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"Baby-Fabriken" in der Kritik

Von Christoph Driessen

Wissen

Der Londoner Fruchtbarkeitsmediziner Sammy Lee steht gerade an der Kaffeemaschine, als ihn ein Kollege um eine "vertrauliche Unterredung" bittet. Es geht um eine seiner Patientinnen. "So eine nette Frau", schwärmt der Arzt, sobald die Tür hinter ihm geschlossen ist. "Sie verdient wirklich ein | Baby. Nur leider: Das Sperma ihres Mannes ist absolut | unbrauchbar."


Und dann, mit verschwörerischem Lächeln: "Sie hat mir allerdings ganz im Vertrauen gesagt, dass es ihr nichts ausmachen würde, wenn wir bei der künstlichen Befruchtung eine Samenspende benutzen würden." Nur ihr Ehemann dürfe natürlich nie etwas davon erfahren.

Es war nicht das erste Mal, dass Lee so ein Vorschlag unterbreitet wurde. Er selbst habe sich solchen Manipulationen stets widersetzt, schrieb der Fruchtbarkeitsmediziner kürzlich in einem Zeitungsbeitrag. Dass sie aber regelmäßig vorkommen, bezweifelt er nicht. "Wir machen vor fast nichts Halt, um Erfolg zu haben", gesteht er. Lee ist nicht der einzige Experte, der in den vergangenen Wochen in Großbritannien Alarm geschlagen hat. Robert Winston, Professor für Fruchtbarkeitsstudien, Lord im Oberhaus und beliebter Wissenschaftsjournalist des britischen Fernsehens, sagt: "Es geht um kommerzielle Ausbeutung der schlimmsten Art."

Über 68.000 "Reagenzglas-Babys" sind in Großbritannien geboren worden, seit 1978 in Nordengland Louise Brown, das erste Retortenbaby der Geschichte, zur Welt kam.

Kritiker in Großbritannien sprechen bereits von "Baby-Fabriken". Unstrittig ist, dass bei der Akkord-Arbeit in den britischen Befruchtungskliniken einiges schief geht: So bekam ein weißes Paar farbige Zwillinge, weil die Eizelle der Frau irrtümlich mit dem Sperma eines schwarzen Mannes befruchtet worden war. Zwei Frauen in London wurden versehentlich die falschen Embryonen eingepflanzt. Und ein betrügerischer Arzt erzählte mehreren Patientinnen, er habe ihnen Embryonen eingepflanzt - was aber gar nicht der Fall war. Er kassierte nur ab.

Immer mehr Spezialdienste entstehen. Gerade erst ist in London die erste Spermienbank nur für Lesben eröffnet worden: "ManNotIncluded" (Mann nicht eingeschlossen) heißt sie. Das Sperma eines anonymen Spenders wird der Kundin in einem Metallköfferchen per Bote ins Haus geliefert; dort kann sie ihn sich dann selbst einspritzen.

Lord Winston, der sich vor 20 Jahren mit ungebremster Begeisterung am Aufbau der ersten Fruchtbarkeitskliniken beteiligt hat, sieht nun "dunkle Wolken". Sorgen macht ihm zum Beispiel die in Großbritannien weit verbreitete Praxis, Embryonen vor der Verpflanzung einzufrieren. Die möglichen Folgen könnten heute noch gar nicht abgeschätzt werden: "Um es einfach zu sagen: Wenn man Lebensmittel einfriert, schmecken sie hinterher anders. Nach dem Einfrieren kann sich eine größere Zahl von Embryonen als sonst nicht festsetzen, und wir müssen uns fragen, warum das so ist."

Vor allem aber kritisiert er, dass viele Ärzte auch Frauen Hoffnung machten, die wegen ihres fortgeschrittenen Alters schon keine realistische Aussichten mehr auf ein Kind hätten - auch nicht mit Hilfe modernster Techniken. Diese Frauen investierten dann oft vergebens Zehntausende von Pfund, doch was noch schlimmer sei: Die Monate oder gar Jahre des Hoffens und immer wieder enttäuscht Werdens seien unvorstellbar zermürbend. "Nirgendwo sonst habe ich so viel Verzweiflung gesehen", so Sammy Lee. "Manchmal blicke ich in ihre Augen, und dann kann ich dahinter eine Hölle erkennen."