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Bagdader stellen sich auf ein Leben ohne Strom und Wasser ein

Von Gregor Mayer

Politik

Bagdad - Der Krieg ist in Bagdad sowohl fern als auch nah. In der Nacht schrecken heftige Detonationen die Bewohner aus ihrem unruhigen Schlaf. Tagsüber signalisiert ein fernes Grollen die Einschläge. Die Luftangriffe am Rand und außerhalb der Stadt sollen offensichtlich dortige Verteidigungsstellungen entscheidend schwächen. Doch auch am Tag droht ständige Gefahr, wie in der vergangenen Woche die Explosionen mit Dutzenden von Toten in einer Geschäftsstraße und auf einem Marktplatz gezeigt haben.


Dennoch schaffen sich die Einwohner der Fünf-Millionen-Stadt eine begrenzte Normalität. Auf Märkten herrscht reges Treiben, Straßenhändler finden ihre Kunden, Tankstellen haben geöffnet wie auch manche Läden und Restaurants. Im Zentrum pulsiert das Leben nahezu wie gewohnt. Doch am Warenangebot lässt sich auch ablesen, dass sich die Bevölkerung auf einen möglicherweise langen Krieg einstellt.

Der 30-jährige Kamil, der einen kleinen, zur Straße offenen Laden betreibt, macht in diesen Tagen sein Geschäft mit Kochern, Öllampen, Bottichen und Kanistern. "Die iranischen Kocher, die echt gut sind, sind inzwischen alle verkauft", berichtet er. "Jetzt habe ich nur noch chinesische, die kosten aber auch weniger." 13.000 irakische Dinar (4,50 US-Dollar) nimmt er für einen dieser Kocher.

"Man trifft seine Vorkehrungen", schätzt Kamil das Verhalten seiner Kunden ein. Die Leute rechnen damit, dass bald die E-Werke bombardiert werden könnten. Dann gäbe es weder Strom noch Wasser, denn es muss in dieser flachen Stadt gepumpt werden. Daher werden vorsorglich Bottiche als Wasserspeicher gekauft. Öllampen spenden in stromlosen Nächten Licht, und mit den Kochern lassen sich warme Mahlzeiten zubereiten.

Ein Verkaufsschlager sind auch Klebebänder, mit denen Scheiben gegen die Wirkung von Druckwellen geschützt werden sollen. Die Cousins Hashim und Ahmed, beide 16 Jahre alt, betreiben einen simplen Stand auf der Straße, um mit diesem Krisengut zu handeln. Ansonsten verkaufen sie Plastik-Geschirr. Aber jetzt gehen die Klebebänder - ein 30-Meter-Band kostet bei ihnen 750 Dinar (0,25 US- Cent) - weg wie warme Semmeln. "Wir können derzeit recht gut davon leben", bestätigt Hashim.

Kamil, der Ladenbesitzer, sieht seinen Geschäftserfolg mit Zwiespalt. "Mir wäre lieber, der Krieg würde schnell zu Ende gehen", sagt er. Auch die Straßenhändler Hashim und Ahmed würden lieber auf die Schulbank zurückkehren. "Die Schule hat seit Kriegsbeginn geschlossen", berichtet Hashim. "Aber eigentlich bedauern wir das."