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Bahn-Privatisierung in der Schweiz undenkbar

Von Steffen Klatt

Wirtschaft
Im Schnitt fahren Schweizer 34 mal im Jahr Bahn. Foto: bb

Nirgendwo in Europa wird so viel Zug gefahren wie in der Schweiz. | Lkw-Abgabe finanziert Schienenbau. | St.Gallen. Die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) gehören zur Schweiz wie das Matterhorn, die Schokolade und die Goldreserven. Das Unternehmen wurde vor über hundert Jahren per Volksabstimmung gegründet. Seither ist es vollständig in der Hand des Bundes.


Die Schweizer halten treu zu ihrer Bahn. Im Durchschnitt fährt jeder Schweizer 34 Mal im Jahr mit der SBB. Die Deutsche Bahn kommt dagegen nur auf 20 Fahrten pro Einwohner, die ÖBB auf 23 Fahrten und die Luxemburgischen Bahnen als Zweitplazierte in Europa auf 30 Fahrten. Dahinter versteckt sich ein hoher Anteil von Vielfahrern. Über 300.000 Reisende haben das Generalabonnement, das zur freien Benutzung aller Bahnstrecken berechtigt. Für die zweite Klasse kostet es 2000 Euro. Und fast 2 Mio. Reisende haben das "Halbtax-Abo" für 100 Euro, mit dem die Fahrkarte halb so viel kostet. Das lohnt sich, sind doch die Fahrpreise höher als anderswo in Europa.

Die Reisenden bekommen auch etwas für ihr Geld. Die Bahn fährt sie oft bis in das hintersten Tal. Die Fahrpläne sind aufeinander abgestimmt. In große Städten wie Zürich und Lausanne kommen die Züge zur vollen und halben Stunde an, so dass die Reisenden ohne Wartezeiten in die Anschlusszüge umsteigen können. Das Konzept ist erfolgreich. Es wird immer mehr Bahn gefahren. Verzeichnete die SBB im Jahr 2000 noch 222 Mio. Personenkilometer, waren es 2005 bereits 275 Millionen.

Straße bezahlt Schiene

Das Konzept lohnt sich auch. Die SBB erwirtschafteten im vergangenen Jahr bei einem Umsatz von 7,1 Mrd. Franken (4,6 Mrd. Euro) einen Verlust von 166 Mio. Im ersten Halbjahr 2006 wurde daraus aber wieder ein Gewinn von 59 Mio. Franken. Ohne Beiträge der öffentlichen Hand kommen die Bahnen aber nicht aus. Diese zahlt für den Regionalverkehr 319 Mio. Franken an die SBB, weitere 924 Mio. an die Infrastruktur.

Die tatsächlichen Ausgaben für die Bahninfrastruktur gehen weit darüber hinaus. Derzeit werden zwei neue Basistunnel unter dem Alpenkamm gebaut, am Gotthard und am Lötschberg. Die Gesamtkosten betragen 15,9 Mrd. Franken. Bezahlt werden sie zu einem Großteil aus der Schwerverkehrsabgabe, die auf Lastwagenfahrten erhoben wird. Die Infrastruktur ist in der Hand der Bahnen. Neben der SBB gehören dazu mehrere "Privatbahnen". Trotz der Bezeichnung sind diese kleineren Bahnen nicht privat, sondern gehören meist den Kantonen.

Ein Börsengang oder eine Privatisierung der Bahn, wie sie jetzt für die Deutsche Bahn vorbereitet wird, ist in der Schweiz noch nie gefordert worden. Sie hätte auch keine Chance. Sie würde wahrscheinlich nicht einmal im - bürgerlich beherrschten - Parlament eine Mehrheit finden. In jedem Fall würde sie bei der erforderlichen Volksabstimmung scheitern.

Das hat die jüngste Diskussion über die Swisscom gezeigt, den Ex-Monopolisten in der Telekommunikation. Das Unternehmen notiert bereits an der Schweizer Börse. Der Bundesrat, die Landesregierung, wollte nun auch seine restlichen zwei Drittel an Swisscom verkaufen. Doch eine Mehrheit aus Sozial- und Christdemokraten im Parlament weigerte sich, auf den Vorschlag einzugehen. Dabei genießt Swisscom in der Schweizer Bevölkerung bei weitem nicht die gleichen Sympathien wie die Bahn.

Die Schweizer Bundesbahnen sind in Bundesbesitz. Das werden sie auch künftig bleiben. Die Schweizer werden ihre Bahn ebenso wenig verkaufen wie das Matterhorn. Sie sind es gewohnt, in Europa gegen den Strom zu schwimmen.