Babylon: Hure, Heilige und Mythos

Von Markus Schauta

Reflexionen

Die Reste der antiken Metropole wurden bis in die jüngste Zeit geplündert, überbaut und zerstört. Ein Besuch.


Heute betreten nur wenige ausländische Besucher durch den Nachbau des mit blauen Kacheln verzierten Ishtar-Tores die Ruinen Babylons. Die US-Invasion des Iraks und das folgende Chaos haben sie vertrieben.

Doch der Krieg hat nicht nur den Tourismus einbrechen lassen, er hat auch Schäden an den Ruinen verursacht. Im April 2003 errichtete die US-Armee am historischen Areal ein Militärlager. Soldaten gruben bis zu zwei Meter tiefe Panzergräben in die Siedlungsschichten. Ihre tonnenschweren Fahrzeuge rollten über die antike Prozessionsstraße, ausgeronnener Treibstoff sickerte in die Erde. Um einen stabilen Untergrund für Parkplätze und einen Landeplatz für Helikopter zu schaffen, wurden weite Flächen mit Schotter begradigt. Dieses von anderen Orten herbeigeschaffte Schuttmaterial verunreinigte die archäologischen Schichten für zukünftige Grabungen.

Durch das rekonstruierte Ishtar-Tor gelangt man ins Ausgrabungsareal von Babylon.
© Markus Korenjak

Der angerichtete Schaden zeugt vom Versagen der Koalitionstruppen, das kulturelle Erbe Iraks zu schützen. Doch nach Jahrhunderten, in denen Babylon geplündert, zerstört und überbaut wurde, war dies nur der jüngste Schaden an den historischen Überresten der einstigen Metropole.

85 Kilometer südlich von Bagdad erheben sich einsame Hügel, Schutthaufen und Ruinen aus dem Flachland zwischen Euphrat und Autobahn. Wenig deutet darauf hin, dass hier einst die antike Metropole Babylon stand, in der bis zu 200.000 Menschen lebten.

Juwel der Imperien

Am Beginn des zweiten Jahrtausends v. Chr. ist Babylon ein unabhängiger Stadtstaat. Seine Herrscher unterwerfen andere Städte des südlichen Mesopota-miens. Aber auch Babylon selbst wird in den Jahrhunderten immer wieder erobert. Kassiten, Hethiter und Assyrer kommen und gehen und kehren zurück. Im Fleckenteppich aus Stadtstaaten und Königreichen ist Babylon - Zentrum von Handel, Kunst und Wissen - das Juwel, nach dem die jeweils Mächtigen greifen.

Der Großteil der heute sichtbaren Ruinen wird von den Archäologen dem Neubabylonischen Reich zugerechnet (626 bis 539 v. Chr.). Es ist die Zeit des Nebuchadnezzar II., der das Ishtar-Tor erbauen lässt und den biblischen Turm zu Babel fertigstellt: eine 90 Meter hohe Stufenpyramide aus Lehmziegeln. Dem im Alten Testament mehrfach erwähnten König wird auch der Bau der "Hängenden Gärten" zugeschrieben. Neuere Forschungen gehen allerdings davon aus, dass diese sich in Ninive und nicht in Babylon befanden.

Der "babylonische Turm", visualisiert von Robert Koldewey im "Zentralblatt der Bauverwaltung 421" (1919).
© Public domain / via Wikimedia Commons

Am Ende der Epoche fällt die Stadt an die Perser, deren Könige zwei Jahrhunderte in Babylon residieren. Dann kommt Alexander der Große. 331 v. Chr. besiegt er das Heer des Darius und lässt sich in der Stadt am Euphrat zum König von Asien ausrufen. Acht Jahre später stirbt er in Babylon am Fieber. Nach einer letzten Blüte geht die Stadt zugrunde. Arabische Reisende aus dem Mittelalter berichten von Ruinen, deren Ziegel für Bauten in Bagdad fortgeschafft werden.

"Sie können die Scherben ansehen, aber stecken Sie nichts davon ein", sagt der Tourguide, als die Touristen über das mit Tonscherben übersäte Ausgrabungsareal spazieren. Nachdem Generationen europäischer Forscher die Geschichte des Landes Stück für Stück abgetragen und nach Europa geschafft haben, wird die illegale Ausfuhr von Antiquitäten heute mit drastischen Strafen geahndet. Schon kleinste Stücke antiker Objekte im Gepäck können bei der Ausreise zu Problemen führen.

Einer der ersten Europäer, die in Babylon gruben, war Claudius James Rich. Ab 1808 war er Vertreter der Ostindien-Kompanie in Bagdad, von wo aus er die Ruinen erforschte. Rich war enttäuscht, dass von der antiken Stadt nichts als ein paar Ziegelmauern und Schutt übrig geblieben waren. Was er bei seinen Grabungen fand, schickte er nach England.

