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Auswüchse des Massentourismus eindämmen

Von Hubert Kahl Madrid

Politik

· Fast so etwas wie eine kleine "Revolution" hat auf den Balearen stattgefunden, während sich die Urlauber auf Mallorca oder Ibiza am Strand in der Sonne räkelten oder in der Strandbar | Sangria tranken. Die Inselgruppe im Mittelmeer wird seit einer Woche erstmals seit 16 Jahren nicht mehr von der konservativen Volkspartei (PP) regiert, sondern von einer bunten Koalition aus | Sozialisten, Kommunisten, Regionalisten und Grünen.


Ein Großteil der Urlauber hat vom Machtwechsel auf den Balearen, dem ersten seit der Gründung der autonomen Region, nichts mitbekommen. Dabei dürfte er für die Touristen durchaus von Bedeutung

sein. Das Mitte-Links-Bündnis ist nämlich fest entschlossen, dem Wildwuchs in der Tourismusbranche ein Ende zu setzen und den Urlauberstrom in der Hochsaison zu begrenzen.

Das Programm der neuen Regionalregierung sieht einen Baustopp für Golfplätze und für Sporthäfen vor. Das schon bestehende Moratorium für den Bau neuer Hotels soll verschärft und der Errichtung neuer

Siedlungen und Villen enge Grenzen gesetzt werden. Auch die seit Jahren erwogene Ökosteuer, die jeder Urlauber bei der Ankunft zu entrichten hätte, kommt wieder auf die Tagesordnung. Über diese

Sonderabgabe soll nun eine intensive Debatte geführt werden.

Die Tourismusbranche reagiert bisher abwartend. "Die Bewohner der Balearen wollen die ständige Zunahme der Urlauberzahlen stoppen. Das hat nichts damit zu tun, welche Parteien an der Regierung sind",

sagte der Sprecher eines großen deutschen Reiseunternehmens. "Auch die Reisebranche ist der Ansicht, daß es mit dem rapiden Zuwachs der Urlauberzahlen nicht weitergehen kann wie bisher."

Ein großer Teil der Bevölkerung auf den Balearen ist der Ansicht, daß eine Obergrenze erreicht ist und die Inseln nicht noch mehr Urlauber verkraften können. In der Hochsaison sind die Straßen

überfüllt, das Trinkwasser wird knapp, die Müllberge nehmen überhand, und die Stromerzeugung kann den Bedarf kaum decken.

Schon die vorige PP-Regierung hatte die Auswüchse des Massentourismus eindämmen wollen und Einschränkungen für den Neubau von Hotels verhängt. Aber viele Wähler hatten den Eindruck, daß diese Linie

nicht konsequent durchgesetzt wurde und es immer wieder Schlupflöcher gab.

Die neue Regierung ist keineswegs gegen den Tourismus, dem Mallorca und die anderen Balearen-Inseln ihren Reichtum verdanken. Sie will nur verhindern, daß das Inselparadies ein Opfer seines eigenen

Erfolges wird: Würde die Errichtung immer neuer Hotels und Bungalows nicht eingedämmt, wären die Inseln eines Tages zugebaut und verlören rasch ihre Attraktivität.

Politisch gesehen ist die Balearen-Regierung ein einzigartiges Gebilde. Die PP war aus den Wahlen am 13. Juni als klarer Sieger hervorgegangen. Aber dann schlossen sich alle sechs anderen Parteien

gegen die PP zusammen und wählten den Sozialisten Francesc Antich zum Regierungschef. Dem Bündnis gehört auch eine Gruppierung an, die bis vor kurzem noch für die Unabhängigkeit der Balearen

eingetreten war. Mit der PP wollte niemand koalieren, weil die Konservativen nach 16-jähriger Regierungszeit durch Vetternwirtschaft angeschlagen waren.