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Ausstellung erinnert an "Demagogie" des kalten Krieges

Von Susanne Nickel, Berlin

Politik

Nun hat sie ihren Skandal · die europäische Kulturstadt Weimar. Provoziert durch die Ausstellung "Aufstieg und Fall der Moderne", ein dreigeteiltes Projekt mit dem Anspruch, "das | Spannungsverhältnis zwischen Avantgarde und konservativen Strömungen im 20. Jahrhundert" zu inszenieren. Teil 1 bietet unter obigem Titel eine Retrospektive aus Weimarer Sammlungen vom | Impressionismus bis zu den Kunstströmungen Ende der zwanziger Jahre. Der zweite Teil "Die Kunst dem Volke" umfaßt die bisher größte Auswahl aus jener Sammlung, die Hitler zwischen 1937 und 1944 für | sich zusammentragen ließ. Im dritten Teil findet der Besucher eine umfangreiche Zusammenstellung unter dem Thema "Offiziell und Inoffiziell · Die Kunst der DDR".


Schon der erste Teil, im Schloßmuseum zu besichtigen und Künstlern wie Gauguin, Césanne, Monet, Renoire, Klee, Feininger, Kandinsky, Munch, Maillol, Rodin, Klinger, Mondrians, De Stijl und anderen

gewidmet, stößt auf Widerspruch. Während sich der kunstinteressierte Betrachter vor allem an den schlechten Lichtverhältnissen und deplacierten Stellwänden stört, spricht die Kritik angesichts der

inhaltlichen Substanz der Ausstellungskonzeption und ihrer Umsetzung von einem "kleinkarierten Moderne-Komplex der Ausstellungsmacher" und einer "Diskreditierung dessen, was den Kuratoren

"konservativ" erscheint. (Berliner Zeitung).

Die Nazi-Gemälde und die DDR-Malerei sind im Unter- bzw. Obergeschoß einer häßlichen, düsteren Mehrzweckhalle untergebracht, die in den 60er Jahren als Fabrik um das Skelett der von den Nazis

geplanten "Halle der Volksgemeinschaft" errichtet wurde. Ein kunstfeindliches Ambiente ohne gleichen und eine äußerst fragwürdige didaktische Absicht. Und während man bei der Anordnung der vorwiegend

banalen Kunst der Nazis noch eine thematische Ordnung erkennt, wird die Präsentation der DDR-Kunst zu einer offenen Demonstration ihrer Mißbilligung durch die Macher. Hier findet deren skandalöse

Kunstauffassung von modern und konservativ ihren Höhepunkt.

Die Hängung der mehr als 500 Bilder · vertreten sind Werke so bekannter Maler wie Sitte, Mattheuer, Tübke, Heisig, Zitzmann · erfolgt kreuz und quer, drüber und drunter, zusammengepfercht ohne Bezug,

wie in einem Ramschladen. Ein differenziertes Betrachten, das Erkennen von Entwicklungslinien und individueller Wege wird unmöglich gemacht.

Für sich herausgehoben und als inoffizielle Kunst der DDR sorgfältiger placiert werden nur solche Werke, die sich in den Modernebegriff der Kuratorien einordnen lassen, Bilder von Altenbourg, Claus,

Glöckner, Penck u. a.

Am schärfsten reagierte die Akademie der Künste Berlin-Brandenburg in einer öffentlichen Erklärung vom 18. Mai. Unter dem Etikett "Kulturstadt Europa" sei ein "horribles Szenario künstlerischer und

kultureller Inkompetenz" entworfen worden. Sie wertete die DDR-Präsentation als "skandalösen Rückfall in demagogische Abwertungs- und Denunziationsmuster des Kalten Krieges", es werde ein pauschaler

Angriff auf jenen Teil der deutschen Nachkriegskunst unternommen, der sich auf die gegenständliche und figürliche Kunst der Moderne berief. Differenzierte Wertung und historische Einsicht seien einer

"frivolen Marktschreierei geopfert".

Inzwischen erwägen einige der betroffenen Künstler ihre Werke aus der Ausstellung abzuziehen. Als erster stellte der Maler Hendrik Grimmling für sein Bild "Schuld der Mitte II" die Forderung auf

Rückgabe. Er gehört zur sogenannten DDR-Gegenkultur. Der bekannte Maler Wolfgang Mattheuer bezeichnete die Ausstellung als "Ausdruck westdeutscher Siegermentalität und blinder Vorurteile.