Robert Koldewey in seinem Grabungshaus in Babylon, fotografiert von der Forscherin Gertrude Bell.
© Public domain / via Wikimedia Commons / Gertrude Bell

Eine französische Expedition unter der Führung des Orientalisten Fulgence Fresnel setzte die Grabungen 1852 fort. Als sie drei Jahre später ihre reiche Ausbeute gemeinsam mit Fundstücken aus anderen Grabungen nach Paris schicken wollten, versanken die Flöße im Tigris. Nur 28 der insgesamt 200 für den Louvre bestimmten Kisten konnten gerettet werden. 1971 versuchte eine japanische Expedition, die verlorenen Fundstücke aus dem Fluss zu bergen, jedoch ohne Erfolg.

1899 begann der deutsche Archäologe Robert Koldewey seine von Kaiser Wilhelm II. finanzierte Grabung. Einheimische Arbeiter trugen zwanzig Meter dicke Schuttschichten ab, bevor sie an die Reste der antiken Metropole gelangten. Auch diese fast zwanzig Jahre dauernde Grabung zielte unter anderem darauf ab, Altertümer für die Königlichen Museen in Berlin zu gewinnen. Darunter auch Teile des Ishtar-Tores, dessen blau glasierte Ziegel Koldewey Stück für Stück abtragen ließ. Der Nachbau des Tores ist seit 1930 im Berliner Pergamonmuseum untergebracht.

Zum Ruhme Saddams

Auch Saddam Hussein war besessen von Babylons Ruinen und ließ die Stadtmauern wieder aufbauen. Doch um eine genaue Rekonstruktion ging es ihm nicht. Er idealisierte die Vergangenheit, in deren Tradition er sich stellte, um dadurch sein Regime zu legitimieren: gestern Nebuchadnezzar, heute Saddam Hussein. "Sehen Sie hier", sagt der Tourguide und deutet auf einen modernen Ziegelstein mit arabischer Inschrift: "Während der Herrschaft des siegreichen Saddam Hussein, des Präsidenten der Republik - möge Gott ihn als Wächter des großartigen Iraks bewahren -, des Erneuerers und Erbauers der großen Zivilisation, wurde die herrliche Stadt Babylon im Jahr 1987 wieder aufgebaut."

Saddam Hussein ließ sich in Babylon einen Palast errichten. Angeblich hat er ihn nur ein einziges Mal besucht.
© Markus Korenjak

Die Lobpreisung des Diktators steht im krassen Gegensatz zu den Ereignissen dieses Jahres. Der Irak befand sich 1987 in einem verlustreichen Krieg gegen den Iran. Als der ein Jahr später endete, gab es keinen Sieger. Nur hunderttausende Tote auf beiden Seiten, verheerende Schäden an Infrastruktur und Industrie und riesige Schuldenberge.

Wo Saddam die irakische Geschichte idealisierte, haben Dschihadisten sie als eine Zeit der Gottlosigkeit verteufelt. Im Kalifat des Islamischen Staates wurden antike Ruinen im Irak medienwirksam zerschlagen, gesprengt und mit Bulldozern dem Erdboden gleichgemacht. In Ninive, Nimrud, Hatra und vielen anderen Ausgrabungsstätten zerstörten die Fanatiker im Namen ihrer Religion Weltkulturerbe.

Geplünderter Palast

Im Westen der Ruinen erhebt sich auf einem Hügel ein moderner Palast. Eine Straße führt zwischen Olivenbäumen und Palmen hinauf zum klobigen Gebäude aus Sandstein. Die mit Reliefs geschmückten Außenwände zeigen Saddam als Anführer von Soldaten auf dem Schlachtfeld. War das in den 1990ern erbaute Areal unter Saddam Sperrgebiet, ist der Palast heute ein beliebtes Ausflugsziel für Liebespaare und Familien, die den Ausblick von den steinernen Balkonen genießen.

Nach dem Sturz von Saddam Hussein im April 2003 wurde sein luxuriöser Palast geplündert. Heute dient er als Ausflugsziel.
© Markus Korenjak

Das Innere ist geräumig, aber leer. Die Wände sind mit Graffiti beschmiert, die Treppenaufgänge in die oberen Stockwerke mit Nato-Draht gesperrt. Jugendliche mit Trommeln lärmen in den verlassenen Marmorhallen, als wollten sie die Geister der Vergangenheit austreiben. Über dunkle Korridore gelangt man in Saddams ehemaliges Schlafzimmer. Durch ein glasloses Panoramafenster fällt der Blick auf die Ruinen Babylons.

90 Prozent der antiken Stadt liegen immer noch unter der Erde. Unerreichbar zurzeit, wegen des gestiegenen Grundwasserspiegels. So überlagern sich bis heute Mythos und Realität und machen Babylon zur Projektionsfläche für all jene, die politische oder religiöse Legitimität in einer fernen Vergangenheit suchen. Babylon ist Hure und Heilige, Ort der Sprachverwirrung, Denkmal antiker Herrscher und moderner Diktatoren, vergessen, wiederentdeckt, neuinterpretiert.

2019 erklärte die Unesco die Ausgrabungsstätte zum Weltkulturerbe. Vielleicht können dadurch weitere Beschädigungen in Zukunft verhindert werden.

Markus Schauta studierte Geschichte und Religionswissenschaft mit Schwerpunkt Islam. Seit 2011 berichtet er als Reporter aus dem Nahen Osten. Seine Beiträge erscheinen in deutschsprachigen Zeitungen und Magazinen.