße zwischen Gürtel und Apollokino im Rahmen des Projekts "Die Gumpendorfer - eine aktive Straße" evaluiert. "Schon damals war die Stimmung schlecht und wir wollten die Leute durch Kooperation und Kommunikation zusammenbringen", erklärt er. "Im Oktober 2012 hatten wir im betreffenden Abschnitt 27 leer stehende Geschäfte, von denen aber nur sieben zu mieten waren", spricht er die Grundproblematik der Gumpendorfer Straße an.

Es gebe vier hemmende Faktoren, die eine Wiederbelebung erschweren würden: "Zum einen kommt es darauf an, mit welchem Interesse der Hauseigentümer sein Haus führt. Da haben wir kaum Einfluss, wir können nur mit Gesprächen versuchen, etwas zu bewirken", sagt Steinbichler. Außerdem würden die hohen Ablösen, die horrenden Mietpreise und der schlechte, baubedürftige Zustand vieler Geschäftslokale etwaige Neumieter sofort abschrecken, analysiert der Experte. Letztlich sei es oft so, dass der Vermieter von vornherein eine Weitervermietung ablehne. Teilweise seien die Wiederbelebungsversuche der Gumpendorfer Straße daher aber ein "Kampf gegen die Windmühlen".

Bezirksvorsteher Markus Rumelhart (SPÖ) kennt die Sorgen der Gumpendorfer Straße und wiederholt, was er schon 2015 in diesem Zusammenhang festgestellt hatte: Natürlich habe das Kleingeschäftssterben der 80er und 90er Jahre hier seine Spuren hinterlassen - auch das Faktum, dass die Kinder von Geschäftsinhabern die Geschäfte nicht übernehmen wollen und andere Karrieren planen, wirke sich aus. Schön sei aber, dass sich inzwischen immer mehr junge Kreative wieder ansiedeln und hier Pionierarbeit leisten. Daher wolle er sich die Gumpendorfer Straße auch nicht schlechtreden lassen und stellt fest, dass es mittlerweile weniger Leerstände gibt als früher.

Im Großen und Ganzen lassen sich drei Hauptbereiche der Gumpi definieren", so Rumelhart weiter. Zwischen Getreidemarkt und Apollo Kino habe es einen Wechsel vom ehemaligen Kleingewerbe hinzuschicken Lokalen gegeben. Der zweite Abschnitt befinde sich zwischen Esterhazygasse und Stumpergasse. "Hier erleben wir in den letzten Jahren eine Zunahme an trendigen Gastronomen und das könnte einmal das ,Genuss-Grätzel‘ Gumpendorf werden", wünscht er sich. Letztlich gebe es noch den Bereich Stumpergasse bis Gürtel mit den Möbelgeschäften.

Rumelhart fordert Leerstandsabgabe

"Die Leerstände sind ein schmerzliches und schwieriges Thema. Leider ist es oftmals so, dass es den klassischen Hausbesitzer ja nicht mehr gibt. Es sind Immobilien- oder Investmentfirmen, die das Sagen haben. Mit diesen Gespräche über den Wert einer lebendigen Geschäftszone fürs Grätzel zu sprechen, ist natürlich unmöglich. Oftmals sind diese nicht mal in Wien - und aus deren Sicht gibt es auch kein Problem, da die Immobilie ja ihre Rendite abwirft. Ich kann daher der Idee einer Leerstandsabgabe durchaus etwas abgewinnen, da dies sicher motivierend wäre", fordert Rumelhart.

Ein konkretes Projekt Rumelharts, das die Sorgen der Gumpendorfer Straße reduzieren soll, ist das Projekt "Stadtteilpartner" mit der Gebietsbetreuung. Es soll junge Pop-up-Stores, die ihre Geschäftsidee temporär verwirklichen wollen, in der Kommunikation und bei der Findung von Geschäftslokalen unterstützten.

Gabriele Hausch und Pia Malver sind aber Nostalgikerinnen und skeptisch. "Der Bezirksvorsteher bemüht sich und hat einiges auf die Beine gestellt. Das rechnen wir ihm hoch an. Doch die Gumpendorfer Straße wird nie wieder so werden, wie sie einmal war", so der Tenor. Rumelhart verspricht, dass er alles tun will, damit die Gumpendorfer Straße noch lebens- und liebenswerter wird.