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Autobahnen für Otter, Luchs und Wolf

Von Markus Kauffmann

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Markus Kauffmann , seit 22 Jahren Wiener in Berlin, macht sich Gedanken über Deutschland.

Wie kommen ein Wolf oder ein Luchs von der polnischen Tatra in die belgischen Ardennen, ohne eine Autobahn zu überqueren? Antwort: Mit dem Flugzeug oder gar nicht.


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Ein Preis, den wir Menschen für unsere Mobilität bezahlen, ist die Zerstückelung der Landschaft, die durch zahllose Verkehrsbänder durchschnitten wird. Deutschland hat eines der dichtesten Straßennetze der Welt: 230.000 Kilometer zerschneiden die offene Landschaft. Wie sollte etwa ein Rothirsch eine sechsspurige, eingezäunte Autobahn queren, dann eine Lärmschutzwand erklimmen und anschließend noch die ICE-Trasse unbeschadet übersteigen?

Den Blutzoll zahlen in Deutschland schätzungsweise 3000 Hirsche, 15.000 Wildschweine und 200.000 Rehe jährlich. Von Igeln, Katzen, Vögel, Hasen, Fröschen ganz zu schweigen. Hinzu kommen die Menschenopfer: Zehn Tote und fast 3000 Verletzte im Jahr 2008 durch Wildunfälle. Jagdverbände haben ausgerechnet, dass in Deutschland alle zwei bis drei Minuten ein Großtier mit einem Auto zusammenprallt.

Doch selbst wenn kein einziges Tier überfahren würde, bliebe eine Bedrohung bestehen, weil nur die Zuwanderung aus Nachbarpopulationen Inzucht und genetische Verarmung verhindern kann. Das Überleben einer Art hängt entscheidend davon ab, ob ihre Lebensraumansprüche auf den für sie verfügbaren Flächen erfüllt werden oder nicht. Für bedrohte Arten wurden Berechnungen angestellt, welche Mindestgröße ein zusammenhängendes Revier braucht, um ihr Überleben zu sichern.

So benötigen Wildkatzen Streifgebiete von dreißig, Luchse ein Revier von hundert Quadratkilometern. Solche ausreichend großen Lebensräume ohne Verkehrsbelastung gibt es aber kaum noch. Naturschützer sprechen von "Fragmentierung" oder "Verinselung" unserer Landschaften. Täglich werden weitere rund hundert Hektar Freiflächen in Siedlungs- und Verkehrsflächen umgewidmet.

Keine Patentlösung, aber immerhin eine eindeutige Verbesserung sind die sogenannten "Grünbrücken". Zwischen 60 und 70 solcher bepflanzter Übergänge sind in Deutschland fertig, in Bau oder in Planung. Viel zu wenig, meint das Bundesamt für Naturschutz, das rund 30.000 "Konfliktstellen" zwischen Verkehr und Tierwechsel ausgemacht hat. Dennoch sind solche Brücken ein sehr probates Mittel im Kampf gegen die biologische Isolation.

Zum Beispiel die Wildbrücke Joachimsthal: Sie besteht aus Stahlbeton, über den eine Spezialfolie gelegt und die anschließend mit Sand und Mutterboden abgedeckt wurde. Die Kosten für den im Mai 2005 fertig gestellten Bau beliefen sich auf etwa drei Millionen Euro. Mittels Kamera konnten im ersten Jahr 2300 Wildwechsel gezählt werden. Über die Brücke liefen Damwild, Rehe, Wildschweine, Hasen, Füchse, Dachse, Marderhunde und Marder. Rotwild konnte noch nicht beobachtet werden. Und das liegt vielleicht daran, dass es sich noch um eine frühe Bauweise handelt. Inzwischen weiß man, dass Rotwild auch Bäume und höhere Sträucher braucht, um den Übergang zu wagen. Deshalb verwendet man zunehmend Holz als Untermaterial und schüttet so viel Erdreich auf, dass auch größere Pflanzen Wurzeln schlagen können.

Das kostet allerdings bis zu fünf Millionen Euro, ein Betrag, für den man die letzten Amurtiger vor dem Aussterben bewahren könnte. Doch was ist uns die Biodiversität unserer europäischen Heimat wirklich wert? Überhaupt, wenn man vergleicht, dass für den weiteren Ausbau von Schiene, Straßen und Wasserstraßen bis 2015 ein Finanzvolumen von 150 Milliarden Euro eingeplant ist. Was Deutschland braucht, ist ein nationaler Verbund der Lebensräume.