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Authentizität in der Politik

Von Friedrich Teltscher

Gastkommentare

Der abgelaufene EU-Wahlkampf stellt die Frage nach der Authentizität von Politikern. Die Wähler sind konfrontiert mit Spitzenkandidaten, die ihre Kompetenz und ihr (angebliches) Programm optimal darstellen wollen.


Einer propagiert ein Sieben-Punkte-Programm, von dem er weiß, dass der EU zur Verwirklichung die Kompetenzen fehlen, ein anderer will mit einem Titel (ohne den Zusatz "a.D.") Volksnähe vermitteln. Der "Champion" des Wahlkampfes spricht seine potenzielle Wählerschaft mit schlecht formulieren Sprüchen an, in denen sich "Wärme" auf "Konzerne" reimen soll.

Den meisten EU-Kandidaten ist gemeinsam, dass erkennbar nicht ihre Handschrift und Persönlichkeit den Wahlkampf und seinen Stil bestimmen, sondern die jeweiligen Berater. Die Offensichtlichkeit dieser Tatsache ist nicht zu übersehen. Oder können Sie sich vorstellen, dass sich Bruno Kreisky mit einer rot gerahmten Brille gezeigt, Julius Raab seine Unbestechlichkeit propagiert oder Leopold Figl schlechte Reime abgesondert hätte?

Wir kennen in Österreich ein Beispiel, wie ein Politiker endet, der sich seinen Beratern in die Hände gibt: Viktor Klima, der sich einst gelbe Gummistiefel verpassen ließ, um durch eine Überschwemmung zu waten - ganz Österreich war peinlich berührt. Können Sie sich so etwas bei Fred Sinowatz vorstellen oder Friedrich Peter? Die Glaubwürdigkeit war weg, das Wahlergebnis dementsprechend.

Und wer - außer Jugendlichen aus bildungsfernen Schichten - kann noch einen Politiker ernst nehmen, der sich nicht geniert, sich in einem "Rap" im Internet zu produzieren?

Man konnte die zuvor angeführten Politiker aus früheren Jahrzehnten aus den verschiedensten Gründen ablehnen, je nach politischer Einstellung. Aber ihnen allen war Authentizität nicht abzustreiten - sie haben sich weder zum Kasperl gemacht noch zur Marionette von Beratern machen lassen und ihre Person glaubwürdig präsentiert - und damit verbunden auch ihr Programm.

Ein erster Sündenfall war das Plakat 1969/70 "Klaus - ein echter Österreicher", auf dem der damalige Bundeskanzler mit unglaublich kantigem Kinn als autochthoner Älpler in unausgesprochenen Gegensatz zu Kreisky gestellt wurde.

Der Versuch von Politikern, sich aus der Trickkiste neu erfinden zu lassen, ist durchsichtig. Nur Arbeit und die kaum definierbare Persönlichkeit lassen sie zur Inkarnation der Wünsche von Wählern und zu einem Symbol für die Erfüllung ihrer Vorstellungen werden. So konnte Kreisky trotz seines großbürgerlichen Exterieurs die Arbeiter begeistern wie auch andere, die ein "Stück Weges" mit ihm zu gehen bereit waren; so konnte Figl zur Symbolfigur des Weges aus den Ruinen werden.

Rudolf Teltscher studierte Philosophie, Psychologie und Anthropologie und berät Unternehmen in Russland und der Slowakei.