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B-Team gegen Barack

Von Alexander U. Mathé

Politik

Viele Konkurrenten des US-Präsidenten nahmen sich selbst aus dem Rennen.


Washington/Wien. Iowa ist normalerweise so richtig unauffällig. Es ist bekannt für seine weite Natur, den Anbau von Mais, dörfliche Strukturen und die weiße Landbevölkerung. Doch einmal alle vier Jahre sind alle Augen auf den US-Bundesstaat im Mittleren Westen gerichtet. Dann nämlich, wenn dort der offizielle Startschuss zum Kampf um das Weiße Haus gegeben wird. Denn in Iowa findet die traditionell erste Abstimmung über die Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur statt. Am Dienstag ist wieder einmal dieser große Tag Iowas. Was folgt, sind zehn Monate erbitterten Wahlkampfs, bis am 6. November 2012 der Präsident der Vereinigten Staaten gewählt wird.

Bei den Republikanern machen es sich im Moment drei Kandidaten untereinander aus, wer gegen Amtsinhaber Barack Obama antreten wird: Mitt Romney, ehemaliger Gouverneur von Massachusetts, Newt Gingrich, ehemaliger Sprecher des Repräsentantenhauses, und der texanische Abgeordnete Ron Paul. Letzterer kämpft zwar in Iowa um den Sieg, doch auf ganz Amerika gerechnet, glauben nur wenige, dass er es schaffen kann. Das heißt allerdings nicht, dass die beiden anderen die Beliebtheitswerte auf ihrer Seite haben. Im Gegenteil.

Die häufigste Antwort von US-Bürgern, die man nach Newt Gingrich fragt: "Auf keinen Fall!" Das besagt zumindest eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts PEW Research Center. Bei Mitt Romney steht dieser Gedanke erst an zweiter Stelle, doch besonders schmeichelhaft ist auch das nicht. Der führende Gedanke bei ihm ist übrigens "Mormone", auch nicht unbedingt das, was sich ein Politiker wünschen würde. Noch dazu bei den Republikanern, unter denen sich mehrere religiöse Konservative finden, für die diese Glaubensgemeinschaft mehr Sekte als christliche Religion ist.

Pleiten und Pannen

Spätestens jetzt zeigt sich, dass die Republikaner zutiefst unglücklich sind mit der Wahl, die ihnen geboten wird. Schon bei dem seit einem halben Jahr laufenden "Casting", in dem sich die Kandidaten vor ihrem Wahlpublikum in Pose warfen, klammerte sich dieses an den einen um den anderen Herausforderer von Langzeit-Favorit Romney. Doch jeder von ihnen stürzte wegen Unzulänglichkeiten tief von der Spitze. Zuerst die Abgeordnete Michele Bachmann: "Ich würde dafür sorgen, dass wir keine Botschaft im Iran haben." (Die USA unterhalten seit der Islamischen Revolution 1979 keine diplomatischen Beziehungen zum Mullah-Staat.) Dann der Gouverneur von Texas, Rick Perry: "Ich werde drei Ministerien abschaffen: Das Handelsministerium, das Unterrichtsministerium und das dritte... ups ... weiß ich nicht mehr." Pizza-Unternehmer Herman Cain stieg nach Vorwürfen sexueller Belästigung aus dem Rennen.

Übrig geblieben sind Romney, Gingrich und Paul. Dabei ist Gingrichs Stern gerade wieder am Verblassen. Schuld daran hat seine Beratertätigkeit für den Bankrotteur Freddie Mac, der am Anfang der internationalen Wirtschaftskrise stand. Auch sein Privatleben sorgt für Stirnrunzeln: Er ließ sich von seiner ersten Frau scheiden und besprach mit ihr die Details, als sie mit Krebs im Krankenhaus lag. Seine zweite Frau betrog er mit der, die seine dritte werden sollte, und das, während er verbissen die Ermittlungen gegen den damaligen Präsidenten Bill Clinton wegen Ehebruchs führte. Und auch wenn mit Rick Perry aufgrund seines starken Wahlkampfteams noch zu rechnen ist, so reduziert sich letztlich alles wieder auf Romney. Ihm sind keine groben Fehler unterlaufen, Leichen wurden in seinem Keller auch nicht gefunden, was aber sein großes Manko nur unterstreicht: Er wird als langweilig empfunden. Tristesse bei den Republikanern.

Dabei hätte alles so einfach sein können. Grundsätzlich - so waren sich alle Analysten einig - könnte jeder Republikaner dem wegen schlechter Wirtschaftsdaten angeschlagenen Präsidenten Obama mit Leichtigkeit die Stirn bieten. Doch das war graue Theorie. Die Realität zeigt ein anderes Bild, auf dem Obama zwar laut Umfragen "irgendeinem" Republikaner unterlegen wäre, aber gegen jeden der aktuellen führt. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die A-Mannschaft gar nicht erst gegen ihn aufs Feld geschickt wurde. Der Gouverneur von New Jersey Chris Christie, Jeb Bush (Ex-Gouverneur von Florida und Bruder von Obamas Amtsvorgänger George W. Bush), die jungen und beliebten Wilden Marco Rubio und Paul Ryan: Sie alle verzichteten dankend auf eine Kandidatur. Ihnen schwante wohl, dass im Spiel gegen Obama die Wiese doch nicht so gemäht ist, wie viele glauben machen möchten.

