Ausweitung der feministischen Kampfzone

Von Judith Belfkih

Reflexionen
Die Debatten, wie Feminismus neu und breiter aufzustellen sei, werden nicht abreißen. Das ist vielleicht die beste Nachricht überhaupt.
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Alter Feminismus oder neuer? Der Kampf um die Gleichstellung der Geschlechter erweist sich heute als Spagat zwischen der ewigen Opferrolle und der partnerschaftlichen Selbstermächtigung einer Generation. Eine Standortbestimmung.


Die Vision des Feminismus ist nicht eine ,weibliche Zukunft‘. Es ist eine menschliche Zukunft. Ohne Rollenzwänge, ohne Macht- und Gewaltverhältnisse, ohne Männerbündelei und Weiblichkeitswahn." Johanna Dohnal hätte mit dieser Definition so manche aktuell im Widerstreit mit anderen liegende feministische Position an einen Tisch gebracht. Zumindest der erste Teil davon. Sich heute als Feministin zu bezeichnen - damit ist es nicht mehr getan. Es ist kompliziert geworden. Was konkret unter Feminismus zu verstehen sei, ist längst nicht mehr klar. Wenn es das jemals war. Das musste auch Alice Schwarzer bei ihrem jüngsten Wien-Besuch erfahren, wo ihr lautstark von Studierenden vorgeworfen wurde, sie vertrete einen veralteten, einen längst überholten Feminismus.

Doch dahinter steckt mehr als eine bloße Generationenablöse. Unter der Fahne des Feminismus segeln heute höchst unterschiedliche Unternehmungen. Da wird für mehr oder für weniger Geschlechterdifferenz gekämpft, gegen Abtreibungsverbote demonstriert, die Abschaffung der Kategorie Geschlecht überhaupt gefordert, die Unterdrückung schwarzer Frauen oder das sexistische Schönheitsdiktat angeprangert und gleichzeitig für oder gegen das Kopftuchverbot sowie für oder gegen die Berufstätigkeit von Müttern argumentiert. Dazu bezeichnen sich Popstars wie Beyoncé und Prominente wie Präsidententochter Ivanka Trump als Feministin. Selbst männliche Spitzenpolitiker wie der deutsche Finanzminister Olaf Scholz nennen sich stolz Feminist.

Allumfassende Antidiskriminierungsformel

Der Feminismus, so scheinen diese Beispiele zu suggerieren, ist breiter aufgestellt denn je. Er ist der Mitte der Gesellschaft angekommen, längst kein Schimpfwort für vermeintlich Männer hassende Frauen mehr, sondern zum schmückenden Moral-Attribut für Menschen jeglichen Geschlechts geworden. Feminismus - aber sicher doch, was sonst?! Mehr noch: Feminismus scheint zu einem Motor im Kampf gegen Diskriminierung an sich geworden. Homo-, Inter- und Transsexuelle, wegen ihrer Herkunft oder Religion, wegen ihres Alters oder Bodymassindex benachteiligte Menschen - sie alle finden Schutz unter dem wehenden Gleichstellungsbanner des Feminismus. Alles gut also?

Mitnichten. Mit der Omnipräsenz des Begriffes und der Vielzahl der Unterthemen ist Feminismus zur allumfassenden Antidiskriminierungsformel geworden - und erhält damit als Teil einer moralisierenden Wertedebatte den Geschmack einer Leerformel. Zudem schreibt dieser neue Feminismus als große Solidaritätsbewegung mit allen Unterdrückten den Opferdiskurs weiter fort. Denkt man diese Logik weiter, wird Feminismus irgendwann mangels vereinendem Gegner verpuffen - ohne etwas an den gesellschaftlichen Realitäten geändert zu haben: Schließlich wird so gut wie jede und jeder aus irgendwelchen Gründen diskriminiert. Der derartigen Ausweitung der feministischen Kampfzone droht so das Sich-Zerfransen in Parallelschauplätzen.

Die alte Forderung von Feministinnen, bei Frauenrechten handle es sich um Menschenrechte, wird hier überspitzt. Niemand, so der Tenor, soll seiner Herkunft, seines Geschlechtes oder seiner Religion wegen unterdrückt werden. Als generelle Antidiskriminierungsgruppe erhebt dieser neue Feminismus den Anspruch einer Wertedebatte - und streicht ihn damit von der praktischen politischen Agenda. Aktionistisch, moralisch und unpolitisch - das sind die kritischen Schlagworte, die sich dieser neue Feminismus gefallen lassen muss.

Vor allem aber: Die Zahlen sprechen eine andere Sprache - von der sich nicht schließenden Lohnschere über den nach wie vor verschwindend geringen Frauenanteil in Chefetagen bis hin zur aktuellen Gewaltserie. An der Lebensrealität der meisten Frauen geht die Feierstunde des neuen Feminismus ziemlich vorbei. Zugleich suggeriert der breite Diskurs aber, es herrsche ein breiter Konsens über die selbstverständliche Gleichwertigkeit von Mann und Frau, es sei also alles getan. Doch jenseits privilegierter, bildungsnaher Schichten ist von Gleichstellung oft kaum die Rede. Ganz im Gegenteil: Soziologen beobachten nicht nur hier die Rückkehr zu traditionellen Rollenbildern. Die Frau bleibt zuhause bei den Kindern oder hilft halbtags in der Firma des Mannes mit, das ist ein nach wie vor beliebtes Modell von Familienorganisation.

