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"Ausgleich statt Abgleich" bei Uni-Fächern

Von Eva Stanzl

Wissen

Wenig populäre Fächer könnten in breiteren Studiengängen gebündelt werden, findet Antonio Loprieno, Chef des Wissenschaftsrats.


"Wiener Zeitung":Ihr Vorgänger Jürgen Mittelstraß beklagte, die Politik setze Empfehlungen des Wissenschaftsrats nicht um. Wie legen Sie Ihre Amtszeit an - wollen Sie stärker auf die Pauke hauen?

Antonio Loprieno: Wahrscheinlich gibt es einen Unterschied in der Persönlichkeit des Vorsitzenden , insofern als ich exekutive Erfahrung und institutionelle Nähe habe, da ich Uni-Rektor und Präsident einer Rektorenkonferenz war. Auf die Pauke hauen entspricht aber weder dem Stil des Wissenschaftsrats noch meinem. Wir sprechen Empfehlungen aus, haben keine Macht, sie umzusetzen, aber es liegt zum Teil an uns, dass sie befolgt werden. Von uns werden systemisch relevante Empfehlungen verlangt, die sich an der Realität der österreichischen Hochschullandschaft orientieren. Wenn wir unsere Arbeit gut machen, werden sie eine Form von Umsetzung erfahren.

Wozu benötigt die Politik in Österreich zwei Beratungsgremien - Forschungsrat und Wissenschaftsrat?

Wir beraten das Wissenschaftsministerium zur Hochschullandschaft, der Forschungsrat das Gesamtkollegium der Ministerien zur Forschung. Trotzdem ist die Frage berechtigt - in der Schweiz gäbe es dazu parlamentarische Anfragen. Somit liegt es an uns Räten, Empfehlungen zu formulieren, die im Dialog stehen, das schulden wir dem Steuerzahler.

Grundlagenforschung sichert den Standort ab. Wäre angesichts dieser Translationalität eine Zusammenlegung der Gremien sinnvoll?

Translationalität ist ein Appell. Er geht an Grundlagenforscher, mögliche Umsetzungen im Visier zu haben, und an die angewandte Forschung, die Relevanz der Grundlagenforschung anzuerkennen. Die Diskussion zeigt, dass die Wissenschaftslandschaft zunehmend auf Dialog ausgerichtet ist, statt auf eine Trennung von Revieren, und die Räte sollten zeigen, dass das Ganze in seiner Komplexität gemeinsam Sinn macht.

Zeitgleich mit dem Vorsitz starteten Sie ein Sabbatical in Kapstadt. Können Sie von dort die Nähe zur heimischen Forschungspolitik bewahren?

Das Sabbatical dauert nur zwei Monate und der Ruf in den Wissenschaftsrat kam, als ich es bereits organisiert hatte. Ich arbeite hier an einem Buch zur Entwicklung der europäischen Universitäten in den letzten 15 Jahren. Ich analysiere, wie sich die Reformen des Bologna-Prozesses auf das Uni-Management auswirken. Die Universität Kapstadt dient als Kontrastfolie, weil sie sich stärker an sozialen Parametern orientiert. Eine andere Frage ist, ob es sinnvoll wäre für das Amt, wenn ich nicht in Basel, sondern in Wien leben würde. Allerdings ist es ja der Wunsch, dass der Ratsvorsitzende den Blick von außen bieten kann.

Um die Unis zu entlasten und die Betreuungsverhältnisse zu verbessern, will Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner Uni-Studenten mancher der populärsten Fächer in Fachhochschulen verlagern. Wie zielführend ist der Fächer-Abgleich?

Der Wissenschaftsminister hat die Probleme identifiziert, die anstehen. Es ist eine kohärente und effiziente Analyse der Schwierigkeiten des österreichischen Hochschulwesens, die die Richtung vorgibt: Man will einerseits die Grundversorgung garantieren und andererseits Exzellenzzentren schaffen, die uns in bestimmten Gebieten global wettbewerbsfähig machen. Ob das realistisch ist, wird an der Flexibilität der Player liegen. Obwohl Kritik am Universitätssystem eine Art Nationalsport zu sein scheint, hat Österreich ein sehr gutes System. Nur ist es ein wenig reformresistent, weil es alte Strukturen aufrechterhält, während uns der globale Wettbewerb vor immer neue Aufgaben stellt.

Zur Konzentration von Exzellenz schlagen Sie die Zusammenlegung von Universitäten vor. Minister Mitterlehner hält die für eine "Überinterpretation des Themas", die jedoch den "Kern der Sache" berühre. Fühlen Sie sich bestätigt?

