Zum Hauptinhalt springen

Aussöhnung auf dem Prüfstand

Von WZ-Korrespondentin Marijana Miljkovic

Politik

Ausschreitungen beim Fußball-Länderspiel belasten die fragilen Beziehungen zwischen Serbien, Albanien und dem Kosovo.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 9 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Belgrad. Von vornherein war das Fußballmatch Albanien gegen Serbien am Dienstag in Belgrad als Hochrisikospiel eingeschätzt worden. Albanische und kosovarische Fans wurden erst gar nicht in das Stadion gelassen. Beleidigende Sprechchöre gegen die albanischen Spieler waren im Rahmen des Erwartbaren. Doch dann tauchte eine Drohne mit einer Flagge auf, die ein imaginäres Großalbanien zeigte. Damit nahm das Unheil seinen Lauf, das die politischen Beziehungen zwischen Serbien und Albanien innerhalb kürzester Zeit ins Schwanken brachte.

Großalbanien, das ist ein Projekt von albanischen Nationalisten in Albanien, aus dem Kosovo und in Mazedonien, die von der Vereinigung der Albaner in einem Staat träumen. Real sind die Pläne nicht, keine der führenden Parteien der jeweiligen Länder geht ihnen ernsthaft nach. Was auf das Einschweben der Flagge folgte, hätte in jedem anderen Stadion Europas passieren können. Serbiens Nationalspieler Stefan Mitrovic riss das Stück Stoff herunter, woraufhin sich einige albanische Spieler auf ihn stürzten. Nach einem kurzen Handgemenge zwischen Spielern der beiden Teams bahnte sich etwa ein Dutzend serbischer Fußballfans den Weg auf das Spielfeld und prügelte auf die albanischen Spieler ein. Das Match wurde in der 42. Minute abgebrochen. Die Uefa analysiert die Vorfälle und überlegt Strafen.

Krawalle auch in Wien

Auch in Wien waren die Folgen des Spiels spürbar, in der Ottakringer Straße gerieten Serben und Albaner aneinander, 30 Anzeigen waren die Folge. Und am Mittwoch zogen Jugendliche mit albanischen Flaggen skandierend durch Ottakring. Wesentlich schwerwiegender könnten jedoch die politischen Folgen in der Region sein. Sowohl die albanisch-serbischen Beziehungen als auch der vielversprechend begonnene Aussöhnungsprozess zwischen Serbien und dem Kosovo stehen auf dem Prüfstand. Der Vorfall hatte in den Straßen Prishtinas und Tiranas für spontanen Jubel gesorgt. Die politischen Eliten, angefangen von den Vertretern der EU und USA in Serbien dürften jedoch vor Schreck erstarrt sein. Serbiens Medien machten Olsi Rama, einen Bruder des albanischen Premiers Edi Rama, für den Drohnen-Flug verantwortlich. Rama war angeblich auf Initiative der US- und EU-Vertreter im VIP-Sektor des Stadions. Die serbische regierungsnahe Zeitung "Informer" titelte: "Shiptaren und EU provozierten Krieg im JNA-Stadion". "Shiptar" ist im ex-jugoslawischen Raum eine abfällige Bezeichnung für Albaner. Es ging das Gerücht um, Olsi Rama wurde von der Polizei festgenommen und verhört, weil bei ihm eine Fernsteuerung gefunden wurde, mit der er die Drohne gelenkt haben soll. Der US-Staatsbürger Rama bestreitet die Vorwürfe. Die Polizei untersucht inzwischen, ob das Flugobjekt von mazedonisch-albanischen Fans gestartet wurde.

Der für den 22. Oktober anberaumte Besuch von Albaniens Premier Edi Rama in Belgrad wurde sofort infrage gestellt. Serbiens Premier Aleksandar Vucic sagte, dass nur Rama das entscheiden könne. Die Visite wird jetzt schon als historisch angesehen, weil seit dem albanischen Diktator Enver Hoxa im Jahr 1947 kein albanischer Premier Belgrad besucht hat.

Die Reaktionen der Politiker beider Seiten sprechen aber eine deutliche Sprache, dass der Nationalismus noch lange nicht überwunden ist. Der Bürgermeister von Prishtina lud Edi Rama sogleich in die Kosovo-Hauptstadt ein - statt seines Belgrad-Besuchs. Der Kosovo hatte sich 2008 von Serbien losgesagt, Serbien hat die Unabhängigkeit seiner Ex-Provinz nicht anerkannt.

Kosovo-Gegner Putin in Belgrad

Von einer "im Voraus geplanten politischen Provokation" sprach Serbiens Außenminister Ivica Dacic und beschuldigte Olsi Rama für den Vorfall. Premier Vucic schloss nicht aus, dass der Eklat auch mit dem Besuch von Wladimir Putin zu tun habe. Heute, Donnerstag, wird der russische Präsident in Belgrad erwartet. Was den Besuch zu einem Ereignis macht, ist eine Militärparade, wie sie Serbien seit Jahrzehnten nicht gesehen hat. Anlässlich des 70. Jahrestags der Befreiung Belgrads aus der Naziherrschaft werden 4500 Soldaten aufmarschieren, Serbiens Luftflotte wird sich ebenfalls in bestem Licht präsentieren, obwohl der eigentliche Feiertag erst vier Tage später ist. Premier Vucic wollte nichts davon hören, dass der Aufmarsch die EU vor den Kopf stoßen und Serbien auf dem Weg zur EU-Mitgliedschaft schaden könnte. Die EU, die wegen Putins Ukraine-Politik Sanktionen gegen Russland verhängt hatte, erwartet von Serbien ein eindeutiges Bekenntnis. Serbien lehnt das jedoch mit dem Argument ab, dass man hochgradig von russischem Gas abhängig sei. "Wir müssen sehen, wie weit wir bezüglich South Stream gekommen sind. Und was wir tun sollen, wenn uns jemand den Gashahn zudreht", sagte Vucic in Hinblick auf die von der EU gestoppte Gas-Pipeline South Stream.