Feminismus als Konzept für eine ganze Gesellschaft

Doch die Erweiterung des feministischen Bezugsrahmens geht auch in eine andere Richtung. Auch hier geht es darum, eine breitere Basis für einst ausschließlich von Frauen vorgetragenen Forderungen nach der Veränderung gesellschaftlicher Gegebenheiten zu schaffen. Nicht nur im deutschsprachigen Raum hat sich spätestens in Folge der nicht unproblematischen MeToo-Debatte eine praktisch orientierte Gruppe an Denkerinnen herauskristallisiert, die versucht, sich (wieder) auf Themen konzentrieren, bei denen Frauen diskriminiert werden, weil sie Frauen sind. Genauer gesagt: wo Menschen ihres Geschlechts wegen schlechtergestellt sind. Und das sind nach wie vor meist Frauen.

Feminismus denken sie als eine die ganze Gesellschaft betreffende Bemühung, Gleichwertigkeit vor Gleichmacherei zu stellen und Wege aufzuzeigen, von denen alle profitieren - und nicht Frauen Männern etwas wegnehmen oder umgekehrt. "Eine emanzipierte Frau ist nicht notwendigerweise queer oder lesbisch", grenzt etwa die deutsche Philosophin Svenja Flaßpöhler ihre Position ab. Zentral ist ihr ein Konzept, das Weiblichkeit aufwertet - ohne dafür Männlichkeit abzuwerten. Der ewige Opferdiskurs müsse ein Ende haben, ist eine ihrer zentralen Forderungen, (auch) Frauen müssen in ihre eigene Potenz finden. Auch die Philosophin Lisz Hirn setzt in der Geschlechterfrage mehr auf das Vereinende und auf Selbstermächtigung, wenn sie für ein Ethos der gleichberechtigten Elternschaft plädiert. Von einer Gleichstellung würden in ihrer Analyse beide Seiten profitieren.

Ewiger Stolperstein der fehlenden Frauensolidarität

Auch diese Position des neuen Feminismus entwickelt bisherige weiter. Doch die Verbreiterung findet anders statt: Die Gleichstellung der Geschlechter, so die Grundthese, kann nur gelingen, wenn Männer und Frauen sich gemeinsam dafür einsetzen, weil sie beide Vorteile (für sich) darin erkennen. Ausgehend von dieser gesamtgesellschaftlichen Perspektive wird der Forderungskatalog deutlich konkreter - und politischer: Gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit, faire Pensionsansprüche für Mütter oder Quotenregelungen in Spitzenpositionen. Aber auch Rahmenbedingungen, die Männern wie Frauen gemeinsam verantwortete Elternschaft und Familienorganisation erlauben - von flexibler Kinderbetreuung über geteilte Karenzen bis hin zu besserer Bezahlung von Pädagoginnen und Pädagogen oder der Aufwertung häuslicher Arbeit etwa in der Pflege.

Dieser Strömung im neuen Feminismus wird vorgeworfen, sich an der Geschlechterdifferenz als erstes aller Übel festzuklammern und viele Bereiche der Unterdrückung unsolidarisch auszusparen. Doch allein der Widerstreit zwischen diesen beiden Positionen des extrem vielschichtigen sogenannten neuen Feminismus zeigen eines: Feminismus ist längst kein Nischenthema mehr. Und: Es besteht nach wie vor Handlungsbedarf.

Was so gut wie alle Bewegungen innerhalb des Feminismus - und die Liste ist lang - eint: Sie stellen den einstigen Kampf um Frauenrechte auf eine breitere Basis. Sei es durch das Einschreiben einer generellen Forderung nach Chancengleichheit nach allen erdenklichen Parametern, sei es durch das übergeschlechtliche Nachdenken über bessere gesellschaftliche Rahmenbedingungen für alle. Die Debatten darüber, wie Feminismus neu und breiter aufzustellen sei, werden nicht abreißen. Das ist vielleicht die beste Nachricht überhaupt.

Der größte Stolperstein liegt hier weniger in divergierenden Ansichten. Es ist, wie die Angriffe auf Alice Schwarzer zeigen, einmal mehr die oft beklagte fehlende Solidarität von Frauen untereinander.

Sie könnte sich auf die lange Sicht jedoch als Schlüsselfaktor erweisen. Ein geblockter Kampf Frauen gegen Männer ist wenig erfolgsversprechend, gilt es doch Gräben zwischen den Geschlechtern zuzuschütten. Zielführender scheint hier die aktuelle Suche nach gleichgesinnten Komplizinnen und Komplizen - die eben nicht nur das Geschlecht eint oder trennt.