Mein Vorschlag zur Uni-Zusammenlegung bezog sich auf das System an sich. Bisher hat Österreich nämlich seine Uni-Mittel - die so gering nicht sind - so verteilt, dass alle ein bisschen Geld bekommen. Falls sich das System jedoch in Richtung Privilegierung von Exzellenz bewegen wollte, wäre das nur mit großen Formen der Zusammenarbeit zwischen Universitäten zu erreichen - gegebenenfalls durch Fusionen. Wie sich allerdings nun zeigt, würden die Unis so etwas nicht wollen. Und da Fusionen nicht vom Ministerium beschlossen werden können, sondern von den Institutionen getragen werden müssen, schlage ich stattdessen Zusammenarbeit vor.

Die Uni-Autonomie brachte sehr verschiedene Curricula, Studenten können daher nicht ohne weiteres von Innsbruck nach Wien wechseln. Welche Art der Zusammenarbeit schwebt Ihnen vor?

Wir können und sollten keine totale Harmonie zwischen den Curricula erwarten. Es ist im besten Interesse zweier Unis, die im Wettbewerb stehen, ihre eigenen Kriterien zu erarbeiten. Was wir aber erwarten können, ist eine klare Profilbildung, die vermittelt, was Studierende wo bekommen. Wo es aber keine kritische Masse gibt, sprich zu wenige Studierende, sind gemeinsame Curricula sinnvoll. Unis sollten Gesamtstudiengänge als Ausgleich entwickeln. Statt von Fächerabgleich würde ich von Fächerausgleich sprechen.

Würden Sie im Zuge dieses Ausgleichs auch Fächer abschaffen?

Ich bin nicht für die Abschaffung von Fächern, sehr wohl aber für die Verlagerung von Studiengängen von einer Uni an eine andere. Das bedeutet: Falls die Zahl der Studierenden im Fach Ägyptologie nur für einen Studiengang ausreicht, dann verlagern wir ihn an eine einzige Uni, die das Leading House ist. Wer Ägyptologie studieren will, muss sich dort etwa für den Studiengang "Kultur der alten Welt" immatrikulieren, der eine Minimalzahl an Studierenden als Voraussetzung hat. So kann das Fach Ägyptologie weiterhin an zwei Unis unterrichtet werden, aber nur im Rahmen des Studiengangs des Leading House, das die Zeugnisse ausstellt und die Administration durchführt.

Die Verlagerung von Studien in Fachhochschulen soll ohne mehr Geld erfolgen. Wie soll das gehen?

Ihre Beobachtung hat zur Prämisse, dass das Neue immer nur mit frischem Geld erzielt werden kann. Aber man kann auch mit bestehendem Geld Neues herbeiführen. Weniger populäre Fächer in breiteren Studiengängen zusammenzufassen, könnte viel bringen.

Der Wissenschaftsfonds (FWF), der universitäre Grundlagenforschung fördert, hat eine Bewilligungsrate von nur 20 Prozent. Wann wird "mehr Geld wollen" zu "mehr Geld benötigen, um seiner Aufgabe gerecht werden zu können"?

In der Tat ist der FWF eher unterdotiert, weil seine Gelder anders als Uni-Mittel kompetitiv vergeben werden. Im Sinne des Wettbewerbs wäre es sinnvoll, mehr Geld über den FWF zu vergeben.

Wie vereinbar sind die Ideale freie Bildung und Chancengleichheit mit wissenschaftlichem Wettbewerb?

Philosophisch schließen Wettbewerb, Exzellenz und Chancengleichheit einander aus. Aus pragmatischen Gesichtspunkten müssen wir daher auch unter Wettbewerbsgesichtspunkten Chancengleichheit ermöglichen. Top-Unis mit ihren Top-Stipendien zeigen, dass gerade dieses Instrument zur Chancengleichheit Exzellenz fördert, weil viele der Besten sonst nicht zum Zug kämen.

Zur Person

Antonio Loprieno (60) berät als Vorsitzender des Wissenschaftsrats seit Dezember die Politik in Hochschulfragen. Nach seinem Studium der Ägyptologie und Sprachwissenschaft an der Universität Turin wurde er 1984 an der Universität Göttingen habilitiert. Nach Berufungen aan die Universität Perugia und die University of California war er 2005 bis 2015 Rektor der Universität Basel und Präsident der Schweizer Rektorenkonferenz, sowie Mitglied des Expertenteams zur Erarbeitung eines Hochschulplans für Österreich.