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Bald 60-Tonner auf unseren Straßen?

Von WZ-Korrespondent Richard Schneider

Wirtschaft

Befürworter sehen Vorteile für Umwelt und Wirtschaft. | Automobilklubs befürchten höheres Unfallrisiko. | Tübingen. Gern würden die EU-Behörden den großen 60-Tonnen-Lastwagen aus den Niederlanden in allen ihren Mitgliedsländern zulassen, weil er rationeller, kostengünstiger, umweltfreundlicher und sparsamer ist. Nun unternimmt die Landesregierung von Niedersachsen in Hannover einen neuen Vorstoß - mit einem Pilotversuch mit überlangen Lastwagen. Zwar wird das in Deutschland geltende gesetzliche Gewichtslimit von 40 Tonnen für Lkw vorerst nicht angetastet. Die überlangen Lkw sind aber technisch auf einen Betrieb mit 60 Tonnen ausgerichtet. Mit 25,25 Meter Gesamtlänge sind sie rund 7 Meter länger als bisherige Modelle. Für ein bis 31.7. 2007 befristetes Pilotprojekt erhielten zwei Speditionen Zulassungen für ihre "Mega-Liner."


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Deutsche Automobilclubs protestierten vehement gegen die neuen "Elefanten" auf den Autobahnen, die unabsehbare Gefahren für die übrigen Verkehrsteilnehmer heraufbeschwören. Der Verkehrsclub Österreich (VCÖ) argumentiert, dass durch die höheren Kurvenradien und die größeren toten Winkel im Rückspiegel das Unfallrisiko steigen würde. Der VCÖ fordert, dass sich die österreichische Regierung auf EU-Ebene für ein Verbot von 60-Tonnern einsetzt. Wie in Deutschland gilt auch in Österreich ein gesetzliches Limit von 40 Tonnen für Lkw-Transporte.

Bis zum Jahr 2010 soll jedoch das Transportaufkommen im EU-Wirtschaftsraum um etwa 40 Prozent steigen. Das niedersächsische Wirtschaftsministerium in Hannover argumentiert, es sei unmöglich, die Verkehrswege zu Wasser, auf der Schiene und der Strasse im gleichen Tempo auszubauen. Deshalb würden Auswege aus diesem Dilemma gesucht, und deshalb erhielten erste superlange Lastwagen mit 25,25 Meter Gesamtlänge und Spezialaufbauten ihre Verkehrs-Zulassung.

Aus zwei mach drei

Zwei solcher Lastwagen können genau so viel Paletten bzw. Waren transportieren wie drei der bisher verfügbaren Modelle. Dabei ist es unerheblich, ob ein Sattelzug mit Sattelaufleger einen weiteren Anhänger erhält oder der Motorwagen mit Hänger mit neuen, superlangen Aufbauten ausgestattet wird. Entscheidend ist die erlaubte Gesamtlänge, die es auch ermöglicht, mit mehr Lastkraftwagen das zulässige Gesamtgewicht von 40 Tonnen zu erreichen. Niedersachsens Wirtschaftsminister Walter Hirche weist auf die ökonomischen und ökologischen Vorteile der Überlängen hin: "Wir sehen die Möglichkeit, einen Beitrag zur Entlastung des steigenden Verkehrsaufkommens sowie zur Kostenreduzierung zu leisten."

Weniger Schadstoffe

Die ökonomischen Vorteile der "Mega-Liner" liegen klar auf der Hand: Anstatt bisher 34 Paletten können sie 52 Paletten zuladen. Dies bedeutet konkret: Kraftstoffverbrauch und CO2-Belastung der Umwelt pro transportierter Palette nehmen ab. Die Schadstoff-Emissionen sinken nach Berechnungen des Ministeriums um 20 Prozent, die Transportkosten sogar um 25 Prozent.

Auch die Lastwagen-Dichte würde bei gleich bleibender Menge des Güterverkehrs sinken. Im Falle der prognostizierten Steigerungsraten des Verkehrswachstums um 64 Prozent bis zum Jahr 2015 würde diese Zunahme den Lkw-Verkehr nur um 7 Prozent anschwellen lassen: Würde der Straßen-Transport völlig auf die neuen überlangen Lastwagen umgestellt, würden pro hundert Lastwagen-Ladungen gegenwärtig im Jahr 2015 nur 107 in superlangen anstatt 164 in Lkw bisheriger Größe nötig sein. Ein weiterer Pluspunkt sind Einsparungen beim Treibstoffverbrauch. Weil mit weniger Lastwagen die gleichen Transportkapazitäten erreicht werden, wird weniger Kraftstoff benötigt. Auch die Fahrbahnen der Autobahnen werden weniger belastet, weil bei gleicher Achslast weniger Lastwagen verkehren.

Den heftigen Protesten der Automobilclubs versucht das Wirtschaftsministerium in Hannover mit Sicherheits-Auflagen für die Spediteure zu begegnen: Die "Mega-Liner" dürfen vorab nur nachts und auf genau festgelegten Routen verkehren. Überwiegend muss der Transport auf Autobahnen erfolgen, städtische Agglomerationen sind zu meiden, und das Kurvenverhalten der überlangen Lastwagen auf den vorgesehenen Strecken ist vorab zu testen.

Das Pilotprojekt "Mega-Liner" wurde vorerst bis 31.7.2007 begrenzt und wird der Landesregierung in Hannover wichtige Details zu einer Machbarkeitsstudie liefern. In den Niederlanden ist bereits ein Gesamtgewicht von 60 Tonnen pro Lastwagen erlaubt.

Gerne würden die niederländischen Spediteure mit ihren ökonomischen 60-Tonnern auch bundesdeutsche und andere EU-Autobahnen befahren, was ihnen bisher verwehrt ist. Möglicherweise ist die Ausnahmegenehmigung für das immerhin flächenmäßig größte deutsche Bundesland Niedersachsen ein erster Schritt, um 60-Tonnen-Lkw auch in anderen europäischen Ländern salonfähig zu machen.