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Außer Kontrolle

Von WZ-Korrespondentin Birgit Svensson

Politik

Die Schiitenmilizen im Krieg gegen den Islamischen Staat werden immer mehr zum Problem für den Irak.


Bagdad. Auf der Tigris-Brücke prallen die Welten aufeinander. Ein Militärkonvoi wird an der Auffahrt gestoppt. Schusswechsel. 15 Minuten lang. Von der anderen Seite bewegt sich eine Hochzeitsgesellschaft in Richtung des Hotels im Bagdader Stadtteil Mansour, in dem traditionell die frisch Vermählten ihre Hochzeitsnacht verbringen. Laut verkündet das Trärätärä der Trompeten von der Freude des bevorstehenden Ereignisses und übertönt die Gewehrsalven. Die Realität der irakischen Hauptstadt spielt sich in diesen Minuten auf dieser Brücke ab: Krieg und Frieden, Freud und Leid. Alles gleichzeitig. "Alle wollen die Straße beherrschen", kommentiert der Manager des Hotels, was sich vor den Augen der Gäste abspielt. Gerade fährt die Hochzeitsgesellschaft mit viel Getöse in den Hof ein. Der Militärkonvoi hat sich inzwischen den Weg über die Brücke freigeschossen und ist auf der anderen Seite angekommen. "Es herrscht kein Recht und Gesetz derzeit in Bagdad." Wenn man an einem Kontrollpunkt vorbeikommt, wisse man oft nicht, von welcher Miliz er unterhalten werde. Bewaffnete Gruppen aller Art dominieren das Stadtbild. Das mache Angst.

Einer, der Angst macht, heißt Maschid Ahmed al-Sudani. Er sitzt an einem Schreibtisch in einem karg eingerichteten Zimmer auf der Seite des Tigris, wohin der Militärkonvoi gefahren ist. Das Haus liegt im Stadtteil Karrada und ist nur einen Steinwurf von dem Platz entfernt, wo der Sturz der Bronze-Statue Saddam Husseins am 9. April 2003 dessen Ende als Gewaltherrscher besiegelte. Doch die Gewalt im Irak hörte damit nicht auf. Viele Iraker meinen, sie sei danach noch schlimmer geworden. Al-Sudani findet das auch. Schon 2006/07 habe er gegen Al-Kaida gekämpft, jetzt eben gegen Daesh, wie der Islamische Staat (IS) auf Arabisch heißt. Doch dieses Mal seien der Kampf und auch die Atmosphäre viel radikaler. "Damals war der Terror lokal", hätten Iraker gegen die Besatzer gebombt. "Jetzt ist der Terror international. Es ist schlimm, dass deutsche und französische Dschihadisten uns umbringen."

Vor vier Jahren hat al-Sudani die irakische Armee verlassen, ist pensioniert worden. Nun steht er einer Miliz vor, die sich "Sucur" nennt und eine der sechs Hizbollah-Gruppen bildet, die im Irak derzeit operieren. Hizbollah im Irak habe nichts mit den Leuten im Libanon zu tun, hört man auf Nachfrage in Sudanis Büro. Die einzige Gemeinsamkeit wäre, dass sie Schiiten seien. Und doch erhärten sich Gerüchte, dass die libanesische Hizbollah nicht nur Kämpfer nach Syrien, sondern seit kurzem auch in den Irak schickt. Am Schreibtisch des pensionierten Brigadegenerals scheint aber noch kein Libanese angekommen zu sein. Dort wird ausschließlich irakisch-arabisch gesprochen.

Massive Rekrutierung von Freiwilligen

Es war der Aufruf des schiitischen Großayatollahs Ali al-Sistani in Nadschaf, der junge Männer wie Mustafa und Reith zu Kämpfern werden ließ. Die beiden Freunde, 25 und 22 Jahre alt, kamen aus Kerbela nach Bagdad und schlossen sich al-Sudanis Sucur-Miliz an. Nach zwei Monaten intensiver Ausbildung an der Waffe von morgens sechs Uhr bis mittags, schickte sie der Brigadegeneral a.D. zum Kämpfen in den Nordirak nach Amerli, wo schiitische Turkmenen 80 Tage lang von Daesh belagert wurden und zu verhungern drohten. Mitte September konnte die 26.000 Einwohner zählende Stadt in der Nähe von Tikrit befreit werden.