Obama im Aufwind

Für Obama spricht nicht nur sein unglaublicher Etat (bisher gesammelte Wahlkampfgelder in Höhe von 100 Millionen Dollar gegenüber 32 des republikanischen Spitzenreiters Romney). Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit hat bereits die Trendwende bei seinen von Verlusten geprägten Popularitätswerten eingesetzt. Laut einer aktuellen Gallup-Umfrage zeigte sich erstmals seit Juli eine Mehrheit mit seiner Politik zufrieden. 47 Prozent der Befragten stimmten für den Demokraten, 45 Prozent gegen ihn.

Wenn ein Weg für ihn zum Sieg führt, dann mehr denn je über die Minderheiten, so scheint es. 95 Prozent der Schwarzen haben bei der letzten Wahl Obama gewählt, ein Wert, den er zu wiederholen trachten wird. Unter den Latinos rangiert sein Zufriedenheitswert derzeit bei 70 Prozent. In vielen Staaten mag das egal sein, weil dort entweder wie in New York und Kalifornien ohnedies der demokratische Kandidat die Nase vorne hat, oder weil von vornherein ein republikanischer Sieg sicher ist. Wie etwa in Texas, wo seit 1976 nie ein demokratischer Präsidentschaftskandidat gewonnen hat. Das, obwohl es dort nach Kalifornien die meisten wahlberechtigten Latinos gibt.

Dann aber gibt es Staaten wie Ohio mit einem verhältnismäßig geringen Anteil an Latino-Wählern, die aber sehr stark ins Gewicht fallen, weil das Rennen dort traditionell äußerst knapp ist. Swing States heißen diese knappen Staaten, die gemeinhin als Schlüssel zum Sieg gesehen werden. In Ohio beginnt Obama morgen, Mittwoch, ganz nebenbei seinen Wahlkampf - reiner Zufall? Auch auf Arizona wird er spitzen, wo die harte Immigrationslinie der Republikaner viele Hispanics vergrault hat. Bei der letzten Wahl konnte sich noch sein Konkurrent John McCain den Bundesstaat sichern. Diesmal könnte es anders ausgehen.

Unter den Republikanern rüstet man sich offenbar bereits gegen diesen Vorteil. In den von ihnen regierten Staaten sind die Gouverneure gerade dabei, die Wahlgesetzgebung gegen Betrug zu verschärfen. Wähler sollen bei der Stimmabgabe künftig einen Ausweis präsentieren, etwa einen Pass oder einen Führerschein. Das ist zwar in Europa Standard, in den USA aber nicht wirklich üblich - Betrugsfälle gibt es dennoch so gut wie nie. Eine Stromrechnung, aus der die Adresse hervorgeht, reicht den Wahlhelfern meist.

Wichtige Etappe

Der Großteil der 21 Millionen Amerikaner, die nicht über den geforderten Ausweis verfügen, besteht aus Schwarzen, Latinos und Jugendlichen, die ohnedies dem linken Lager zugerechnet werden. Ob das hilft, Obama aus dem Amt zu vertreiben?

Doch ein Schritt nach dem an deren. Zuerst einmal muss der republikanische Kandidat gekürt werden und das verspricht ein langer, mühsamer Weg zu werden. Nicht nur, dass die Bewerber einander mit einer Schlammschlacht, in der negative Werbung erlaubt ist, Schaden zufügen. Bis zum 1. April gilt bei den Vorwahlen auch das in den USA eher unübliche Verhältniswahlrecht (siehe Kasten). Eine schnelle Entscheidung ist somit nicht zu erwarten. Da hilft nur, gleich zu Beginn mit viel Schwung zu starten und zu hoffen, dass einen die Welle weit genug trägt. Genau da liegt die Bedeutung von Iowa. Wer hier gewinnt, sichert sich im Kandidatenrennen die erste Spitzenposition und damit die Aufmerksamkeit der Medien und weiterer Wahlkampfspender. Für so manchen strauchelnden Kandidaten hingegen kann ein schlechtes Abschneiden schon das Ende der Träume vom Weißen Haus bedeuten. Den schnellen Vorsprung des Siegers aufzuholen ist für die verbleibenden Mitbewerber nicht unmöglich, aber auch nicht leicht. Und in Iowa hat sich schon mancher Außenseiter als Gewinner durchgesetzt, der später Präsident wurde. So wie 2008, als dort ein gewisser Barack Obama die Vorwahl für sich entschied.