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Auslandskapital und Boulevard

Von Harriett Ferenczi, Budapest

Europaarchiv

Morgens um sechs Uhr. Frau Zsuzsa sortiert die Zeitungen am Kiosk: Boulevard-Blätter mit Nackedeis und Skandalen des ungarischen Jet Set kommen nach vorn. Politische Tageszeitungen werden nur im Stapel angeboten. Die junge Frau im kleinen Laden in der Vaci-Straße meint, Boulevard-Zeitungen ließen sich hier besser verkaufen als große Tageszeitungen.


"Der Alltag ist ohnehin hart genug, und da interessieren sich die Leute eher für bunte Themen, über die man eben mal hinweg liest." Auf politischen Blättern bleibe sie oft sitzen, was früher nicht der Fall gewesen sei.

Auf der anderen Seite der Donau, in Buda, sitzt Janos Petö in seinem Büro. Der Generalsekretär des Ungarischen Verlegerverbandes spricht von einer "wilden" Privatisierung, bei der die einstige Kommunistische Partei kurz vor der Wende ihre Zeitungen verkaufte - vor allem an deutsche Großverleger wie Springer oder Ber-

telsmann. Der Markt entwickle sich gut, die neuen Besitzer üben keinerlei Einfluss auf den Inhalt der Zeitungen aus, so Petö. Er bezeichnet die ungarische Presse als frei und unabhängig. Die Privateigentümer interessierten sich in erster Linie dafür, ob der Profit stimme. "Natürlich, wenn das Blatt anfängt, defizitär zu werden, dann interessieren sie sich auch für die Gründe."

Ungarische Printmedien sind zu rund 80 Prozent in ausländischer Hand. Dabei gilt die Medienlandschaft in Ungarn als ausgeglichen, sagt Jozsef Bayer, Geschäftsführer der Axel Springer Budapest GmbH. Das Unternehmen war 1988 das erste, das sich in Ungarn einkaufte. Es übernahm vor allem Regionalzeitungen. Heute beherrscht die GmbH rund 30 Prozent des ungarischen Marktes, der seit der Wende große Veränderungen durchmachte. In den vergangenen 15 Jahren seien vor allem Boulevard-Zeitungen erschienen, sagt Bayer. "Die Leser entscheiden darüber, was sie lesen möchten."

Rundfunkgebühr gestrichen

Sorgen bereitet dem ungarischen Verlegerverband die geringe Lesefreude der Magyaren. Denn sie schauen immer öfter fern als in eine Zeitung - nahezu viereinhalb Stunden am Tag. Übrigens, ohne Rundfunk- und Fernsehgebühren zu zahlen, die wurden von der neuen sozialliberalen Regierung gestrichen. Dennoch behaupten Experten: Die Medienlandschaft in Ungarn sei nicht vorteilhaft für die Demokratie. Denn nur das ausgewogene Vorhandensein von Zeitungen aller politischer Lager sei eine Basis für Demokratie. Dabei wird hin und wieder auch die Verletzung der Pressefreiheit in der Donau-Republik von internationalen Organisationen beanstandet. Janos Petö dementiert. "In Ungarn brauchen wir nicht um die Pressefreiheit kämpfen." Jeder könne eine Zeitung gründen, jeder könne im Rahmen der Gesetze schreiben, was er will.

Politischer Druck

Während ungarische Verleger ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit betonen, klagen elektronische Medien über politischen Druck und über Versuche der Beeinflussung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks durch die jeweilige Regierung.

Medienexperten bezeichnen die Situation des öffentlich-rechtlichen Rundfunks als problematisch, weil die Sender 100-prozentig aus dem Staatsbudget finanziert würden.

Außer den öffentlich-rechtlichen MTV und MTV2 gibt es noch das staatlich finanzierte Duna TV, ein für Auslands-

Ungarn tätiger Sender.

1997 wurden in Ungarn die ersten privaten TV-Sender zugelassen. RTL Klub und TV2, beide in ausländischer Hand, nahmen ihren Betrieb auf. Hir-TV, ein Nachrichtenkanal, gilt als ein dem oppositionellen rechtskonservativen FIDESZ - Ungarischer Bürgerverband nahe stehender Sender.

Vielfalt herrscht im magyarischen Radiobereich: Neben dem öffentlich-rechtlichen Hörfunk senden rund 80 private Stationen, darunter viele Stadtprogramme. Als große Privatradios gelten Danubius, Info-Radio und Slagerradio. Auch Radio C, der Sender der ungarischen Roma-Minderheit, konnte sich halten. APA