Jetzt soll Mustafa in die an Bagdad angrenzende Provinz Dijala, wo ebenfalls heftige Gefechte toben. Reith hat sich am Bein verletzt und muss seine Verwundung erst einmal auskurieren. Mustafa steht stramm, als Kommandeur Maschid ihm letzte Anweisungen mit auf den Weg gibt. Zwischen 3200 und 3600 Mann habe er unter seinem Kommando, informiert al-Sudani, die er unterschiedlich und an verschiedenen Orten je nach Bedarf einsetzt.

Der Aufruf des Großayatollahs im Juni, als die Mörder des Islamischen Staates in einer Blitzaktion weite Teile im Norden des Landes unter ihre Kontrolle brachten, hat einen Ansturm von Freiwilligen ausgelöst, der beispiellos ist für die Geschichte Iraks. Unbestätigte Schätzungen besagen, dass die Zahl der freiwilligen Kämpfer bereits die der regulären irakischen Armee übersteigt, von der tausende Soldaten beim Heranrücken von Daesh desertiert waren.

Die Freiwilligenrekrutierung lässt seitdem Milizen wie Pilze aus dem Boden wachsen. Al-Sudani schätzt, dass derzeit etwa 35 unterschiedliche Gruppen diese Kämpfer aufnehmen. "Allein in dieser Woche haben 600 bei uns angeheuert." Fast täglich sieht man auf den Straßen Bagdads neue Poster mit neuen Organisationen, wie Al Shahid al-Sadr oder die Imam-Ali-Brigade, die für einen Kriegseinsatz gegen Daesh werben. Im Konvoi fahren die freiwilligen Rekruten durch die Stadtteile mit mehrheitlich schiitischer Bevölkerung und rufen mit Megafonen zur Nachahmung auf. Die Milizen-Landschaft wird immer unübersichtlicher.

Über eine Milliarde US-Dollar sei seit Juni an schiitische Milizen geflossen, informiert der neue Finanzminister Hoshiar Zebari, der nach zehn Jahren im Außenamt nun für die Staatsausgaben zuständig ist. Planlos sei das Geld verteilt worden. Die Maliki-Regierung habe kein Buch geführt über die Ausgaben. Jetzt stecke Irak in der Finanzklemme. Für 2015 versprach Zebari die Aufstellung eines ordentlichen Haushalts. Die Einbeziehung der sunnitischen Stämme, die jetzt in Anbar gegen die ebenfalls sunnitisch geprägte Daesh kämpften, habe dabei oberste Priorität.

Klagen über zunehmende Plünderungen, Entführungen

Die unbegrenzten Möglichkeiten der schiitischen Söldnerheere dürften demnach bald vorbei sein. Erste Auswirkungen werden bereits aus den Provinzen Anbar und Dijala laut, die nordwestlich und nordöstlich von Bagdad liegen. Dort beklagt sich die Bevölkerung über zunehmende Kriminalität seitens der Milizionäre. "Die sind schlimmer als die Regierungstruppen", bringt der ehemalige Gouverneur von Dijala, Abdullah al-Jubouri, von seinem letzten Besuch in Bakuba mit. Haben sie einen Ort von Daesh befreit, würden sie sich alles nehmen, was nicht niet- und nagelfest sei.

Auch bei einer Visite in Abu Ghraib, der letzten Stadt der Provinz Anbar vor Bagdad, hört man immer lauter werdende Klagen über das Verhalten der schiitischen Milizionäre. Plünderungen, Entführungen, Beschlagnahmungen und auch Vergewaltigungen seien inzwischen an der Tagesordnung. In ihrem neuesten Bericht wirft die Menschenrechtsorganisation Amnesty International den schiitischen Gruppen sogar Kriegsverbrechen vor. Sie hätten in den vergangenen Monaten dutzende Sunniten entführt und ermordet. Amnesty dokumentiert Gewalttaten in Bagdad, Samarra und Kirkuk, wo Milizionäre in Militäruniformen ohne offizielle Überwachung operieren. "Anscheinend wollen sie sich für Angriffe des IS rächen. Dutzende nicht identifizierter Leichen, mit Handschellen gefesselt und mit Schusswunden im Kopf, sind an verschiedenen Orten im Land gefunden worden", so Amnesty. Das ließe ein Muster gezielter Tötungen erkennen.